Demonstration

Am Freitag gab es vor dem Hamburger Hauptbahnhof eine eher kleine prolibanesische Demonstration. Etwa fünfzig Menschen standen da auf dem Bahnhofsvorplatz, ein Redner sprach, sie hielten Transparente gegen Israel und Amerika hoch. Es interessierte überhaupt niemanden der Passanten, die aus den Büros heimkamen, man ging zügig vorbei. Wenn man überhaupt hinsah, dann eher ratlos und irritiert. In Hamburg sind Demonstrationen von Ausländergruppen, Exiliranern, Kurden, Türken, Chinesen etc. nicht gerade selten, man ist es gewohnt. Da Reden dabei oft in den jeweiligen Landessprachen gehalten werden, ist ohnehin zweifelhaft, ob man wirklich versteht, worum es gerade geht. Der Redner, der da am Freitag auf einem Lieferwagen stand, sprach auf deutsch von dem friedliebenden und freundlichen Volk im Libanon, im nächsten Satz aber auch schon von dem grundlegenden Recht auf Rache, von Selbstverteidigung, israelischen Kriegsgefangenen und absolut notwendiger Kriegsführung. Er schlingerte sozusagen zwischen den Positionen hin und her. Keine überzeugende Friedensrede, die Existenz der Hisbollah wurde nicht einmal erwähnt. Es hätte nur minimaler Textänderungen bedurft, um dieselbe Rede auf einer pro-israelischen Demonstration zu halten. Bilder von zivilen Opfern wurden hochgehalten, auch die Bilder wären natürlich leicht austauschbar gewesen. Die demonstrierenden Zuhörer wirkten dabei keineswegs aggressiv, auch sie schienen eher ratlos und standen etwas unschlüssig um den Redner herum. Zwischen den Reden spielte Musik aus Lautsprechern, keine arabischen Stücke, sondern entspannter Reggae. Daß die Demonstranten nicht nur libanesische, sondern auch deutsche Flaggen eifrig schwenkten, gehört sicher zu den bemerkenswerten Folgen des WM-Sommers. Fast fällt es einem schon gar nicht mehr auf, daß dies noch vor kurzer Zeit so gut wie undenkbar gewesen wäre.

In vielen Blogs (etwa hier und hier) liest man derzeit den Hinweis auf das deutschsprachige Blog „Letters from Rungholt“ wo eine Frau aus Israel klug abwägend und ausführlich über die Lage schreibt. Ich schließe mich diesen Empfehlungen sehr gerne an. Wenn man sich da aber erst einmal festgelesen hat, ist der „Nahe Osten“ allerdings auf einmal tatsächlich näher, als man vielleicht denkt.

Mehr Blogs aus der gesamten Region werden zum Beispiel hier aufgeführt.

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