Im Hamburger Ernst-Deutsch-Theater läuft seit vorgestern eine Bühnenfassung der Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ von Uwe Timm. Vor dem Theater steht jetzt ein Imbißwagen der, extra und passend zum Stück, Currywurst verkauft, welche die Herzdame und ich auch zur Einstimmung probierten. Die Firma, die dort die Chance zur Werbung für ihre Wurstwaren nutzt, sollte sich allerdings schämen für die lausige Qualität, die dort angeboten wird, denn wenn die erwartete Bratwurst nach schlabberiger Brühwurst schmeckt, kann sie mit keiner noch so guten Sauce mehr gerettet werden.

Für mich ist Uwe Timm ein Autor, dem es um das Besondere hinter dem Alltäglichen geht, um die Geschichten, die den Begriffen erst Geschmack und Würze geben. Versessen auf das Wunderland an Erlebnissen und Personen, das sich nur dann offenbart, wenn man genauer hinsieht, nachfragt, mitdenkt und nachfühlt. Geht man mit dieser Haltung durch das Leben, wird eben auch der Hintergrund einer Currywurst zu einer bezaubernden Geschichte, zu einer Erzählung mit interessanten Figuren, besonderen Umständen, mit Dramatik und Witz. Diese seltsame Verbindung eines profanen Auslösers mit dem ganz Besonderen einer Lebensgeschichte liebe ich an dieser Erzählung. Uwe Timm kann sich in seinem Buch mit vollkommen nachvollziehbaren Stolz an den gefundenen Schätzen erfreuen und dem Leser ergeht es bei der Lektüre nicht anders, man übernimmt die Inhalte beglückt und spielerisch in sein eigenes Erzählrepertoire. Gerade die Entdeckung der Currywurst dürfte ein Musterbeispiel für dieses Leseergebnis sein, die Geschichte von Lena Brücker, die in der Endzeit des Zweiten Weltkriegs den fahnenflüchtigen Soldaten Hermann Bremer versteckt und kurz darauf durch einen Zufall die Currywurst erfindet ist sicher Allgemeingut geworden, zumindest in Hamburg. Von dem Problem mit Berlin reden wir hier lieber nicht.

Lena Brücker ist keine besondere Frau und Hermann Bremer ist kein spektakulärer Held, daher ist es auch ein eher leises und feines Buch, die Geschichte lebt nicht von Schlagzeilen sondern wird erst durch liebevolles Nachsinnen zu einer bemerkenswerten Angelegenheit. Dramatik liefert der historische Rahmen genug. Warum das Theaterstück nur aus Schlagzeilen besteht, ist mir daher vollkommen unerfindlich. Die Hauptfigur der Lena Brücker (Saskia Fischer) ist seltsam krawallig angelegt und agiert in permanenter Aufregung, sie ist im Tonfall überzogen vulgär und einfach zu laut. Ihre Gefühlswelt kann man nicht recht nachvollziehen. Diese Spielart paßt doch eher in das Ohnsorgtheater, nur wäre sie dort wenigstens erfolgreich erheiternd, nehme ich an. Das Berührende und Feine an der Geschichte dieser einfachen Frau, die einen Deserteur versteckt und liebt, während ringsum die Welt untergeht, bleibt für mich gänzlich auf der Strecke, übrig bleibt eine eher hektische Szenenfolge, die zwar eine Geschichte erzählt, aber nichts mitschwingen läßt. Auch die männliche Hauptfigur (Torben Krämer) überzeugt mich nicht, auch ihm werden die stilleren Momente, die seine schwere Lage besser darstellen würden als das wilde Agieren, von der Regie (Johannes Kaetzler) nicht gegönnt. Warum schließlich die teils glänzend besetzten Nebenfiguren so deutlich ins Klamaukhafte abdriften müssen, erschließt sich aus dem Stück nicht, aus dem Buch schon gar nicht.

Überzeugend aber das unverändert bleibende Bühnenbild (Peter Schmidt), daß im Zusammenspiel mit den Lichteffekten bemerkenswert souverän durch etliche Zeitebenen und Ortswechsel trägt und wenigstens etwas von der vermißten Gefühlstiefe der eigentlichen Geschichte rettet. Durch den Bedeutungswandel, den eine Wand oder ein Fenster hier aushalten, ahnt man zumindest ein wenig davon, daß es eigentlich um eine Geschichte vor allem hinter den Dingen geht.

Als wir das Theater verließen, hatte der Imbißwagen schon geschlossen, obwohl man dadurch wahrscheinlich den Hauptumsatz des Abends verpaßte. Wir fanden es seltsam stimmig.

PS: Ich bin übrigens der Ansicht, daß man Zuschauer, die es fertig bringen, ihr Handy während der Vorstellung laut klingeln zu lassen und die dann noch, nachdem sie den Anruf weggedrückt haben, mit laut piepsenden Tasten eine SMS schreiben, aus dem Theater prügeln sollte. Aber sonst bin ich natürlich ein friedliebender Mensch.

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