Nach der im letzten Eintrag bereits erwähnten Trauung am letzten Wochenende gingen wir mit der Hochzeitsgesellschaft in einem chinesischen Restaurant essen, dem Lieblingslokal der Braut. Als wir die Getränke bestellt hatten und die Biere, das Wasser, die Säfte auf dem Tisch standen, wurden erste Reden gehalten, ungerührt und rücksichtslos unterbrochen durch eine ältere, etwas gebückte Chinesin, die mit einem Glaskrug in der Hand jeden weiblichen Gast mit der rätselhaften Frage ansprach: „Lili Weiwei?“

Natürlich gibt es für diese etwas unverständliche Frage eine Erklärung. Zum Beispiel diese: Vor einigen hundert Jahren wurde einmal am chinesischen Hof eine Prinzessin namens Lili Weiwei entführt, die einzige Tochter des damaligen Kaiser von China. Lili Weiwei heißt in unserer Sprache „Schimmer des Morgensterns“ und tatsächlich war es eine überaus schöne Tochter, sie galt als schönstes Mädchen im ganzen Reich. Da der Kaiser die Tochter über alles liebte, ließ er sie im ganzen Reich suchen, in allen Himmelsrichtungen, in jeder Stadt, in jedem Dorf, sogar in den vereinzelten Höfen in den letzten Bergtälern und auch auf den kleinsten Inseln vor der Küste des Landes, aber keiner fand je eine Spur von ihr. Der Kaiser verzweifelte mit jedem Tag mehr, er beschäftigte bald seine ganze, unvorstellbar große Armee mit der Suche und er versprach demjenigen, der die Tochter finden würde, riesige Reichtümer und sogar den Thron. Die Tochter wurde jedoch nie gefunden, man nahm allgemein an, sie wäre verzaubert worden und der Kaiser starb nach einiger Zeit vor Trauer. Seit dieser Zeit ist es bei Chinesen Brauch, junge unbekannte Frauen zu fragen, ob sie nicht vielleicht Lili Weiwei seien, denn wenn doch einmal eine Frau diese Frage wahrheitsgemäß bejahen sollte, ersteht das Kaiserreich wieder auf und es beginnt eine sehr glückliche und lange neue Epoche für das chinesische Volk.

Vielleicht ist es aber auch einfach so, daß die kellnernde Chinesin so gut wie gar kein Deutsch konnte und „Lili Weiwei“ schlicht die Lautkombination war, die für sie am ehesten nach „Lieblicher Weißwein?“ klang – denn das war es, was in dem Glaskrug war und dafür suchte sie die Frau, die ihn bestellt hatte.

Wie auch immer, wir hatten eh keine chinesische Prinzessin dabei.

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