Eine Freundin rief mich an und bat um Rat bei einer Beziehungsfrage. Sie ist seit kurzer Zeit mit einem Mann zusammen, hatte auch die letzte Nacht mit ihm verbracht und am Morgen im Bad dann schockiert festgestellt, daß er ihr kein Handtuch herausgelegt hatte. Da sie aber an den anderen Morgen davor jeweils ein frisches, liebevoll bereitgelegtes Handtuch vorgefunden hatte, war sie höchst besorgt und drauf und dran, den Handtuchmangel als Zeichen einer plötzlich bevorstehenden Trennung aufzufassen, worauf sich dann auch die Frage an mich bezog: “Will der mich etwa schon loswerden?”.

Aufgrund meiner reichen Lebenserfahrung konnte ich sie natürlich beruhigen. Es ist unwahrscheinlich, daß sich ein Mann mit so subtilen Hinweisen aus einer Beziehung verabschiedet (“Eigentlich möchte ich doch lieber nicht mit ihr zusammen sein, aber darüber zu reden ist doof. Ich lege einfach mal kein Handtuch hin, vielleicht geht sie dann von selbst. Frauen sind ja sensibel, sagt man, sie versteht das also schon. Wenn das nicht klappt, mache ich eben den Kaffee jeden Tag etwas dünner. Irgendwann muß sie ja merken, worum es geht.”) Es ist dagegen sehr wahrscheinlich, daß ein Mann irgendwann annimmt, daß die besuchende Dame allmählich in der Lage sein könne, sich selbst ein Handtuch aus dem Regal zu nehmen. Wie überwältigend der erste Überschwang auch sein mag, in der Regel hört man doch irgendwann auf, die geliebte Person wie einen Staatsgast zu behandeln und geht allmählich zu familiäreren Formen über (“Ich bin doch hier nicht dein Page!”).

Aber trotzdem fasziniert mich die Vorstellung, man könne auf diese Art eine Trennung einleiten. So undramatisch. Ein Blick auf das fehlende Handtuch, die schlagartige Erkenntnis, der Abgang. In Japan merkt man ja angeblich, daß einem gekündigt wurde, wenn morgens kein Stuhl mehr vor dem Schreibtisch steht, ein sehr ähnlicher Sachverhalt. Vielleicht könnte man auch zum Beispiel bei Ehepaaren Scheidungen auf diese Art stilvoll einleiten, etwa in dem die Frau nur eine Hälfte des Bettes frisch bezieht. Oder in dem der Ehepartner mit Küchendienst abends nur ein einsames Kotelett brät. Faszinierende Möglichkeiten! Wobei die Herzdame und ich natürlich keineswegs die Absicht haben, künftig getrennte Wege zu gehen, wie ich an dieser Stelle wohl anmerken sollte.

Und daß sie heute morgen den Frühstückstisch nur für sich allein gedeckt hat, liegt sicher nur daran, daß sie annahm, ich hätte ohnehin keine Zeit. Wie auch immer sie darauf kam.

%d Bloggern gefällt das: