Summer evening

Als die Herzdame und ich gestern abend auf einer Bank am Alsterufer saßen und auf den Sonnenuntergang warteten, hielt eine alte Dame auf einem Fahrrad neben uns an. Sie stieg ab und fragte in auffällig altmodischer Wortwahl, ob wir es ihr wohl bitte vergeben würden, wenn sie sich einen kleinen, einen wirklich ganz kleinen Augenblick zu uns setzen würde. Sie war selbst auch wirklich ganz klein, eine geradezu winzige Person sogar, auf einem etwas zu groß geratenen Klapprad. Vom Fahren war sie erhitzt und rotwangig, aber sie hatte eine sehr vergnügte Ausstrahlung. Die Kleidung, die sie trug, Rock und Bluse, sah nach edler Boutique aus, die Muster- und Farbkombination war allerdings mehr als gewagt. Kreise gegen Streifen und Blümchen, Blau gegen Rot und Grün. Sie hatte etwas huschendes, wieseliges in ihren Bewegungen und wache, unruhige Augen. Sie lehnte ihr Fahrrad an die Bank und setzte sich, wobei ihre kurzen Beine mädchenhaft in der Luft baumelten. Mit einem äußerst liebenswürdigen Lächeln bedankte sie sich bei uns, warf einen Blick auf die golden leuchtenden Wölkchen am Horizont und gab ein leises „Hach!“ von sich, dann stand sie auch schon wieder auf oder huschte eher von der Bank, wobei sie leise vor sich hinkicherte.

Sie ging zu dem Kiosk hinter uns, wo sie sich vollkommen ungeniert und nach allen Seiten strahlend an einer meterlangen Schlange vorbeidrängelte und ein Eis bestellte. Sichtlich entzückt daran leckend und immer noch kichernd kam sie zu uns zurück und setzte sich. Das Eis war kaum verspeist, da stand das unruhige Persönchen schon wieder, umkreiste das Fahrrad und suchte mit fliegenden Fingern in den Tüten und Taschen, die sie in dem Korb am Lenker dabeihatte. Als sie sich wieder zu uns setzte, hatte sie einen Piccolo in der Hand, den sie aufschraubte – und dann prostete sie mit einer kaum sichtbaren, feinen Geste der untergehenden Sonne zu und nahm ein dezentes Schlückchen. Legte den Kopf in den Nacken und es gluckste aus ihr: „Hihi“. Sie sah mich von der Seite an und zwinkerte mir zu.

Als die Sonne ein paar Minuten später verschwand, bedankte sie sich in aller Form bei uns für die Gastfreundschaft, bestieg ihr Fahrrad und fuhr davon. Man kann nicht ausschließen, daß es die Wetterhexe persönlich war, die sich da stolz ihre eigene Inszenierung eines gelungenen Sommerabends ansah. Wie gut, daß wir gastfreundlich waren! Es hätte sonst sicher furchtbar unangenehme Folgen haben können.

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