Als die Herzdame und ich noch nicht zusammenlebten, wohnte sie in einer WG im eher unappetitlichen Teil des Hamburger Bahnhofsviertels. Es war eine große Altbauwohnung für erstaunlich wenig Geld, was daran lag, daß vor der Haustür mit Crack gehandelt wurde und nachts junge Stricher auf Freier warteten. Wenn man von Land kommt und sich die Großstadt als wild und gefährlich vorstellt, war es die ideale Szenerie zum Klischee. Die WG-Bewohner waren jung und hatten oft Gäste, Besucher aus den Heimatregionen, Kommilitonen, alte Schulfreunde. Einer dieser Gäste war jemand, den wir später Krümelkai nannten. Als ich ihn zum ersten Mal sah, saß er auf dem Wohnzimmersofa mit einer Gruppe von jungen Menschen aus Mecklenburg, die sich für einen Hamburgbesuch in einem der Zimmer einquartiert hatten. Die Gäste waren alle sehr munter, erlebnishungrig und neugierig auf das Hamburger Nachtleben, nur er nicht. Er sprach kaum und wenn, dann nur sehr leise, wobei er den Kopf kaum hob und sich eher widerstrebend im Raum umsah. Man konnte seinen Blick kaum erkennen, so dreckig und fettverschmiert war seine Brille. Es schien ihm nichts auszumachen, ich habe diese Brille an ihm auch später nie in anderem Zustand gesehen. Gelegentlich wurde er auf einen Satz in dem Gespräch um ihn herum aufmerksam und machte einen Ansatz, sich ins Gespräch einzumischen. Seine Beiträge brachen aber nach wenigen Wörtern wieder weg, er winkte ab und versank in Nachdenken, wobei er sehr angestrengt aussah. Seine Freunde schienen das gut zu kennen und achteten wenig auf seine Bemerkungen, sie waren es wohl gewohnt, daß die Halbsätze ins Leere liefen. Seine Kleidung war im Gegensatz zu der seiner Mitreisenden überhaupt nicht modisch. Er trug, was Menschen tragen, denen Trends vollkommen egal sind, eine einfache Jeans und ein schlichtes Sweatshirt. Die Sachen wirkten etwas schmuddelig. Seine Haare hingen wirr, man konnte ahnen, daß es sich vor Wochen einmal um eine Frisur gehandelt haben mußte. Er hatte anscheinend überhaupt kein Interesse an seiner Erscheinung.

Er blieb eine Weile in Hamburg und kam öfter vorbei, so daß wir ihn etwas näher kennenlernten. Er hatte einige Semester eher ziellos in verschiedenen Städten unterschiedlichste Fächer studiert und war schon seit Monaten in krampfhaftem Nachdenken gefangen: Er wußte einfach nicht, was er weiter tun sollte. Er wußte es in einem solchen Ausmaß nicht, daß das Grübeln über die eigene Lage ihm zur schwersten Arbeit geworden war, so unvorstellbar schwer und zeitraubend, daß er für alle anderen Jobs schlicht unbrauchbar war. Er hatte Friedhöfe geharkt, Kartons gestapelt, war in Gewerbegebieten Streife gelaufen und hatte einige andere eher schlichte Beschäftigungen probiert, wurde aber stets schnell wieder entlassen, denn er paßte einfach nicht auf. Guckte in die Luft, dachte nach und vergaß den Rest um sich herum.

Er sah nach innen und grübelte. Kaum daß er noch in seiner Umwelt etwas wahrnahm, was ihn nicht sofort wieder in sich zurückwarf, wo er den neu aufgetauchten Aspekt von allen Seiten betrachtete, jeder möglichen Verzweigung des Themas hinterhersann und lange überlegte, was daraus zu folgern sei. Es gab niemals ein Ende dieser Gedankenknäuel, kein Knoten löste sich auf, kein loses Ende war je der Anfang des Ariadnefadens. Er saß oft allein in der Küche der WG und drehte Zigaretten, damit konnte er sich erstaunlich lange beschäftigen. Da er nicht darauf achtete, was er tat, waren der Tisch und sein Stuhl hinterher mit Tabakkrümeln und verlorenen, angerissenen Blättchen übersät, daher auch sein Name bei uns, Krümelkai. Wenn er sich auch nur ein Brötchen schmierte, richtete er ein unfaßbares Chaos an, da ihm alles herunterfiel und er mit fahrigen Bewegungen alles durcheinanderwarf. Man sah sofort, wenn er in der Küche gewesen war, er hinterließ Spuren wie ein fünfjähriges Kind. Der deutliche, erdbeerrote Marmeladenabdruck seiner Hand auf der Kühlschranktür taugte uns zur Erheiterung und auch als Fotomotiv.

Wir haben uns vorgestellt, daß es wahrscheinlich gereicht hätte, ihm das Hamburger Telefonbuch zu geben, um ihn bis ans Lebensende geistig zu beschäftigen. Er saß und dachte und krümelte Tabak um sich herum. Vorstellungsgespräche scheiterten schon daran, daß er versuchte, sich dabei eine Zigarette zu drehen. Unsere vorsichtigen Hinweise auf die Möglichkeiten therapeutischer Hilfe wies er freundlich zurück, er müsse sich erst über ein paar Dinge klar werden, bevor er sich solchen neuen Fragen widmen könne.

Als er eines Tages mitbekam, daß ich gelegentlich nebenbei als Astrologe arbeite, bedrängte er mich, ihm etwas über den Schützen zu erzählen. Er wußte nur sein Sonnenzeichen und sonst nichts zu dem Thema. Ich habe mit ein paar einfachen Schlagworten und eher ohne Begeisterung geantwortet; etwa mit dem Streben nach Horizonterweiterung, mit der Reiselust und dem Interesse an religiösen oder philosophischen Fragen. Wenn man solche Gespräche einmal beginnt, kann man sich ihnen manchmal über Stunden nicht mehr entziehen und ich wollte ins Bett. Er sah mich mit offenem Mund an und bat mich, das mit dem Horizont zu wiederholen.

Er sah plötzlich ungewohnt wach und interessiert aus und er sprang hektisch auf und suchte in seinen Sachen nach etwas. Seine Hosentaschen bargen Schätze wie bei kleinen Jungs, Taschenmesser, Kastanien, Bonbons und mehrere Streichholzschachteln. Schließlich fand er einen zerknitterten Zettel, eine herausgerissene Seite aus einem Esoterikmagazin. Es war die Ankündigung eines Vortrages über sibirische Schamanen, er hatte sich diese Einführung gerade am Vorabend angehört. Er wirkte jetzt sehr euphorisiert: „Das ist es, da muß ich hin. Sibirien. Gleich! Kam mir gestern schon so vor, als ich das gehört habe und du sagst es jetzt ja auch. Reisen, Horizonterweiterung, religiöse Fragen. Das ist es ja! Völlig klar!“

Es war vergeblich, ihn darauf hinzuweisen, daß es keineswegs meine Absicht gewesen war, ihn spontan zu einer Weltreise zu motivieren, er war Feuer und Flamme von der Idee und sehr enttäuscht, daß ich mich hartnäckig weigerte, ihm mehr über den Schützen zu erzählen.

Bereits am nächsten Tag war er zu unserem Entsetzen tatsächlich auf dem russischen Konsulat, wo er in einer Wachheit, die man ihm nicht mehr zugetraut hätte, die Einreisebedingungen klärte und schon am Nachmittag traf er sich mit dem reisenden Schamanen, der den so verlockenden Vortrag gehalten hatte. Abends kam er vorbei und erklärte er uns vergnügt, alles geregelt zu haben und startklar zu sein. Es gäbe nur das kleine Problem der Reisekosten, denn Geld hatte er keines und Sibirien war nicht eben billig zu erreichen. Er hatte daher den Plan gefaßt, sich in aller Eile einen Job, irgendeinen Job zu suchen, ganz gleich was, jeden Cent zu sparen und dann sehr schnell aufzubrechen. „Ich mach irgendwas, und dann weg, Sibirien. Alles geklärt, klappt alles, nur noch ein Job für ein, zwei Monate und los. Ich bin ein Schütze und ich muß hier raus. Dringend.“

Er fand keinen Job. Schon nach wenigen Tagen der geistigen Anspannung fing er an, über die Probleme der Jobsuche und alle denkbaren Möglichkeiten des Gelderwerbs nachzudenken und verfing sich wieder hoffnungslos in dem Geflecht seiner Überlegungen. Die unerwarteten Hindernisse irritierten ihn maßlos, er sank zusehends in sich zusammen.

Die Herzdame und ich zogen kurz darauf in eine andere Wohnung zusammen, hatten bald keinen Kontakt mehr zu der WG und verloren ihn aus den Augen. Monate später trafen wir jemanden aus seinem damaligen Freundeskreis und fragten nach ihm. Nein, er war nicht nach Sibirien gekommen, erfuhren wir, obwohl er noch oft den Eindruck erweckt hatte, schon auf gepackten Koffern zu sitzen und auch jedes Buch über Schamanismus gelesen hatte, das er irgend auftreiben konnte. Weiter konnte man uns allerdings nichts über ihn berichten. Als er nach einigen Monaten vor sich selbst zugeben mußte, Sibirien nicht erreichen zu können, hat er nämlich eine andere Form der Horizonterweiterung beschlossen und sich selbst in die Psychiatrie eingeliefert.

Danach hat keiner mehr etwas von ihm gehört.

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