Projektidee, ab in den Zettelkasten

Wo ich neulich schon bei Max Frisch war, dachte ich, könnte ich ja noch schnell bei Uwe Johnson hineinsehen. Die beiden kannten sich, die schrieben sich Briefe und waren befreundet, so kommt man als Leser von Dichter zu Dichter. Das ist nämlich auch so eine Bildungslücke bei mir, zu dem Herrn Johnson bin ich bisher noch nie gekommen. Und nach den ersten dreißig Seiten von “Mutmaßungen über Jakob”, was er übrigens “Mutmassungen” schreibt, er war da etwas eigensinnig, bin ich mir auch nicht sicher, ob das nicht vielleicht so bleiben kann. Aber in die “Jahrestage” gucke ich natürlich auch noch, stets bemüht wie ich bin.

“Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen”, das ist der berühmte erste Satz in dem Buch. Einerseits ein erster Satz, bei dem man sich gleich vorstellen kann, wie aus ihm heraus eine Geschichte generiert wird, wie alles aus diesem Satz kommt, sozusagen aus der Überschrift fällt und am Ende einen Kreis schließt. So gesehen ein großer, ein meisterhafter Satz, der klingt schon nach Literaturlexikon, und das schafft nicht jeder erste Satz. Andererseits aber auch ein Satz, der so bierernst vor Bedeutung strotzt, dass es vielleicht doch schon wieder unangenehm ist. Da steckt ein so hemmungsloses “Los, interpretier mich! Du willst es doch auch!” drin, ich weiß ja nicht, das ist womöglich etwas over the top, ist es nicht? “Zur Bedeutung des “quer” bei Uwe Johnson”, man sieht Tausende von Scheinen, von Studentinnen emsig herbeigeschrieben, der Stapel wächst immer noch weiter, noch jahrzehntelang, und immer weiter und weiter geht Jakob quer über die Gleise.

Der viel bekanntere erste Satz ist der gebetsmühlenhaft bei dem Thema erwähnte “Ilsebill salzte nach”, natürlich vom ollen Grass. Im direkten Vergleich würde ich den tatsächlich in diesem Fall bevorzugen, das Erwecken des Leserinteresses durch den seltsamen Namen Ilsebill ist doch ganz gelungen, finde ich, fast könnte man dabei Humor vermuten, hätte man nicht immer das Bild des griesgrämig herabhängenden Schnauzers vor Augen.

Egal. Man soll von den Großen lernen, deswegen ziehe ich gerade in Erwägung, eine Geschichte in ihrer Tradition zu schreiben, natürlich mit ihren Themen. Es muss also um Deutschland gehen, gerne mit den früheren Ostgebieten dabei, unbedingt geschichtlich weit ausholend, am besten gleich bis in die Steinzeit. Tragisch muss es sein, eh klar. Die Hauptfigur ist, was weiß ich, Foodbloggerin, da kenne ich mich halbwegs mit aus, das ist modern und weckt Interesse, da hat man gleich die Blogszene an Bord und dann noch die ganzen Foodies, das wird quasi ein Selbstläufer. Und diese Foodbloggerin macht, irgendwo muss der Bezug ja herkommen, vielleicht etwas mit pommerscher Küche, das hat nämlich auch schon ihre Großmutter gemacht – und deren Mutter und immer so weiter. Selbstverständlich ist sie irgendwie seltsam, vermutlich geht es in ihrem Blog um den Verzehr von Fleischbergen, weswegen sie dauernd im Kriegszustand mit der veganen Schickeria ist, so etwas in der Art. “Kraut und Rüben haben mich vertrieben”, das gibt es doch als Volkslied, fällt mir gerade wenn das kein einladendes Detail ist! Das reicht doch schon für ein Kapitel. Mindestens. Wo war ich?

Pommersche Küche also, die durch diese Foodbloggerin in Berlin plötzlich total hip wird und dann aber auf einmal in der falschen Szene gegessen wird, bei den Rechtsradikalen also, dabei hat sie das doch nie gewollt, na, und so weiter. In Rückblenden werden zwischendurch selbstverständlich und in epischer Breite die Geschichten der vorhergehenden und mal mehr, mal weniger unterdrückten Generationen eingebaut, immer schön sinnlich um die Ernährungstraditionen der Gegend herum gruppiert, so dass die Leserinnen sich irgendwann vor Lust auf Räucherfisch und Klackerklüten gar nicht mehr lassen können, wobei ich Klackerklüten gar nicht kenne, das habe ich nur gerade schnell gegoogelt, Recherche, Baby!

Den Namen der Protagonistin entnehme ich am besten direkt einem bekannteren Werk, denn man muss Bezüge für spätere Literaturwissenschaftlerinnen auch ansprechend klar machen und bedeutungsschwangere Namen sind dabei unbedingt von Vorteil. Und überhaupt kann man sich mittlerweile bekanntlich großzügig an fremden Werken bedienen, das geht kulturell klar, hey, es ist 2017.

Ich bin noch nicht sehr weit, aber der erste Satz ist schon einmal der Hammer: “Ilsebill salzte quer.”

Krachendes Blau

“Aber am besten war es, wenn die Jungen zusammen ans Ruder durften, mit Tom Platt in Rufweite, und die We’re here ihre Leereling ins krachende Blau schmiegte und über dem Spill ungebrochen einen kleinen selbst gemachten Regenbogen hochhielt. Dann wimmerte die Klau jedes Baums gegen den Mast, und die Schoten knirschten, und die Segel füllten sich brüllend; und wenn sie in eine Mulde glitt, zappelte sie wie eine Frau, die sich in ihrem Seidenkleid verfangen hat, und kam wieder hoch, der Klüwer nass bis zur halben Höhe, und sehnte sich und spähte aus nach dem großen Doppelfeuer von Thatcher’s Island.”

“Über Bord” von Rudyard Kipling, Deutsch von Gisbert Haefs. Und was für ein Deutsch! Maritim bis zum Anschlag, absatzweise sogar so maritim, dass man als stinkige Landratte nur man gerade so halbwegs ahnt, was da gemeint ist. Und dass man da beim Lesen glatt die Hälfte seiner Ahnung verliert, das ist ganz seltsam erholsam, als würde man eine Woche auf einem Segelboot zubringen, mitten drin in dem krachenden Blau.

Ein äußerst verwöhnter Millionärssohn, halbwüchsig und schwer verzogen, geht auf einem Passagierschiff über Bord, als er sich seekrankheitsbedingt etwas außenbords hängt. Das passiert mitten im Atlantik (eingeschworene Element-of-Crime-Fans murmeln hier zwanghaft was von “Niemand ist gern allein mitten im Atlantik”, der Rest ignoriert diese Klammer bitte einfach), der Jüngling ertrinkt aber nicht, er wird von Fischern aus dem Meer gezogen. Fischer, die monatelang auf Kabeljau gehen und überhaupt nicht daran denken, den kuriosen Passagier vor Ablauf der Saison zurück an Land zu bringen, da könnte ja jeder kommen, bzw. vorbeischwimmen. Erst die Arbeit und dann.

Mangels anderer Wahl muss der Gerettete also an Bord mitarbeiten, wobei er sich erstaunlich prächtig entwickelt, was aber auch egal ist, wen interessiert schon die Handlung – viel wichtiger für die Lesenden ist doch, dass man da auf diese angenehm altmodische Schmöker-Art dabei ist, an Bord ist, im krachenden Blau ist.

In einigen Bundesländer sind schon Sommerferien, hört man. Vielleicht ist das Buch aber gerade für die eine Empfehlung, die noch keinen Urlaub haben, keine Ferien, keine Reisezeit, die also nichts als Alltag und Routine und immerwährenden Landgang haben. Mit diesem Buch kommt man nämlich doch kurz mal raus. Und sogar ziemlich weit.

“Über Nacht waren weitere Schoner angekommen, und die lange blaue Dünung war voll von Seglern und Dorys. Weit weg am Horizont besudelte der Rauch eines Liners mit unsichtbarem Rumpf das Blau, und im Osten war es viereckig eingekerbt von den eben auftauchenden Bramsegeln eines großen Schiffs. Disko Troop lehnte am Kajütendach und rauchte – ein Auge bei den Schiffen ringsum, das andere beim kleinen Windanzeiger am Haupttopp.”

Beifang vom 22.06.2017

Für die GLS Bank habe ich sieben Links zum Thema Fahrrad zusammengestellt. Wobei ich den Artikel weggelassen habe, in dem Hamburg neulich in einem Ranking der fahrradfreundlichen Städte recht weit oben war, der kann eigentlich nur ein Scherz gewesen sein.

Weil es irgendwie keiner richtig mitbekommt – es gibt Neues vom Überwachungsstaat.

Die Zeit über das Hamburger Phänomen Budni. Budni kann ich recht kurz erklären, das ist der Laden, in dem die Verkäuferin, wenn ich zufällig doch einmal im Jahr mit der Herzdame gemeinsam einkaufe, uns ansieht und sagt: “Das ist ja schön, dass man sie beide mal zusammen sieht.”

Kiki über die Bundeswehr und G20 und überhaupt. Ich bin ja immer froh, wenn auch andere die Abschaffung der Wehrpflicht für eine eher fortgeschritten dumme Idee halten. Und warum man sie dann nicht zumindest gegen ein soziales Jahr für alle getauscht hat – für mich völlig unbegreiflich.

Und immer wieder HONY. Etwa das hier. Solche Postings ersetzen glatt zwei bis drei Kurzgeschichten.

Meine Timelines bejubeln gerade den Artikel in der Zeit, in dem der Chefredakteur online einmal mit einem spricht, der nicht seiner Meinung ist. Das ist sicher ehrenwert, dass der das mal tut, allein mich wundert, wieso er das nicht öfter tut. Genau genommen verstehe ich bei dem Thema gerade die Welt nicht mehr. Kennt der denn keine Menschen? Begegnet er keinen? Nicht einmal beruflich? Er hat doch sogar in seiner Redaktion Meinungsabweichler, recht bekannte sogar, schweigt er die an? Hat er keine Nachbarn, fährt er nie U-Bahn, geht er in keine Kneipen? Ich bin nun wirklich ausgeprägter Stubenhocker und eher Sozialmuffel, aber ich kenne Wähler aller gängigen  deutschen Parteien, sogar von der FDP. Ich kenne arrogante Managerinnen und wütende Hartz-IV-Empfänger, ich kenne verbissene Ökos und egozentrische SUV-Fahrer, ich kenne komplette Klimagnoranten und auch Autofetischisten, Offiziere und Friedensforscherinnen, erstaunlich stolze Deutsche und Ausländerinnen aus was weiß ich wie vielen Staaten, ich kenne Bayern und Hessen und Sachsen und Inselbewohner und Südtiroler und Milchbauern und Medienhausbesitzer und auch leidenschaftliche Fußballfans, die denken alle irgendwie seltsam anders als ich – und das ist doch nun beim besten Willen kein Kunststück, die alle zu kennen, ich mache doch gar nichts dafür? Ich verstehe es wirklich nicht recht. Ich bin umzingelt von Menschen, die nicht meiner Meinung sind und in anderen Welten leben. Aber wieso sind das denn nicht alle?

Anne über eine der Sollbruchstellen in Beziehungen. Vermutlich eine der Top-3-Sollbruchstellen. Und auch in der Erziehung, by the way: “Wir haben aufgeräumt!” Nein, habt ihr nicht!”

Patricia hat bei der Bahnhofsmission geholfen.

Die Musik ist heute wieder eine Empfehlung der Herzdame, hat also etwas mehr Kawumm. Quasi passend zum Gewitter heute. Das sah übrigens von meinem Büro aus so aus:

Verlosung: Ninjago-Hausaufgabenheft

Ein Text von Johnny Buddenbohm, sieben Jahre alt.

Mir wurden wieder Bücher vom Ameet-Verlag zugeschickt, die waren auch ganz toll, aber mit einem davon kann ich nichts anfangen: “Mein Hausaufgabenheft”. Weil ich gar keine Hausaufgaben habe, denn ich gehe zu einer Ganztagsschule. Deswegen verlosen wir das jetzt. Das Buch passt für alle in der Grundschule. Es sind auch Comics zum Selberbetexten drin und das kleine Einmaleins und so etwas.

Ich würde es eigentlich ganz gut finden, wenn wir Hausaufgaben hätten, dann könnte man auch in den Ferien arbeiten. Ich liebe Schule nämlich und kann mich ohne Hausaufgaben nicht so gut entscheiden, was ich alles machen soll.

Wir machen einfach eine Liste mit allen, die hier drunter bis einschließlich Donnerstag etwas kommentieren, und da suchen wir dann per Zufall aus, wer gewonnen hat und schicken das Buch zu.

Und das hier ist keine bezahlte Werbung.

Ein Update bei „Was machen die da“

Isa und ich haben eine neue Folge online gestellt, diesmal haben wir eine Dame befragt, die einen recht charmant gelegenen Arbeitsplatz hat:

Katrin Roeske spielt dort die Wasserfontänen bei den Wasserlichtkonzerten im Hamburger Park “Planten & Blomen”. Ein wirklich ziemlich spezieller Job. Und einer, bei dem ich als Fotograf dieser Interviews ziemlich begeistert von den sich dort bietenden Motiven war.

Zum Interview bitte hier entlang.

Beifang vom 16.06.2017

Sven über die Hamburger Schulen und ihre langsam fortschreitende Digitalisierung. Ich fand ja die Sache mit den privaten Mailadressen der LehrerInnen auch ziemlich befremdlich. Und ich verstehe nach wie vor nicht recht, warum man dieses typische Ganztagsschulproblem, dass die Eltern rein gar nichts über den Schulalltag erfahren, nicht online und nebenbei löst. Mir würde es z.B. schon weiterhelfen, wenn ich wüsste, die dritten Klassen machen in Sachkunde gerade das Skelett. Das sind zwei Wörter, Sachkunde und Skelett, die würden schon etwas bringen. Das müsste doch möglich sein? Ist es aber bisher nicht: “Zu viel Aufwand.” Ich sehe das anders. Und diese ganzen Zettel sind die Pest, niemand will Zettel, der Zettelprozess ist abzuschaffen, darüber kann ich mich endlos aufregen. Zettel führen zur Beschäftigung mit Zetteln, sie führen nicht oder nur selten zu Problemlösungen. Wenn man beruflich was mit Prozessen macht, kann man Zettel heutzutage einfach nicht mehr so gut ertragen. Zettel sind total unpraktisch, gefährden den Familienfrieden und sind zur falschen Zeit am falschen Ort – und zwar falsch ausgefüllt.

Noch ein Text zur Ehrenrettung von Phil Collins. Fast möchte man mal wieder was von ihm hören. Na, immerhin fast.

Lesezeit: 100 Minuten. Hihi.

Patricia Cammarata über Elternschaft und Betriebswirtschaft. Mich nervt es ja nicht sehr, ein krankes Kind zu betreuen, das gehört mit dazu, mich nervt der bürokratische Akt dabei, da gibt es nämlich bei der Krankmeldung so Zettel – na gut, das hatten wir weiter oben schon. Himmel.

Apropos Betriebswirtschaft: Für die GLS Bank habe ich fünf Links zum Thema Konsum zusammengestellt. Es reicht eben nicht, einfach nur zu konsumieren, man muss es auch kompliziert finden.

In der Schlange vor Kasse Sieben.

Der Roman “Ein Leben” von Guy de Maupassant wurde verfilmt. Den könnte man vorher glatt nochmal lesen, von Guy de Maupassant könnte man sowieso alles doppelt lesen, wenn man schon dabei ist, so viel hat der gar nicht geschrieben.

“Die Schwierigen” von Max frisch durchgelesen und zwar gerne. Ein Liebesroman von der Sorte, die einen ohne jedes Lächeln zurücklässt, aber so etwas hat selbstverständlich seine Berechtigung. Interessant aber auch, dass man hier ganz wunderbare Naturschilderungen findet, ich meine, erwartet die jemand bei Max Frisch?

Außerdem ein anderes Buch über die Liebe gelesen, und da kann man dann sehr wohl lächeln, reichlich sogar, alt und weise wie man ist. “Ich bin sie” von Naira Gelaschwili, aus dem Georgischen von Lia Wittek. Habe ich schon jemals ein Buch aus Georgien gelesen? Vermutlich nicht. Hier eine schöne Rezension zum Buch.


Außerdem bin ich etwas verliebt in diese Version der Bohemian Rhapsody. Die ist auch sehr gut als Soundtrack vorstellbar, etwa zu verwackelten und farbstichigen Handkamerabildern einer Kindheit in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts. Doch, das kann ich mir sogar ganz hervorragend vorstellen.

Zwei im Gespräch

Im Landlebenblog geht es gerade um einen Schäfer und um Dietrich Bonhoeffer. In der Hamburger Innenstadt gibt es übrigens neben einer Kirche ein Denkmal für Dietrich Bonhoeffer und ich glaube, ich habe hier noch nie darüber geschrieben, fällt mir gerade ein, dass ich dort einmal einen jungen Obdachlosen mit Hund gesehen habe, der lange vor dieser Statue stand. Der sprach mit dem bronzenen Herrn – oder woraus der auch sein mag, ich weiß es gar nicht. Er stand jedenfalls so nah vor ihm und sprach so ernsthaft auf ihn ein, dass es tatsächlich wie ein angeregtes Gespräch aussah. Er wartete zwischendurch immer ein wenig ab, was der andere wohl sagen würde, nickte, dachte, sprach dann erst weiter. Er war nicht betrunken, er war nicht irre. Er wirkte auch nicht selig entrückt, wie gewisse religiöse Schwärmer, die in der Innenstadt gerne ihren Glauben vor Kaufhäusern predigen und dabei wild mit Schriften oder großen Holzkreuzen hantieren. Kein haltloses Schwanken, keine übertriebenen Gesten, er sprach ganz normal, so unterhält man sich eben auf der Straße.

Er war nur ein klein wenig verwahrlost, das schon. Aber die Statue vor ihm stand natürlich auch schon ein paar Monate ungereinigt unter freiem Himmel, die gepflegteste Erscheinung war sie also auch nicht gerade. Der junge Mann drehte sich irgendwann um und ging, als es für ihn nichts mehr zu sagen gab. Dann blieb er doch noch einmal stehen, sah sich um und winkte kurz. Wie man einem Freund nachwinkt, den man gerade zufällig auf der Straße getroffen hat. Dann ging er weiter. Einen Schlafsack unterm Arm, den Hund an der Leine, so verschwand er im Gedränge der Fußgängerzone. Die Statue stand so, dass sie ihm nachsah.

Und vielleicht kommt der junge Mann da ja öfter vorbei, an dieser Statue im Schatten der großen Kirche. Es würde mich gar nicht wundern, die Begegnung sah so alltäglich aus. Vielleicht ist es da ganz gut für ihn, dass der Herr Dietrich Bonhoeffer dort so überaus verlässlich und allzeit gesprächsbereit auf seinem Posten steht. Man weiß es nicht. Was weiß man überhaupt schon über das Kommunikationsverhalten von Denkmälern.

Beifang vom 13.06.2017

SPON über Roger Waters neues Album, das hier auch gerade rauf- und runterläuft. Siehe dazu auch bei Don Dahlmann.

Wie die Hippies schwarze Musik links liegen ließen.

Ein Artikel über den härtesten Baum von Berlin.

Christian Fischer (und dort verlinkt Meike Winnemuth) über das Nettsein.

Für die GLS Bank habe diesmal nicht ich etwas gesammelt, das hat Patricia Cammarata übernommen. Zum Thema Mobilität.

Und wo wir hier gerade beim Einkaufen waren – sehr viele Informationen über Rindfleisch und Kuhhandel.

Wir sollten machtkranke Menschen trösten, sie halten, ihnen ruhig zusprechen und ihnen helfen, aus dieser vermutlich deprimierenden Spirale von Größenwahn zu einem kurzem Aufflackern von Erkenntnis zu gelangen.

Die Musik kommt heute wieder von der Liste der Herzdame. Den Song hat sie zwar nicht empfohlen, aber die Gruppe – und wir brauchen ja auch ein nettes Video dazu. Entspannte Sommerabendmusik. 

12 von 12 im Juni

In den letzten paar Monaten habe ich 12 von 12 nicht geschafft, vielleicht gelingt mir die regelmässige Teilnahme jetzt wieder. Wer es nicht kennt: Hier ist die Erklärung und hier sind die anderen 12 von 12 aus diesem Monat.

Am frühen Morgen gelingt mir ein überaus erstaunliches Bild, es sieht darauf so aus, als sei diese Wohnung aufgeräumt und halbwegs dekorativ hergerichtet. Das Gegenteil ist der Fall, aber uns bleibt jetzt immer dieses Bild. Voll schön.

Sohn II absolviert schon vor der Schule Lesezeit, ich berichtete bereits von den dafür auszumalenden Bären. Die Motivation hält.

Ich bringe Sohn I zum Start seiner Klassenfahrt. Er reist mittlerweile häufiger als der Rest der Familie, es ist interessant, wie früh sich so etwas Bahn bricht. Wo man doch meinen sollte, ein Kind in dem Alter könne so etwas kaum beeinflussen – aber die Umstände fügen sich oft elegant so, dass er unterwegs sein kann.

Ich fahre nach Mölln, wo ich ein- bis zweimal im Monat arbeite, die Firma hat dort einen weiteren Standort, hier im Bild der Parkplatz. Während ich früher gerne über Mölln gelästert habe, Kaff am Arsch der Welt eben, finde ich es heute dort ganz nett. Die Firma liegt quasi im Wald, wenn ich dort parke, steht manchmal ein Reh auf dem Parkplatz, das mir erst dann huldvoll Platz macht, wenn ich langsam näher rolle. Es riecht am Morgen nach Sommerregen, nach nassem Holz, Moder und Erde, es riecht sehr, sehr anders als in Hamburg-Mitte. Ich steige aus und finde alles schön. Schöner Wald, schönes Reh, schöne Morgenstimmung. Wenn man schon altersmilde wird, sollte man es auch geniessen – und ich nicke dem Reh vom Dienst betont freundlich zu.

Wieder in Hamburg gehe ich im Auftrag von Sohn II einkaufen, es gibt schon wieder Weißwurst. Vielleicht gibt es jetzt auch wochenlang Weißwurst, das wird noch zu verhandeln sein. Auf dem Gehweg steht wieder alle paar Meter “Frei sein”, eine Dame malt das hier seit mittlerweile vielen Monaten überall hin, es soll Kunst sein. Natürlich halten das nicht alle für Kunst, natürlich gibt es in den Facebook-Gruppen des Stadtteils wüste Kommentare und Unfreundlichkeiten aller Art zum Thema. Neulich stand ich daneben, als die Polizei dieser Dame erstaunlich ruppig drohte, die Kreide demnächst sicherzustellen, das sei ja immerhin eine Ordnungswidrigkeit, diese Kreideschmiererei. Nun ja.

Ich singe ebenso verstimmt wie situationsbedingt beim Einkauf Teile einer alter Weise:

“Es regnet sehr und er ward –
nass.”

Und das Schaf auch.

Dann ein dringend notwendiger Rettungskaffee beim Portugiesen. Neben mir sitzen ein Vater und eine Tochter und unterhalten sich, sie sprechen Englisch. Nur eine deutsche Vokabel fällt, von beiden ganz selbstverständlich in den Redefluss eingebaut: “Schweinebaumeln.” Das ist natürlich ein wichtiges deutsches Wort, das kann man sofort nachvollziehen. Aber ob es keine englische Entsprechung hat?

Zwischendurch immer Laternenpfähle lesen, man könnte sinnvolle Hinweise finden. So wie den hier.

Bevor ich Sohn II an der Schule treffe, kann ich einer seltsamen Lieblingsbeschäftigung nachgehen, die andere nur begrenzt nachvollziehen können: Ich räume gerne das Kinderzimmer auf. Allerdings nur dann, wenn keine Kinder darin sind und widersprechen können. L’Ordnung, c’est moi.

Eigentlich lese ich ja was anderes, allerdings liegt der Kipling ganz dicht daneben, da muss ich also auch einmal schnell hineinsehen, es ist wirklich fatal. Nur ein paar Seiten! Das Buch ist neulich irgendwo – weiß der Teufel wo – jubelnd besprochen worden, deswegen ist es auf dem Nachttisch gelandet.

Das von Sohn II bestellte Abendessen, für Bayern ist das natürlich so nicht vorzeigbar, schon klar. Als Norddeutscher ist man da etwas freier. Ich stelle außerdem fest, dass die Herzdame leider auch Weißwürste gekauft hat. Es wird also in Kürze noch einmal Weißwürste geben müssen. Hm.

Der Rest des Tages wird mit Bildbearbeitung für die nächste Folge von “Was machen die da” verbracht. Es wird Bilder geben, die haben Sie so noch nie gesehen, wage ich einmal zu behaupten. Aus Gründen.

Nebenbei frisch auf Youtube gefunden: Eine Live-Aufnahme von Summer Wine, die ich noch nicht kannte.

Der Mensch braucht achtzehn Sorten Milch

Der Familienalltag folgt hier wie überall auch den Gezeiten der pädagogischen Ambitionen der Eltern. Mal verebbt alles in einem gelassenen Laissez-Faire, mal schlägt die Flutwelle der guten elterlichen Absichten über den Söhnen zusammen, dass denen Hören und Sehen vergeht. So auch jetzt gerade, denn es wird mit Macht und Einsatz die hohe Kunst des Einkaufens vermittelt. Und das kam so: Im Matheunterricht eines der Söhne ging es um Preise für Lebensmittel, ums überschlägige Rechnen und auch ums Ermitteln von Gesamtpreisen, also was kostet ein Kuchen mit folgenden Zutaten und dergleichen Aufgaben mehr. Die Eltern wurden gebeten, mit den Kindern ab und zu im Laden etwas zu addieren. Das war der eine Aspekt.

Ein weiterer Aspekt bestand darin, dass ich bisher der alleinige Einkäufer in der Familie war, denn die Herzdame und ich haben eine ebenso seltsame wie strikte Art der Aufgabenverteilung. Ich kaufe ein, sie nicht. Das ging auch jahrelang gut, allmählich merke ich aber, dass die Söhne erheblich größer geworden sind und jetzt wesentlich mehr verbrauchen, in Wachstumsphasen auch gerne so viel wie gewisse Raupen in Bilderbüchern. Sie essen also mehr, sie trinken mehr – und ich schleppe immer alles ran. Als fast durchgehender Autoverweigerer natürlich zu Fuß oder mit dem Rad. Und ich war mit dieser täglichen Schlepperei allmählich ein klein wenig unzufrieden.

Also habe ich den erstaunten Söhnen am letzten Montag kurzentschlosssen verkündet, dass sie in den nächsten Wochen für das Einkaufen zuständig sein werden. Sie haben bitte ab sofort festzulegen, was hier gegessen werden soll, wozu eine gewisse und immer gleiche Summe pro Tag zur Verfügung steht, die in der Höhe zwar etwas sportlich, aber auch nicht zu spartanisch festgelegt wurde. Sie können pro Tag gerne etwas mehr oder auch weniger ausgeben, über eine Woche gerechnet muss es aber hinkommen, da freut sich dann nämlich auch die Mathelehrerin. Sie müssen natürlich nicht jeden Tag alles selbst kaufen, wir können das gerne zu dritt erledigen oder irgendwie aufteilen, wie auch immer. In jedem Fall brauche ich aber einen Einkaufszettel, der von ihnen definiert wurde, mehr wird einfach nicht gekauft. Wochenrestguthaben, das ist ganz wichtig, werden auf die nächste Woche angerechnet und verwandeln sich nicht etwa in Taschengeld. Das ist deswegen festzulegen, weil die Söhne sonst plötzlich sechs Tage von Knäckebrot und Leitungswasser leben und am Sonnabend je zehn Fidget Spinner und etliche Pokémonkarten kaufen gehen würden. Das möchte ich aber nicht, denn ich neige zu Hunger und Appetit zwischendurch.

Das also war die Ausgangslage. Wir haben noch definiert, dass es bei all dem nur um Lebensmittel geht, nicht um Sachen aus dem Drogeriemarkt und Sonstiges. Und wir haben festgelegt, dass wir nicht von Schokolade und Gummibären leben wollen. Zumindest nicht komplett.

Es folgte eine Woche voller interessanter Erkenntnisse. Wenn ich mich zum Beispiel kategorisch weigere, irgendwas zu kochen, was nicht von den Kindern vorgeschlagen wurde, entwickeln sie tatsächlich brauchbare Ideen. Pellkartoffeln mit Quark, spottbillig und gesund, doof sind sie ja nicht. Am nächsten Tag dann Backofenkartoffeln mit Dip, also gleich die Kartoffeln und den Quark aufgebraucht, wirklich recht clever. Dann Weißwurst mit Krautsalat, süßem Senf und Laugenbrezeln, alles Fertigprodukte, aber alles noch voll im Preisrahmen. Im Preisrahmen, den sie, das war eine große Überraschung, mit anderen Fertigprodukten aber nicht eingehalten hätten. Tiefkühlpizza für vier richtig hungrige Personen? Gar nicht mal so billig! Dann doch lieber selber kochen. Auf dem Einkaufszettel standen auch die Sachen, die wir für die Schulbrote brauchen, dabei wurde ebenfalls gespart. Es geht plötzlich ohne jeden Schnickschnack in den Brotdosen. Sie kaufen weniger ein, als ich routinemäßig einkaufen würde. Die Schränke leeren sich ein wenig. Wer Vorräte aufbraucht, der gibt nichts aus.

Die Kinder gehen durch die Gänge des Supermarktes und rechnen, sie verzichten auf etliche Sonderwünsche. Sie betrachten Sparen als Erfolg und gewinnen eine Vorstellung, was was kostet, das ist alles pädagogisch ganz prächtig. Ich mische mich nur begrenzt ein. Wenn etwas falsch gekauft wird, besprechen wir das hinterher. Die Kinder kaufen Apfelsaft, sie nehmen aber den schlechtesten zum höchsten Preis, der hatte eben die hübscheste Verpackung. Was hängt da inhaltlich alles dran? Der Unterschied zwischen Direktsaft und Konzentrat, die Sache mit dem Marketing und der Werbung, die Sache mit dem Preisvergleich und die Frage, was man eigentlich will und worauf man reagiert. Bio, regional, lecker, billig, hübsch verpackt, groß, klein, mit Zuckerzusatz und immer so weiter, die Aspekte hören gar nicht mehr auf, wenn man einmal anfängt, darüber nachzudenken. Man geht gar nicht mal eben so schnell einkaufen, man denkt nur, dass man das tut. In Wahrheit ist das ein ungeheuer komplexer Vorgang.

“Und warum kaufen wir überhaupt Apfelsaft, Papa?”

“Ja, Himmel, weil ihr den jeden Tag trinkt!”

“Müssen wir nicht. Kostet nur Geld, so wichtig ist der gar nicht, Wasser geht auch.”

“Ach was?!”

Ein Sohn geht Milch kaufen, in dem Laden stehen zwei Sorten, das kennt er schon. Da weiß er, was er nehmen soll, nämlich die Packung mit der richtigen Prozentzahl drauf. Am nächsten Tag geht er aber in einen anderen Laden, in unseren Edel-Edeka, da stehen achtzehn Sorten Milch. Achtzehn Sorten, ganz im Ernst, ich habe das nachgezählt. Inklusive lactosefreier Spezialmilch, Hafermilch, Heumilch, Buttermilch, Regionalmilch, Biomilch, Bioregionalmilch, Billigmilch, Noname-Milch und immer so weiter, achtzehn Sorten lang, zwei Meter Milch. Was zum Teufel nimmt man da? Und warum gibt es die alle, braucht die jemand, brauchen wir als Gesellschaft die? Die stehen da, weil sie jemand kauft, weil wir so überaus feinsinnige Konsumenten sind oder weil wir offensichtlich keine anderen Probleme haben, man kann das böse oder gelassen betrachten. Achtzehn Sorten Milch, und bei einer Blindverkostung wird der Geschmack dann achtzehnmal zutreffend als milchig bezeichnet.

“Als ich klein war, da gab es einfach nur Milch, wir hatten ja nichts.”

“Ja, Papa, früher!”

Wenn wir Erwachsenen einkaufen gehen, entscheiden wir mal eben nach Weg und Zeit, in welchen Laden wir gehen. Wir entscheiden nach Preis und Erfahrung, welches Produkt in Frage kommt, im Hintergrund des Kopfes spielen sicher auch moralische Aspekte und Meinungen eine Rolle, irgendwelche Überzeugungen. Der Konzern da ist böse, der Discounter ist blöd, im Bioladen sind alle zu langsam, generell lieber kleinere Hersteller, aber ach guck, ein Sonderangebot, und ach guck, das da kenne ich ja noch gar nicht und das da gab es doch neulich bei X, das hat saugut geschmeckt und das da gibt es jetzt neuerdings als Hausmarke, kann man ja mal probieren. Einkaufen ist irre kompliziert und ich verhalte mich nicht geradlinig dabei.

Wir oft folge ich meinen Überzeugungen und weiß ich genau, wann ich das nicht tue, ist das dann Absicht, ist das Nachlässigkeit, Ignoranz, Zeitknappheit, Budgetknappheit? Warum kauft man eigentlich manchmal falsch ein oder doch nur so mittelrichtig? Und bei bestimmten Produkten aber immer goldrichtig? Weil das Craftbeer einfach besser schmeckt, weil der Laden eben auf dem Weg lag, das sind doch im Grunde schwache Antworten, die man sich da selbst geben muss. Man kann alles noch einmal neu durchdenken, wenn man es Kindern beibringt, denn die merken ja sofort, dass man sich nicht an die eigenen Regeln hält, die man so wortreich erklären kann. Also von vorne nachdenken, warum auch nicht. Ich finde das immer noch gut, auch seine Prioritäten im Alltag kann man ruhig einmal aufräumen.

Heute gab es Hühnersuppe, morgen gibt es asiatische Bratnudeln, vom Speiseplan her ist das Programm bisher gut auszuhalten. Im Schrank steht jetzt ein sehr großes Glas Nutella, das stand da vorher nicht. Unterm Strich bin ich mehr als zufrieden mit der ersten Woche.

An der Fleischtheke stand vor uns ein junger Mann, der bestellte nicht etwa zwei Rumpsteaks, der bestellte: “Zwei so Slices vom Rind.” Der Sohn neben mir hörte es und sah mich fragend an. Wir haben wirklich noch viel zu klären in den nächsten Wochen. Sehr viel.