Beifang vom 30.04.2017

Der letzte Beifang im April, bevor wir morgen wieder alle sinnend in den dann schon wieder grauen Himmel sehen und die einzig vernünftige Bauernregel murmeln: “Regen im Mai, April vorbei.” Die mir übrigens tatsächlich ein nordostwestfälischer Bauer auf einem Feld erzählt hat. Natürlich todernst.

Das deutsche Pen-Zentrum hat eine neue Präsidentin. Und wer hat sie gerade interviewt? Genau.

In der Zeit lobt man die Konzentration. Meine Rede, bzw. mein gebetsmühlenhaft häufig wiederholtes Genörgel: “Ich will meine Ruhe.” In Ruhe denken zu können, das ist schon ganz nett, man muss es auch nicht unbedingt “deep work” nennen. Man möchte vielleicht einfach nur nicht belästigt werden, ich finde das in Ordnung und statthaft. Was machst Du da? Ich worke deep. Herrje. Passend dazu schreibt Peter Glaser über das Abschalten im wörtlichen Sinne.

Ich kann übrigens, das ergibt sich aus der Familiensituation, für eine kurze Zeit recht gut arbeiten, wenn um mich herum Chaos herrscht, ich aber dabei über Kopfhörer Musik hören kann. Sie darf nur keinen Text haben. Oder sie muss unverständlich sein. Und da habe ich gerade eine feine Entdeckung gemacht, auf Spotify gibt es von Fabrizio de André das Album “In Direzione Ostinate et Contrario”. Der Herr war italienischer Liedermacher, seine Texte klingen so, als seien sie ungeheuer intelligent, obwohl ich natürlich überhaupt kein Wort verstehe. Doch, gelegentlich verstehe ich immerhin “amore”. Dann ziehe ich an meiner nur imaginären Pfeife, lehne mich zurück und denke kraft meiner Lebenserfahrung: “Ja, ja, amore.” De André erzählt mit sonorer Stimme, langsam und in melancholischem Tonfall, und man kann gedanklich nirgendwo einhaken. Dennoch hat man dabei das Gefühl, gehoben unterhalten zu werden. Perfekt, so muss das sein. Zum Reinhören etwa “La Ballata dell’eroe nehmen”. Oder “Via del campo”.

Apropos Familienchaos. In Richtung Nieselpriem ein herzliches “I feel you.”

Zwischendurch mal schnell Schmetterlinge legen. Hilft nicht gegen Familienchaos, aber sonst gegen alles.

Hier wird ein Trennungssong interpretiert, das kommt jetzt aber nur zufällig direkt hinter dem Familienchaos.

Und hier wird ein Buch über den Querido-Verlag vorgestellt. Querido, das war so ein Name, bei dem wir damals im Antiquariat immer etwas wacher wurden, wenn ihn ein Mensch mit Verkaufsabsichten am Telefon erwähnte. Wacher nicht nur wegen der Preise, sondern auch aus Interesse. Feine Bücher.

Gefunden via Nassrasur: Ein Wiedersehen mit The Commitments. Mustang Sally! Der Film ist auch schon etwa hundert Jahre her.

Zausel 2017

Ich bin etwas aufgeregt, ich habe tatsächlich einen Friseurtermin. Der ist zwar erst in zwei Wochen, aber Vorfreude ist angebracht. Das ist immerhin der erste Friseurtermin etwa seit dem Jahr 2002, das ist eine Weile her. Da waren einige mir näher bekannte Menschen noch gar nicht auf der Welt! So lange habe ich mir die Haare von der Herzdame mit einem Maschinchen jeweils raspelkurz oder ganz abschneiden lassen, die Älteren erinnern sich in diesem Zusammenhang vielleicht noch an die Szene mit dem Heiratsantrag, die vorübergehend zu vollständiger Glatze führte.

Und nun, im Jubiläumsjahr des Summer of love, ist es an der Zeit, wieder einmal den Look zu ändern, finde und beschließe ich. Also lasse ich wachsen und werde das von einem Profi in irgendeine Form bringen lassen. Der Weg zum Hippie führt über den Seitenscheitel. Das kann ich natürlich nicht erwähnen, ohne schnell an Maike Rosa Vogel zu erinnern, übrigens immer noch ein gutes Lied:

Wie bereits irgendwann erwähnt, muss man sich in meinem Alter ohnehin dauernd fragen, ob man noch einen persönlichen Stil pflegt oder längst altersstarrsinnig geworden ist. Daher ist es ganz gesund, hier und da etwas an den Grundeinstellungen herumzuspielen.

Ich beginne also das Projekt Frisur, ich kann sowieso nicht leben ohne irgendwelche Projekte. Und dieses hat einen wirklich charmanten Vorteil, man muss nämlich überhaupt nichts dabei machen. Man sitzt einfach so herum und verändert sich, wie deep ist das denn.

Und der Content wächst einem nebenbei auch noch zu, man kann über die Kleinigkeiten zwischendurch schreiben. So lachen sich die Söhne neuerdings jeden Morgen kaputt , nur weil ihr Vater sich die Haare bürstet. Ein Anblick, der ihnen bis vor einigen Wochen natürlich völlig unbekannt war. Es erschließt sich mir zwar nicht, was daran so witzig ist, aber bitte – Hauptsache Heiterkeit im Haus. Laut Sohn II sehe ich mit den schon etwas längeren Haaren im Moment aus wie eine haarige Melone. Ich bin gespannt, welch charmanter Vergleich ihm dann in einem halben Jahr einfallen wird. Sollte mir vor ihm eine weitere seltsame Ähnlichkeit mit Gemüse, Obst oder Viehzeug einfallen, breche ich das Projekt womöglich ab. 

Ich selbst lache eher darüber, dass ich mir mit Sohn I jetzt das Shampoo teile. Es handelt sich um ???-Shampoo, also Merchandisingzeug mit Bezug zur Hörspielserie. Nach dem Gebrauch, so steht es vielversprechend auf der Plastikflasche, löst man “aktiviert, erfrischt und mit wachen Sinnen” den nächsten Fall. Ich gehe daher jetzt morgens mit einem ganz neuen Lebensgefühl zum Schrottplatz, wollte sagen zur Arbeit. Aber im Grunde interessieren mich die drei Fragezeichen natürlich überhaupt nicht. Ich wäre eher ein dankbarer Abnehmer für literarisch gebrandetes Shampoo. Marcel Proust Hair & Body, natürlich mit leichter Feingebäcknote, und danach schreibt man dann entspannt den nächsten Band, so etwas in der Art. Doch, das würde ich kaufen. Thomas-Mann-Lotion für schönes Haar und Schachtelsätze. Oder Kafka-Conditioner für gar keinen Halt mehr, das wäre doch interessant? Aber ich repräsentiere bestimmt wieder keinen vielversprechenden Markt, schon klar. Will ich auch gar nicht, Märkte sind eh nichts für Hippies.

Egal. Peace. 

Beifang vom 25.04.2017

Gut erzählte Geschichten findet man auch an ungewöhnlichen Orten, etwa in einer Analyse der von Melania T. geposteten Fotos.

Ein Text über das Eistauchen in Finnland. Schön lang.

Da hier neulich der Polizeibericht Nordfriesland vorkam und manche vielleicht noch zweifeln, warum der Unterhaltungswert haben soll – bitte.

Frau Schmitt fährt Zug und sitzt ganz vorne. Ein Protokoll von Nora Gomringer.

Ein Interview mit Reinhard Mey.

Generell muss man auch die Wochenberichte bei Vierpluseins empfehlen. Diesmal mit einem Absatz über offensive Väter, wozu ich anmerken möchte, dass ich gerade mit einem kranken Kind eine Woche zu Hause war und damit jetzt die Mutter aller offensiven Väter bin. Nämlich.

Passend zum Wetter lese ich kühle Literatur: Agnes von Peter Stamm. Ein Buch bei dem man ausgezeichnet frieren kann, wirklich passend. Es ist ein seltsames Kompliment, aber doch, es kommt hin, denn manchmal ist ein kaltes, präzise konstruiertes Buch genau richtig, besonders wenn Kälte darin eine Rolle spielt. Dabei habe ich übrigens eine Bildungslücke geschlossen, es war mir gar nicht klar, dass es bei der Wikipedia so dermaßen detaillierte Buchbeschreibungen gibt. Abgefahren.

Der Musikclip fällt heute etwas länger aus. Erst singen Al Jarreau und Nancy Wilson, auch schon keine schlechte Besetzung, dann kommt Ella Fitzgerald auf die Bühne und singt nach ein paar Sätzen ebenfalls. Man sieht einigen prominenten Menschen im Publikum die fortschreitende Verzückung deutlich an – und man kann es auch nachvollziehen.

Die Herzdame testet: Bettwäsche (Werbung)

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die mittlerweile ziemlich gut schläft und nun auch noch Bettwäsche testen darf.

Wie Ihr wisst, gibt es gelegentlich Reklame im Blog, die gekennzeichnet werden muss, das hier ist so ein Fall.

Vor einiger Zeit durften wir die Eve-Matratze testen, worüber ich mit Begeisterung hier und hier geschrieben habe. Im Langzeittest hatte ich mich allerdings darüber beklagt, dass unsere aktuellen Bettlaken nicht ausreichend sind für die besonders hohen Matratzen und diese ständig zu sehen sind. Woraufhin ich sofort Bettwäsche zur Behebung des Problems zugeschickt bekommen habe. Und auch zum Testen, was ich natürlich gerne mache.

Und obwohl ich mich gefreut habe, konnte ich die neue Bettwäsche nicht sofort aufziehen. Im Winter bin ich ein fürchterlicher Frostköttel und brauche mindestens zwei bis drei Decken, dicke Wollsocken und meine flauschige Kuschelbettwäsche. Deshalb musste die neue Bettwäsche zum Frühling warten. Nun war es endlich soweit.

Beim Auspacken der Wäsche kam uns Sohn 2 zur Hilfe. Wie immer, wenn es um Haushaltsdinge geht, ausgesprochen hilfsbereit und zupackend. Und wie immer mit schmutzverschmierten Schokoladenfingern. Großer Aufschrei aus zwei Elternmündern: „FASS DAS NICHT AN! Die gute, WEISSE Bettwäsche!“ Das Kind bekam dann erst mal Schlafzimmerverbot, aber das Problem lässt sich schon etwas erahnen.

Ich habe das Bett dann probehalber damit bezogen, bin reingeschlüpft und war sofort angetan: ah, wie weich, wie anschmiegsam! („Anschmiegsam“ ist in meinen Augen ja so ein schreckliches Unwort in schlechten Werbetexten, aber hier trifft es die Sache echt. Da fällt mir auch nichts anderes zu ein.) Der Gatte stand daneben und hat erst mal nur gewettert „weiße Bettwäsche mit Kindern, so ein Quatsch!“ Da hat er schon recht, die Bettwäsche ist sehr weiß, sogar so weiß, dass die weißen Gardinen gar nicht mehr weiß sind im Vergleich dazu und dringend gewaschen werden müssten, damit das Ensemble wieder passt.

Aber sie ist auch wirklich schön, schlicht und schön. Ich finde, unser Schlafzimmer sieht damit gleich viel mehr nach Wohnzeitschrift aus, allein durch die Bettwäsche. Und sehr weich ist sie. Das musste der Gatte dann auch nach der ersten Nacht zugeben. Das liegt wahrscheinlich an der Perkal-Webart, mit der sie hergestellt ist (nicht dass ich Ahnung davon hätte). Bei weißer Bettwäsche denke ich automatisch an Hotelbettwäsche, die dann zwar meistens auch schön aussieht, aber so glatt und kalt und ungemütlich ist. Anders als unsere Neue, die ist gemütlich.

Laut Hersteller soll der Stoff kühlend sein, was die Wäsche gerade im Sommer interessant macht. Aber so lange wollte ich mit dem Testen jetzt auch nicht warten. Die ersten Nächte konnten wir die Kinder noch aus dem Bett fernhalten, aber auf lange Sicht müssen wir uns da noch was überlegen, wie wir die Wäsche länger als 24 Stunden fleckenfrei halten können.

Fürs Erste habe ich ein absolutes Popelverbot im Bett ausgesprochen, sowie das Verbot im Bett zu essen oder zu trinken. Außerdem ein Verbot mit schmutzigen, blut- oder schokoladenverschmierten Händen, Füßen, Mündern oder Gesichtern ins Bett zu kommen. Ebenso bei Krankheiten wie Magendarm oder mit Schnoddernasen. Dafür, dass ich weiterhin meinen Kaffee morgens im Bett trinken darf, brauche ich zugegebener Maßen noch eine gute Begründung. Aber da wird mir schon etwas einfallen.

Man kann die Bettwäsche als Set, bestehend aus Spannbettlaken, Bett- und Kissenbezug bestellen oder auch einzelne Produkte, was gerade bei den Kissen wichtig ist. Im Übrigen braucht man für die Bettwäsche auch keine Eve-Matratze oder Kissen, es gibt die Bezüge und Laken auch in normalen Standardmaßen.

Für Menschen, denen Ikea-Bettwäsche in der Regel ausreicht, ist der Preis vergleichsweise hoch. Aber wenn man mal schlafen möchte wie eine Königin (oder ein König), dann unbedingt die Eve-Bettwäsche ausprobieren. Auch hier drin kann man 30 Tage probeschlafen, was in der Regel in normaler Bettwäsche nicht möglich ist.

Wenn ihr noch mehr wissen wollt, geht es hier zum Hersteller.

Fazit: Eine ausgesprochen schöne, gemütliche und hochwertige Bettwäsche. Aber eine schmutzresistente Elternausgabe in Schlammfarben wäre auch ganz praktisch.

Hilo

Ein Text von Jojo Buddenbohm, neun Jahre alt, auch bekannt als Sohn I.

Hilo ist ein Comic für Kinder ab etwa acht Jahren. Judd Winick hat Text und Bilder gemacht, Deutsch von Aranka Schindler. In dem Buch fällt ein Roboterjunge auf die Erde, er lernt hier einen Jungen kennen, das ist D.J.

D.J, denkt, dass er nichts richtig gut kann, außer mit Gina befreundet zu sein. Aber alle aus seiner Familie können etwas gut, deswegen ist das besonders blöd. Und Gina ist viel schlauer als er. Hilo weiß nicht mehr wo er herkam und wer er ist. Er wird von einem bösen Kampfroboter verfolgt und D.J. und Gina helfen ihm dann.

Das Buch finde ich spannend, lustig und sehr gut gezeichnet. Ich freue mich schon auf den zweiten Band, der ist auch schon erschienen. Wir haben hier einen englischen Film mit dem Zeichner gefunden, er hat das Buch für seinen Sohn gemacht:

Beifang vom 22.04.2017

Bei Read on gibt es Erscheinungen. Es gibt so Tage.

Bei Novemberregen kann man nachlesen, wie das Denken vom Leben abhält, bzw. vom richtigen Bus.

Über Finnland, das Schweigen und die Eigenzeit. Eigenzeit ist ein schönes Wort, das hätte ich gerne auf ein Kissen gestickt.

Cem freut sich, dass seine Söhne nicht ins Büro wollen und ich glaube, ich würde mich darüber auch freuen, was natürlich tief blicken lässt, schon klar. Aber das hat bei uns alles noch Zeit. Hier wurde mir gerade der Berufswunsch U-Bahn-Fahrer genannt, mit einer wirklich überzeugenden Begründung, die entweder von Intelligenz oder schwach ausgeprägtem Ehrgeiz oder von beidem kündet, warum auch nicht: “Da sitzt man den ganzen Tag so gechillt da und muss nur zwei Knöpfe drücken.”

Die besten Ideen kommen einem beim Schreiben, nicht beim Nachdenken. Stimmt natürlich, vergisst man aber leicht. Manche vergessen es auch täglich. Ähem.

Für die GLS Bank habe ich hier fünf ziemlich verrückte Links zum Wochenende zusammengestellt.

Und hier noch ein verrücktes Musikstück. Holly Cole mit Little Boy Blue.

Hier eine schöne, interessante und treffende Überschrift

Ich mache mit Sohn I Deutsch, da er in dieser Woche nicht in die Schule gehen konnte, es muss aber dennoch etwas gelernt werden. Er sitzt neben mir und schreibt mit Bleistift in sein Heft. Ich sehe, dass sie in der dritten Klasse schon am Schreibstil arbeiten. Sie sollen passende Überschriften finden. Sie sollen nicht jeden Satz gleich anfangen, sie sollen zumindest ab und zu Satzzeichen verwenden, sie sollen Adjektive einbauen und unbekannte Wörter nachschlagen. Der Pirat vergräbt einen Schatz, der Pirat vergräbt einen wertvollen Schatz. Einen kostbaren, goldenen, großen, riesigen, tollen Schatz, was auch immer. “Ich habe ein Theaterstück gesehen.” “Ich habe ein interessantes Theaterstück gesehen.”

Das Wort interessant hätte mir ein gewisser Lehrer auf dem Gymnasium damals als Ausdrucksfehler angemerkt, sinnloses Fremdwort. “Was war denn interessant an dem Theaterstück? Haben Sie dabei vielleicht etwas gelernt, was Ihnen übrigens kaum schaden könnte? Dann war es lehrreich! Nicht interessant! Sprachfaulheit ist das! Denken Sie nach, denken Sie länger nach! Dann erst schreiben!“ Das klingt heute wie etwas aus der Feuerzangenbowle, das war aber so. Derselbe Lehrer im Geschichtsunterricht: “Sie wissen nichts von Demokratie, junger Mann, Sie faseln doch nur davon!” Aus heutiger Sicht wird dieser Satz mit jedem Jahr immer, äh, interessanter.

Die Aufforderung, Adjektive irgendwo einzubauen, ist natürlich seltsam, wenn man schon einmal ein Manuskript irgendwo eingereicht hat, aus dem dann etliche Adjektiv rausgeflogen sind. Zu blumig! Schlichter! “Es war eine dunkle und stürmische Nacht.”

Und ich sagte, er sagte, sie sagte, wir sagten. Im Deutschunterricht muss das gewandelt werden, das ist so zu langweilig, ich flüsterte, er murmelte, sie flehte, wir stellten fest und so weiter, mit beiden Händen in den Wortschatz und dann ordentlich herumwühlen. Alle modernen Romanautoren murmeln währenddessen im warnenden Chor: “Sagte, sagte, sagte.”

Aber schon richtig, erst einbauen, dann ausbauen, man bastelt so am Text herum. Mal klingt es so, mal klingt es so. Welcher Text klingt besser und warum? Lies nochmal vor. Was will man überhaupt sagen? Wie war es denn nun wirklich im Theater, worauf kam es an? Für wen schreiben wir überhaupt? Ich bin sicher, das haben wir in der dritten Klasse noch nicht so gemacht. Und ich finde es hervorragend, wie sie das heute angehen, es ist anders als bei uns, die Kinder werden mehr zum Denken verleitet. Wir haben damals in Deutsch Nacherzählungen geübt, man bekam eine 1, wenn der eigene Text genau der vorgelesen Geschichte entsprach. Einmal sollten wir uns dann doch eine Geschichte ausdenken, irgendwas, ganz ohne Vorlage. Da stand bei mir in roter Schrift drunter: “Zu viel Phantasie”. Kein Scherz. Im Grunde bin ich heute noch deswegen beleidigt.

“Papa, jetzt tippe ich meinen Text eben in Word ab, okay?”

“Nanu, warum das denn noch?”

“Hallo? Da hab ich dann doch die Rechtschreibkorrektur?”

Doch, sie lernen heute wirklich ziemlich anders. Ich finde das ja spannend.

Lamm und Skorpion

Tiere spielen in diesem Blog eher keine Rolle. Weder haben wir Tiere, noch ist in dieser Familie jemand in übertriebener Weise Fan irgendeiner Art.

Aber auch in tierfreien Wohnungen kommen Nachrichtenlagen vor, die Tiere thematisieren, in den letzten Tagen sogar gleich doppelt, siehe Überschrift. Der Skorpion befand sich hier um die Ecke in einem Hotelzimmer, genauer in einem dort abgestellten Damenschuh. Als die Besitzerin ihn morgens anziehen wollte, stach das Tier zu. Es war übrigens ein hochgiftiges Exemplar, die Dame kam in ein Krankenhaus, hat aber überlebt. Warum Skorpione Damenschuhe als Ersatzhöhle in unserem kleinen Bahnhofsviertel besiedeln, blieb dabei völlig unklar. Die Polizei fand dazu nichts heraus, den Klimawandel hat man diesmal bisher nicht im Verdacht. Interessant aber, dass der Skorpion in allen Hamburger Medien ausdrücklich in Schutz genommen wurde. In jedem Bericht wurde erläutert, dass er sich in einer eindeutigen Notwehrsituation befunden hat. Wenn jemand plötzlich mit vollem Gewicht auf einen draufsteigt, dann wehrt man sich eben. Da ist so ein Skorpion auch nur ein Mensch, Astrologen verstehen das sofort. Volles Verständnis allenthalben für das Tier also, es wurde auch nachträglich noch mit großer Zufriedenheit gemeldet, dass er glücklich und in Rekordzeit an einen neuen Besitzer vermittelt werden konnte. Es ist eben wirklich ein toleranter Stadtteil, unser kleines Bahnhofsviertel. Skorpione sind hier fremd, aber wenn sie schon einmal da sind, dann werden sie auch anständig behandelt.

Das Lamm dagegen kam im Polizeibericht Nordfriesland vor, wobei man zunächst fragen könnte, warum ich den Polizeibericht Nordfriesland überhaupt lese? Nun, zur Beruhigung natürlich. Da oben blockieren ab und zu Schafherden Züge der Regionalbahn, so etwas wird dann lang und breit gemeldet. Ich lese das ausgesprochen gerne, das hat auf mich so einen wohlig-entspannenden Landlust-Effekt, das mag ich. Oder jemand gerät am Stadtrand von Husum in eine Polizeikontrolle und hat dabei ein lebendes Lamm im Kofferraum. Das kostet 50 Euro und einen Punkt in Flensburg, um das als Warnung gleich noch erwähnt zu haben. Der Herr war, man sollte auch bei dieser Meldung um Gerechtigkeit bemüht sein, Bauer, und er fuhr das Lamm zum Tierarzt. In seinem Golf. Ich nehme an, der Kofferraum war da aus Gründen der Schafanatomie schlicht praktischer als der Beifahrersitz. Und ich nehme weiter an, dass der Fall eilig war und besser geeignete Transportmittel gerade nicht verfügbar waren, vermutlich war die Frau des Bauern mit dem Trecker zum Güllen auf dem Acker. So etwas in der Art, man muss ja nicht einmal besonders phantasiebegabt sein, um hier auf naheliegende Erklärungen zu kommen. Und dafür wird der Mann nun bestraft, ist das gerecht? Das ist Husum, das ist die klare nordfriesische Kante. Das Leben ist hart an der Küste. So spiegeln sich auch in Meldungen über Tiere die Charakteristika der verschiedenen Regionen, ist das nicht schön? Es ist.

Wie auch immer. Morgen wieder was mit Menschen.

Beifang vom 19.04.2017

Drüben bei der GLS Bank habe ich fünf Links zum Thema Architektur, ich weise besonders auf den Text zum Rasen ums Eigenheim hin. Ich mag solche Erklärungen.

Eine kleine Meldung nur, Frank Dostal ist gestorben. Den Namen hätte ich nicht parat gehabt, Sie vermutlich auch nicht. Er war u.a. der Texter von Baccara. Was mich daran erinnert, wie wir Kinder damals, etwa Ende der 70er, in den immer blau verräucherten und sowieso nie gelüfteten Kneipen, in denen die Erwachsenen Korn und Bier wegkippten, Skat spielten und würfelten, an den Tischen und an der Bar um Markstücke gebettelt haben. Mit Markstücken konnte man an der Jukebox fünf Lieder auswählen. Dann wurde der Raum, in dem es bis dahin sterbenslangweilig war, in dem man immer nur wartete, dass die Eltern endlich gehen wollten, plötzlich überraschend laut und basslastig beschallt, dann war auf einmal Disco, manchmal sogar mit spontan tanzenden Erwachsenen. Und wenn man auch ein langsames Stück ausgesucht hatte, dann fielen die sich beim Tanzen in mitunter überraschenden Konstellationen um den Hals, ein paar Minuten lang. Nach dem letzten Stück wurde es dann schlagartig wieder ruhig, Umklammerungen lösten sich, alle setzten sich wieder hin. Man bestellte allgemein erst einmal noch einen, dann gab es eine Weile nur noch Gespräche, Gelächter und die Geräusche von Flaschen und Gläsern, dann rauchte man wieder eine. Bis jemand doch noch ein paar Münzen hervorkramte und sie einem gelangweilten Kind zuwarf, hier, mach nochmal was von Boney M oder Baccara oder so. Wenn man bei der Auswahl an der Jukebox versehentlich auf die falschen Tasten drückte, kam irgendein Schrott von Peter Alexander, “Die kleine Kneipe in unserer Straße”, das war schlimm. Für die paar Münzen hätten wir übrigens auch mehrere Handvoll Erdnüsse aus dem kugeligen Automaten auf dem Tresen oder sogar einige Runden am Flipper in der hintersten Ecke der Kaschemme bekommen. Wenn man das bedenkt, dann versteht man erst, wie wichtig die Musik war. Wir haben damals eben früh gelernt, wirklich schwere Entscheidungen im Leben zu treffen.

Na, egal, das ist alles lange her. Plötzlich Lust auf Erdnüsse. Schlimm.