Wenn man an einem Werktagmorgen ohne triftigen Grund blendend gut gelaunt aufwacht und schon auf dem Weg ins Bad grundlos fröhliche Lieder pfeift, obwohl das Wetter säuisch ist und im Büro klarerweise nur Ärger zu erwarten ist, was könnte dem Leben noch einfallen, um einem die Stimmung zu verderben?

An einem Morgen der letzten Woche habe ich da eine neue Variante kennengelernt. Das war so ein Morgen mit besonderem Schwung, mit der genau richtigen Musik im Radio, mit einem so umfassenden Wohlgefühl trotz eher betrüblicher Aussichten auf den Tagesverlauf, da hätte ich schon mißtrauisch werden sollen. Ich stieg aber nach der besonders erfrischenden Dusche arglos in meinen Anzug, der natürlich an diesem Morgen ganz ungewöhnlich gut saß, zog meinen Mantel an und öffnete die Wohnungstür, um zur Arbeit zu gehen. In derselben Sekunde, in der ich die Tür öffnete, tat dies auch der Nachbar gegenüber. Ich trat aus der Tür, er trat aus der Tür. Ich im schwarzen Anzug mit weißem Hemd, er ebenso. Ich mit schwarzem Kurzmantel, er genauso. Ich pfiff ein Liedchen, er pfiff ein Liedchen, zeitgleich sagten wir “Guten Morgen” zueinander. Wir tragen beide eine Brille mit Goldrand, haben beide raspelkurze Haare. Nebeneinander gingen wir die Treppe hinunter.

Das ist fürchterlich und niederschmetternd, wenn man schon vor Betreten des Büros jegliche Originalität verliert und so entsetzlich klar wahrnehmen muß, daß man eben auch nur das macht, was alle machen. Man sollte doch öfter einen goldenen Anzug tragen. Oder mit Salatgurken jonglieren, während man die Wohnung verläßt. Man will ja doch nicht wirken wie von der Stange, nicht wahr. So unter uns Unikaten.

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