Wenn man sich nicht für Fußball interessiert, merkt man sehr deutlich, wie seltsam verändert die Stadt während der Spiele ist und man kann diese Zeit ganz hervorragend und außergewöhnlich nutzen. Es ist zum Beispiel kaum noch Verkehr auf den Straßen, daher kann man in einer Weise schwungvoll durch die Stadt fahren, die man in Hamburg nie für möglich gehalten hätte. Der Feierabendverkehr fällt anscheinend komplett aus, wenn gerade gespielt wird. Vor den Restaurants, Kneipen und Cafés mit Fernsehübertragung stehen Menschentrauben dichtgedrängt auf den Bürgersteigen, auf den Spazierwegen an der Alster ist man dafür aber fast allein, trotz schönsten Wetters. Man kann sich bei einem gelangweilten Verkäufer ein Eis holen und damit nacheinander auf zehn freien Bänken sitzen, nur weil es so toll ist, überall einen Platz zu bekommen, mit Blick auf Sonnenuntergang. Wenn man in einem Restaurant essen geht, in dem keine Übertragung gezeigt wird, hat man natürlich auch freie Platzwahl – leider aber auch geistig abwesendes Personal, das sich lieber in der Küche aufhält, wo dann doch ein Fernseher läuft. In dem asiatischen Restaurant, in dem wir vor ein paar Tagen waren, klang gelegentlich ein vielstimmiges und eindeutig begeistertes „Ami go home“ der Küchenmannschaft aus den hinteren Räumen, als die USA spielten. Unser Essen entsprach dabei eher nicht dem, was wir bestellt hatten, was sicher daran lag, daß der Koch bei der Arbeit mehr auf den Fernseher als auf die Zutaten geguckt hat. So kommt man zum schärfsten und seltsamsten Chop-Suy seines Lebens.

Man kann sich aber auch, während Deutschland spielt, zu Hause auf das Bett werfen und Sex haben – schon wegen des seltsamen Gefühls, daß man wahrscheinlich das einzige Paar in der ganzen Millionenstadt ist, welches sich gerade miteinander beschäftigt. So hat man ohne weiteren Aufwand ein sozusagen besonders exklusives Liebesleben, und wer hätte das nicht gerne. Und mit ein wenig Glück fällt sogar das Finale Furioso der abendlichen Privatvergnügung mit der letzten Spielminute Deutschland – Polen zusammen, so daß einem plötzlich scheinbar die ganze Stadt begeistert zujubelt. Überall begeistertes Geschrei, Klatschen, wildes Hupen und Gesänge, die Menschen kriegen sich gar nicht wieder ein. Wir lagen im Bett und hörten staunend Ovationen, mit denen wir ganz sicher so nie gerechnet hätten. Seltsam, aber nett.

Und, für die Leserschaft mit Sinn für Aberglauben und Leidenschaft für Fußball: Wir wiederholen das natürlich, wenn Deutschland das nächste Mal spielt. Versprochen. Dann wird das schon.

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