Kindern soll man bekanntlich Märchen vorlesen, vorzugsweise natürlich solche, die seit Generationen überliefert sind. Diese Geschichten voller Mord und Totschlag verwertet die Kinderseele ganz vorzüglich, sie blüht, wächst und gedeiht dadurch. Wie sich gestern abend wieder erwies, sollte man aber ausdrücklich nur Kindern Märchen vorlesen und keinesfalls Erwachsenen, denn die können damit eher nicht umgehen.

Ich las der Herzdame abends im Bett das Märchen von Daumesdick vor, aus dem Vorrat der Gebrüder Grimm. Ein kinderloses Paar bekommt darin nach vielen Bitten ein winziges, eben nur daumengroßes Kind. Auf dem obligatorischen Weg hinaus in die Welt gerät dieses Winzkind natürlich in einige Gefahren, wird zum Beispiel von einer Kuh gefressen und verbringt unfreiwillig einige Zeit in deren Magen. Später wird es, als der Magen der nunmehr geschlachteten Kuh samt lebenden Inhalts auf einem Misthaufen liegt, von einem Wolf verschlungen und ist dann in dessen Eingeweiden gefangen, alles recht unappetitlich, aber doch mit Happy End. Während also ein Kind der Theorie nach diese erbauliche Geschichte selig lächelnd anhört, daraufhin sanft einschläft und sich durch Verarbeitung im Unterbewußten bestens entwickelt, passiert bei einer ausgewachsenen Herzdame etwas ganz anderes. Diese fragt schon während der Vorlesestunde dauernd zweifelnd nach, ob diese scheußlichen Vorkommnisse da wirklich so stehen würden und belästigt den Vorleser außerdem mit Fragen nach Sinngehalt und Erklärungsmodellen. Ferner speichert sie das Gehörte kurz vor dem Einschlafen direkt neben die Erinnerungen an Krimis, Thriller und Fleischskandale, weswegen sie mitten in der Nacht furchtbebend aus einem Traum erwacht, der sehr schön zeigt, was Märchen bei Erwachsenen auslösen.

In dem Traum war die Herzdame damit beschäftigt, eine besonders grausige Mordserie aufzuklären. Dergleichen träumt sie öfter, das Beseitigen von Schurken und Schuften aller Art sowie auch mal die Rettung der Welt gehört zu ihren nächtlichen Gewohnheiten, in dieser Nacht war es aber schlimmer als sonst. Ihre Ermittlungen führten sie zu später Stunde in den Hamburger Schlachthof, wo sie durch riesige, menschenleere Hallen ging, in denen spärliches Licht Unmengen von Tierkadavern und noch blutige Maschinen beleuchte. Dort kam sie dahinter, daß die zahlreichen, lange gesuchten Opfer der Mörderbande zwischen den Schlachtabfällen versteckt waren. Sie konnte sich gut erinnern, wie sie in dem Traum durch weggeworfene Tierhäute hindurch erst Umrisse von Köpfen sah und wie sich bei näherem Hinsehen immer deutlicher Gesichter abzeichneten. Sie wußte auch noch, wie sie hier eine einzelne Hand und dort einen abgehackten Fuß unter einem Berg von Rindereingeweiden entdeckte. Es fiel ihr schwer, an den blutigen und teils bereits in Verwesung übergegangenen Resten von Mensch und Tier zu erkennen, was dem Orte sozusagen angemessen und was Spur eines Verbrechens ungeahnten Ausmaßes war.

Die Vorgänge fand sie im Traum schwer erschütternd, was sicher auch ein wenig daran lag, daß die Täter in der Verwandtschaft der Herzdame zu finden waren. Enttäuscht und in schwerer Sinnkrise packte sie nach der Aufklärung des Falles zehn geblümte Nachthemden in einen Koffer und ging damit in ein Kloster, um sich für den Rest des Lebens angewidert dorthin zurückzuziehen. Ihre Erzählung schloß sie mit dem freundlichen Hinweis, ich möge mich freuen, in dem Traum nicht vorgekommen zu sein.

Mit anderen Worten, bei Erwachsenen löst das Vorlesen von Märchen überhaupt keine gedeihlichen Prozesse mehr aus, es gefährdet nur unnötig die seelische Stabilität. Man sollte statt dessen lieber gleich schlechte Filme gucken.

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