In Hamburg ist es heiß. Das sind wir hier eher nicht gewohnt, die Hitze wirkt sich daher immer sehr schnell auf den Gemütszustand der Einwohner aus, d.h. man begegnet deutlich öfter Menschen, die sich seltsam benehmen. So ging es mir zum Beispiel sogar in der eigenen Wohnung, als ich gestern morgen aus dem Bad kam und die Herzdame sah, die seltsame Rituale vor dem Spiegel vorführte. Es ist nicht ungewöhnlich, daß sich Frauen vor dem Spiegel drehen, aber wohl eher nicht in der Geschwindigkeit, in der es die Herzdame gerade tat. Sie hatte ein neues Kleid an und drehte sich so schwungvoll wie nur denkbar, wobei sie die Drehbewegung mit den Armen unterstützte, so daß sie gewissermaßen durch unseren Flur propellerte. Das allein war schon merkwürdig, aber sie versuchte dabei auch, den Oberkörper absurd weit vorzubeugen, wodurch diese Übung noch halsbrecherischer aussah und ihr Kopf den Wänden gefährlich nahe kam.

Hitzeklaps, dachte ich, und schlug ihr vor, sich lieber noch ein wenig hinzulegen. Die Herzdame erklärte mir aber, ohne ihre Übungen zu unterbrechen, daß sie unbedingt wissen müsse, ob ihr neues Kleid für den Tanzsport geeignet sei. Hierzu müsse sie feststellen, ob der Saum bei Drehungen so weit hoch fliegen könne, daß ihre Unterwäsche zu sehen sei.

Die Herzdame ist zwar ein außerordentlich biegsamer Mensch, aber unter den eigenen Rock kann sie sich doch nicht gucken, daher waren ihre Bemühungen ambitioniert, aber erfolglos. Ich erklärte ihr nach genauer Beobachtung des wirbelnden Stoffes hilfsbereit, daß das Kleid lang genug sei, nur um ihrem Blick deutlich anzusehen, daß sie mir nicht glaubte. Ich brauchte tatsächlich mehrere Minuten, um ihr klar zu machen, daß es selbstverständlich die reine Wahrheit sei, daß gar keine Gefahr bestünde und daß es doch überhaupt unverschämt sei, mir so etwas nicht abzunehmen. Wer würde schon seiner Frau in solchen Fragen die Unwahrheit sagen? Und wenn man seinem eigenen Mann nicht traut, wem dann? Schließlich ließ sie sich nach langem Zögern doch darauf ein, mir zu vertrauen, gerade bevor ich ernsthaft verunsichert wurde.

Ich dachte fast schon, ich hätte die Fähigkeit glaubhaft zu lügen über Nacht verloren.

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