Auf dem Weg zu einer literarischen Veranstaltung lief ich noch ein wenig durch den mir eher unbekannten Hamburger Stadtteil Hasselbrook. Ich hatte eine gerade erworbene Kamera um den Hals und sah mich nach Motiven um, als mich ein älterer Mann ansprach. Ich habe bisher immer gedacht, daß man in Hamburg nur von Fremden angesprochen wird, wenn man einen Hund („Süß!“) dabeihat, der nicht gerade irgendwo hinmacht, oder auch ein Kleinkind („Süß!“), das nicht gerade schreit. Seit kurzer Zeit weiß ich, daß man auch angesprochen wird, wenn man eine Kamera dabei hat, die ein wenig so aussieht, als wäre sie ein Profigerät (was sie allerdings in Wahrheit durchaus nicht ist). Seltsam oft kommen Fremde auf mich zu und fragen nach den technischen Daten der Kamera oder nach der aktuellen Motivwahl, nach dem Preis und nach Markenvergleichen. Ich kann die Fragen nicht beantworten, da ich mir solche Daten nie merke, abgesehen vom Preis, aber man kommt doch ins Gespräch. Die Stadt ist anscheinend voller Hobbyphotographen mit Austauschbedürfnis. Alleinstehende sollten sich eine möglichst große Kamera kaufen und suchend gucken. Der Rest ergibt sich, nehme ich an.

Der alte Mann, der jetzt vor mir stand und mit dem Finger auf meine Kamera zeigte, war vielleicht siebzig Jahre alt. Er war betont ordentlich angezogen, mit Anzug, Krawatte und sehr sauberen Schuhen. Er guckte auf die Kamera, sah sich dann um und sagte: „Na junger Mann, was wollen sie hier denn einfangen, hier ist doch nichts.“ Ich antwortete, daß mir der Gedanke auch schon gekommen sei und ich mich daher einfach nur ziellos umsehen würde.

„Ich hab früher auch sehr viel photographiert, wissen sie“ sagte der alte Mann. „Ich war ein Leicafritze, immer die besten Kameras, immer Leica natürlich und jede freie Minute unterwegs, immer draußen. Man findet ja doch immer irgendwas, man braucht nur Geduld. Habe früher auch Ausstellungen gehabt und Preise gewonnen und alles. Na, ist schon eine Weile her jetzt, daß ich da richtig was gemacht habe“.

Ich fragte ihn, ob er heute nicht mehr photographieren würde, er sah mich an, er sah auf den Boden und dann fing er vollkommen unvermittelt an zu weinen, Tränen liefen aus den Augen und tropften an ihm herunter, er wischte sie nicht weg, er wurde sehr rot und dann sagte er schnell und leise:

„Nee, ich mach gar nichts mehr. Seit drei Monaten. Wisse sie, meine Frau ist im Krankenhaus, sie hat was im Kopf und die Ärzte sagen – also die sagen es wird nichts mehr. Das war’s dann wohl. Da bin ich jetzt allein zu Hause, dauernd, seit drei Monaten, ganz allein. Und da merke ich, ich kann das gar nicht. Das ist ein Ding, so etwas zu merken, ich dachte immer, ich wäre ein ganz strammer Kerl. Und jetzt lauf ich so rum und kann gar nichts mehr. Ich lauf hier auch einfach nur so in der Gegend rum, ich hab gar kein Ziel, einfach so rum, ich mag nicht in der Wohnung sein und dahinten ist die Klinik, da liegt sie. Da war ich heute morgen. Haben sie eine Frau?“

Ja, sagte ich, das habe ich.

„Dann seien sie mal froh, daß sie eine haben. Ich wünsch ihnen was. “ Damit ging er hastig weiter.

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