Vor vielen Jahren wohnte ich am Rand einer kleinen Stadt östlich von Hamburg, einer sehr langweiligen, gar nicht schönen, unspektakulären Stadt hinter dem Sachsenwald. Dort hatte ich eine Wohnung in einem Mietblock aus den dreißiger Jahren, einem langgestreckten Gebäude mit nur zwei Etagen, dunkelroter Backstein, Haus gewordene Ödnis. In den Gängen im Keller gab es noch Mengen von leeren Einweckgläsern und viel verrostetes Gartengerät, der Rasen vor dem Haus war früher jahrelang als Gemüsegarten genutzt worden, wie mir erzählt wurde. Die üblichen Hinweisschilder in den Treppenhäusern, man möge bitte die Türen verschlossen halten, das Licht wieder löschen und die richtige Wäscheleine benutzen waren noch mit schwarzer Schrift auf weißer Emaille ausgeführt. Als ich einzog und meine Sachen hochtrug, öffnete sich die Tür der Nachbarwohnung einen Spalt breit und ich sah undeutlich, wie jemand mich durch den Spalt beobachtete. Ich grüßte, die Tür wurde sofort energisch wieder geschlossen. In den folgenden Tagen sah ich die Nachbarin aus dieser Wohnung gelegentlich im Treppenhaus und grüßte jedesmal, was aber nur sehr kurz angebunden und unwillig beantwortet wurde. Ein kleine alte Frau mit kurzen grauen Haaren, die immer sehr adrett saßen, mit Unmengen von Haarspray in Form und Wellen gebracht. Im Haus trug sie stets bunte Kittelschürzen und Hausschuhe und war in erstaunlicher Häufigkeit zwischen ihrer Wohnung, dem Dachboden und dem Keller unterwegs. Ihr Kinn stand ein wenig schief, wodurch der Ausdruck permanenter Mißbilligung in ihrem Gesicht festgefroren war. Sie sah einen immer erst eine Weile prüfenden Blickes an, bevor sie auf etwas antwortete, wobei sie das Kinn noch etwas schiefer zog.

Nach den ersten beiden Wochen wurde sie etwas freundlicher, sie hatte, wie mir später klar wurde, erst ergründen wollen, ob ich nachts nicht vielleicht wilde Partys feiern, Drogen im Hausflur verstreuen oder leere Flaschen vom Balkon werfen würde, denn das Chaos lauerte überall. Sie war sehr ernst und etwas ruppig, ihre Sätze waren gerade eben noch freundlich in der Wortwahl. Ich habe sie niemals mit einem Lächeln im Gesicht gesehen. Am dritten Sonnabend nach meinem Einzug klingelte sie morgens bei mir: „Wollte sie nur erinnern. Sie haben Treppenhausdienst, junger Mann. Nicht vergessen!“ Ich war etwas entgeistert und fragte nach: „Ich habe was?“. „Sie haben Treppenhausdienst. Sie müssen das hier saubermachen, von da unten bis zum Dachboden. Ich habe letzte Woche, davor die von unten, jetzt sind sie dran, sie machen hier jetzt mal klar Schiff. Man los!“ „Aha“, sagte ich, „wie denn genau?“

Sie sah mich mißtrauisch an, ob ich sie nicht vielleicht auf den Arm nehmen wolle und erst als ich nachfragte, ob es vielleicht mit Fegen getan wäre, dämmerte ihr, daß ich wirklich wissen wollte, was genau zu tun wäre. Daraufhin bekam ich eine längere Einweisung in das Dahlbergsche Prinzip der Treppenhausreinigung, eine umständliche Prozedur, zu der man Handfeger und Schaufel, einen großen Besen, einen Schrubber, einen Lappen, zwei Eimer und diverse Putzmittel brauchte. Da ich nichts davon hatte, fragte ich sie in, welchem Laden der Stadt man so etwas denn wohl am besten erstehen würde. Fortan war ich ihr sympathisch, soweit man überhaupt davon sprechen konnte, es äußerte sich vor allem darin, daß sie nach dem Grüssen jeweils noch einen Kommentar zum Wetter abgab. Ich habe stets auf meinen Treppenhausdienst geachtet und immer reichlich Lärm dabei gemacht, mit dem Schrubber gegen die Türen gehauen und die Eimer hörbar über den Boden geschoben, damit Frau Dahlberg hören konnte, daß ich bei der Arbeit war. Wenn ich fertig war und hinter mir meine Wohnungstür schloß, dauerte es ein paar Minuten, dann kam Frau Dahlberg aus ihrer Wohnung, ging im Treppenhaus umher, einmal bis zum Keller, einmal bis zum Dachboden und inspizierte das Ergebnis meiner Bemühungen. Sie hat sich nie beschwert, obwohl meine Art der Treppenhausreinigung hauptsächlich auf Geräuschentwicklung abgestellt war.

Frau Dahlberg war den ganzen Tag beschäftigt, sie putzte ihre Wohnung unermüdlich, kochte, buk, pflegte die Büsche vor dem Haus, streute im Winter die Wege und machte sich in ihrem Keller zu schaffen. Diesen Lattenverschlag hatte sie von innen komplett mit Zeitungspapier und Folie verklebt, so daß man nicht hineinsehen konnte. Sie öffnete die Tür dazu nur, wenn kein anderer Bewohner in der Nähe war. Sie bekam nie Besuch und es schien keine Verwandten zu geben, aber auf ihrer täglichen Einkaufsrunde in der Stadt, die den ganzen Vormittag in Anspruch nahm, führte sie lange Gespräche mit den älteren Verkäuferinnen beim Schlachter oder Bäcker, den Frauen an den Marktständen und den Hausmeistern der Wohnblöcke, an denen sie vorbeikam. Der Weg in die Stadt dauerte zu Fuß etwa eine halbe Stunde, sie ging ihn jeden Tag und bei jedem Wetter. Wenn in den umliegenden Wohnungen jemand aus der älteren Generation krank war, brachte sie Essen und Einkäufe vorbei. Ihre Geselligkeit bezog sich strikt auf Menschen ihres Alters. Ein jüngerer Nachbar, der in dem Block aufgewachsen war, erzählte, daß die Kinder früher schreckliche Angst vor ihr gehabt hätten, denn wenn man zu laut spielte oder zur falschen Zeit Lärm machte, gab es unvorstellbaren Ärger mit Frau Dahlberg. Auf dem Rasen genau vor ihrem Fenster stand noch eine Schaukel, die schon lange verrottet war, es gab zu meiner Zeit keine Kinder mehr in dem Block.

Ich wohnte sieben Jahre in der Wohnung neben ihr und im letzten Jahr kam es vor, daß Frau Dahlberg versuchte, meine Tür aufzuschließen, weil sie sich in der Wohnung irrte. Wenn ich dann von innen öffnete, hat sie sich jeweils fürchterlich erschreckt, weil sie mich für einen Einbrecher in ihrer eigenen Wohnung hielt. In ihrem Blick Entsetzen und panische Angst, ich redete dann beruhigend auf sie ein. Nach einer Weile fing sie sich wieder und entschuldigte sich grummelnd, schloß ihre eigene Wohnung auf und verschwand grußlos darin. Meine Treppenhausreinigung entfiel, weil Frau Dahlberg die Treppe jeden Sonnabend machte, wahrscheinlich wußte sie nicht mehr, wann sie an der Reihe war. Sie wurde etwas wunderlich, sprach häufig mit sich selbst oder stand mit nachdenklichem Gesicht im Treppenhaus, von irgend etwas abgekommen und nun hoffnungslos verloren zwischen zwei Handlungen, zwischen Dachboden und Keller.

Das Finale von Frau Dahlberg habe ich nicht selbst miterlebt, aber es wurde mir von meinen Nachbarn hinterher berichtet. Sie war wesentlich wunderlicher geworden, als wir ahnen konnten. Eines Nachts trug sie einen Stapel Altpapier in das Treppenhaus und zündete diesen an. Ein größerer Hausbrand wurde nur verhindert, weil der junge Nachbar aus dem Erdgeschoß zu sehr später Stunde nach Hause kam, als sie gerade mit dem Zündeln begonnen hatte. Sie wollte sich von dem brennenden Papier durchaus nicht trennen lassen, verwies vielmehr vehement auf den Kohlenmangel und daß man jetzt Licht und Wärme brauche, ganz dringend, wobei sie ihre Hände an dem Feuerchen wärmte. Sie wurde in der Nacht noch abgeholt und wir haben sie nie wieder gesehen. Noch im selben Jahr ist sie gestorben, wie wir von den älteren Nachbarinnen aus dem Block hörten.

In ihrem Keller war nichts als wandfüllende Regale voller Gläser mit selbstgemachter Marmelade. Unmengen davon, es hätte wahrscheinlich für die ganze Stadt gereicht.

Nachtrag: Sehr passend dazu heute auch ein Text von Isa.

%d Bloggern gefällt das: