Am letzten Wochenende haben wir einen Tag mit guten Freunden und deren kleiner Tochter Mélusine verbracht. Sie ist Französin, falls der Name wundert. Mélusine ist erst ein paar Monate alt und daher weitestgehend mit Herumliegen und Herumgetragenwerden beschäftigt. Die Eltern, fiel uns auf, fingen immer an zu singen, wenn sie das Kind auf dem Arm hatten, französische Schlaf- und Kinderlieder. Da man so ein Kind dauernd auf dem Arm hat, gab es auch viel Gesang. Leise trällerte gerade die Mutter, das Kind auf dem Arm wiegend, beruhigende Weisen, als ich die Herzdame ansprach und sie darauf hinwies, daß sie dann wohl auch mal singen müsse, wenn wir einmal ein Kind bekommen sollten. Irgendwann einmal. Wir schließen nämlich nicht kategorisch aus, noch in diesem Jahrzehnt entschlußreif zu sein. So in etwa.

„Singen?!“ Die Herzdame schüttelte heftig den Kopf und lehnte kategorisch ab. „Singen kann dann der Vater, der tut es ja auch beim Duschen“. Leugnen zwecklos, das tue ich in der Tat. Mir haben aber mein Leben lang alle, wirklich alle Zeugen bestätigt, daß ich ganz und gar schauderhaft falsch singe, geradezu schmerzhaft falsch für die Zuhörer. Merken das Kleinkinder? Ich weiß es nicht. Aber immerhin ist damit über meinen Gesang überhaupt etwas bekannt, wenn auch negativ. Über den Gesang der Herzdame weiß man eher gar nichts, es gibt keine Zeugen, nicht einmal ihre Mutter erinnert sich, sie je singen gehört zu haben. Oder sie verschweigt etwas, wozu sie ihre Gründe haben wird. Wie dem auch sei, natürlich scheint es ratsam, auf ein unruhig werdendes Baby einzusingen, wie die Erfahrung aller Freunde lehrt, die bereits Eltern geworden sind. Daher bestand ich darauf, daß die theoretische künftige Mutter sich rechtzeitig mit dem Singen anzufreunden habe und drückte ihr das Baby wieder in den Arm, verbunden mit der Aufforderung, es bitte sofort einmal zu versuchen. Man kann solche Dinge ja klären, lange bevor der Ernstfall eintritt, dachte ich. Allerdings schlief das Kind schon freiwillig ein, kaum daß es an ihrer Schulter lag und sie wollte es dann durch schräge Geräusche nicht wecken, was ich natürlich verstand.

Wir diskutierten das Problem abends im Bett weiter, die Herzdame war aber immer noch unerbittlich: „Gesungen wird nicht“. Nicht aus ihrem Munde zumindest Und überhaupt, wenn man bei der Aufzucht unbedingt singen muß, sollten wir vielleicht doch lieber auf Nachwuchs verzichten. Allerdings, fiel ihr plötzlich ein, könnte ich ja so großzügig sein und ihr im Vorwege, reine Prophylaxe, völlig unverbindlich. ein paar professionelle Gesangsstunden zu spendieren, dann sähe die Welt schon anders aus. Professionelle Gesangsstunden? Ja, denn die wollte sie immer schon mal haben. In der Erwartung, daß solche Nachtgespräche bald wieder vergessen werden, sagte ich natürlich sofort zu. Wieder ein Hindernis weniger auf dem Weg zum Nachwuchs. Die Herzdame murmelte, daß sie damit zwar sehr zufrieden, aber ferner auch nicht textfest sei und man daher auch noch Liederbücher kaufen müßte. Kinder scheinen ein teurer Spaß zu sein, wie hier bereits in extrem frühem Stadium deutlich wird.

Wenn hier aber jemand textfest im deutschen Liedgut ist, bin ich das, inklusive Schlaflieder, und zur Demonstration sang ich, ungeachtet meiner stimmlichen Mängel, der in meinen Arm gekuschelten Herzdame ein, zwei Schlaflieder vor, Lalelu, vor dem Bettchen steh’n zwei Schuh und dergleichen. Es singt sich gar nicht leicht im Liegen, aber nach zwei Minuten hörte ich sie leise schnarchen, noch bevor der Mond in meinem nächsten Lied wirklich aufgegangen war.

Wobei ich nun natürlich nicht weiß, ob sie im schönsten Wohlgefühl eingeschlafen ist oder sich ihr Bewußtsein nicht vielleicht in panischem Schrecken vor meinem Mißtönen in Morpheus‘ Arme geflüchtet hat. Aber hier wie so oft gilt wohl: Nur das Ergebnis zählt.

So können wir, allein durch die sorgsame Vorbereitung auf potentielle Kinder, später auch als Gesangsduo auftreten. Mit der Herzdamentanzkapelle oder so. Das Leben bleibt voller spannender Möglichkeiten.

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