Kuehlungsborn

Zwischen meinem zwölften und zwanzigsten Lebensjahr wohnte ich in Travemünde, einem Vorort von Lübeck an der Ostseeküste. Meine Eltern hatten sich, wie es viele gutverdienende Menschen aus Lübeck oder Hamburg in den frühen Achtzigern getan haben, dort eine Wochenendwohnung gekauft. Das hatte weniger mit der Liebe zum Meer, als vielmehr mit sogenannten Steuersparmodellen zu tun, aber das sagte mir als Kind natürlich nichts. Alle Menschen wollten sowieso immer am Meer sein, dachte ich damals.

Unsere Wohnung war in einem Gebäude, daß „Strandresidenz“ hieß, es hatte vier Stockwerke und fünfundsiebzig Wohneinheiten, die alle recht winzig waren. Wie die meisten dieser großen Wochenendbauten war die Residenz etwas merkwürdig geformt, damit alle Balkone möglichst viel Sonne abbekamen und einige sehr teure Wohnungen in der obersten Etage gerade eben noch etwas kostbaren Seeblick hatten, knapp über die Nachbarhäuser hinweg. Wenn man diese Gebäude heute sieht, hält man sie nur für allmählich verfallende, deutlich überdimensionierte Bausünden, damals galt es aber geradezu als feudal, sich am Wochenende für ein paar Stunden mit der ganzen Familie auf den doch immerhin meernahen Balkon drängen zu können. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich zwölf Jahre alt war und meine Mutter und ich bezogen daraufhin diese Wochenendwohung als dauerhafte Bleibe.

An den Wochenenden im Sommer war das Haus belebt von zahlreichen Familien mit Kindern, die am Abend lärmend vom Strand zurückkamen und auf dem Rasen vor dem Haus weiterspielten. Es roch dann im Treppenhaus und aus jeder Wohnung nach Sonnenöl und auf den dunklen Teppichen der langen Flure waren überall feine, helle Spuren von Sand und zertretenen Muscheln. Aus einigen Apartments hörte man Säuglinge schreien, gelegentlich hingen vergessene Badehandtücher über dem Treppengeländer, das Haus roch und klang ganz wie ein weitläufiges Hotel am Meer. Es war aber sehr merkwürdig, während der Woche durchgehend dort zu wohnen, denn spätestens am Montagmorgen leerte sich das ganze Haus. Die Wochenendgäste fuhren alle zurück nach Lübeck oder Hamburg, um wieder ihrer Arbeit nachzugehen. Wenn nicht gerade Ferienzeit war, gab es ganze Wochen, in denen abends nur bei uns Licht brannte, alle anderen Wohnungen standen leer und blieben dunkel. Das verlassene Gebäude war gespenstisch ruhig um uns herum. In der Tiefgarage des Hauses, gebaut für fünfundsiebzig Autos, stand unter der Woche meist nur unser R4, daneben mein Fahrrad und weiter hinten ein abgemeldetes Cabrio ohne Vorderreifen. Es war mein größtes tägliches Grauen, dort morgens hallenden Schrittes vom Fahrstuhl zu unserem Stellplatz zu gehen, wo doch sicher hinter jeder der Betonsäulen der riesigen, leeren Garage fernsehkrimimäßige Unholde lauerten.

Im Laufe der Jahre zogen erst nach und nach noch andere Parteien dauerhaft in die Residenz ein, Rentner zumeist, die ihren Ruhestand am Meer verbringen wollten. Unsere Nachbarwohnung gehörte auch so einem Paar. Hilde und Hans hießen die Eigentümer, sie kamen aus Hamburg, wo sie einen Handwerksbetrieb hatten und gemeinsam führten. Einen Betrieb, der ganz außerordentlich gut lief sogar. Beide waren etwa Anfang sechzig und sie hatten es geschafft. Sie hatten Geld, viel Geld und sie legten auch Wert darauf, die entsprechenden Statussymbole zu zeigen. Teure Anzüge, Pelzmäntel, Schmuck, immer der jeweils neueste Mercedes. Begleitet wurden sie von einem würdevollen und steifbeinigen Pudel in feinem Silbergrau, der im Winter und bei kühlem Regenwetter ebenfalls teure Mäntelchen tragen mußte.

Hans war ein aufrechter und sehr stattlicher Mann, unübersehbar von großer Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Curd Jürgens. Man sprach ihn oft darauf an, worauf seine Frau sehr stolz war. Wenn er am Freitag in seinem edlen Anzug direkt aus dem Büro kam, sah er ausnehmend gut aus. Hilde war etwas mollig und, wenn man es gut mit ihr meinte, dem Typ der späten Simone Signoret nicht unähnlich. Beide legten, als wir sie als Nachbarn kennenlernten, großen Wert auf korrektes Benehmen, sie waren sehr höflich und etwas reserviert. Ich sah sie am Freitagnachmittag von unserem Balkon aus ankommen, er parkte den Mercedes am Straßenrand vor dem Haus, stieg aus und öffnete ihr die Tür. Sie war dann meist „schöngemacht“, was hieß, sie kam gerade vom wöchentlichen Friseurbesuch. Ihre blaustichige und naturwidrig gewellte Frisur saß wie ein Drahtgestell auf ihrem Kopf und auch der auffrischende Abendwind von der Ostsee konnte kein Härchen darin bewegen. Sie winkten zu uns nach oben, kommentierten das Wetter und jedesmal sprachen sie über ihre Begeisterung, endlich wieder da zu sein, am Meer, in der guten Luft, in der Stille.

Sie blieben mit der Zeit immer öfter auch an den Werktagen in Travemünde, er hatte angefangen, das Geschäft seinem längst erwachsenen Sohn zu übergeben. Sie fühlten sich am Meer viel wohler als in ihrem Haus am Stadtrand von Hamburg, das zu dicht an der Einflugschneise des Flughafens stand und in dem sie alles immer an die Arbeit und die vielen Jahre voller Anstrengungen erinnerte. In Travemünde waren sie frei davon. Man sah ihnen schon bei der Ankunft am Freitagabend an, wie sie aufatmeten und wie sie ein klein wenig ihrer sonst sehr zusammengerissenen Haltung ablegten. In Travemünde konnten sie ziellos spazieren gehen oder auch nur stundenlang auf dem Balkon sitzen, ohne etwas tun zu müssen, hier gab es ganz ungeahnte Freiräume. Sie konnten morgens länger schlafen als in Hamburg, sie konnten auch, in geradezu rührend gemäßigter Extravaganz, an einem Montagmorgen zum Frühstück schon mal ein Glas Sekt oder sogar, man hatte es ja, Champagner trinken.

Nach einer Weile lösten sie ihr Haus in Hamburg ganz auf. Die teuersten der exquisiten Stilmöbel mußten mit nach Travemünde, wo sie in das winzige Zweizimmerapartment gequetscht wurden. Sehr eng war es jetzt da drin, zwischen den Kirschholzmöbeln kaum ein freier Meter. Teilweise lagen drei Orientteppiche übereinander, sie mußten ja irgendwo hin und die Erben sollten sich doch gefälligst noch gedulden. An den Wänden viel maritimes Messingzeug, das Hans an seine Zeit bei der Marine erinnerte, der Balkon überladen mit schweren hölzernen Liegestühlen, die vorher in ihrem großen Garten gestanden hatten.

In der ersten Zeit kamen sie aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, wie schön so ein freier Tag ohne Termine sein konnte und wie herrlich es doch war, jederzeit an das Meer gehen zu können. Sie meinten zwar, sie wären schon zu alt, um sich noch selbst in Bademode am Meer zu präsentieren, aber sie genossen es, die Promenade auf und abzugehen, den immer ferienhaften Anblick des Strandes vor Augen. Man konnte mit der Zeit Veränderungen an ihnen beobachten. Er trug immer seltener seine dunklen Anzüge, sondern zunehmend legere und immer helle Freizeitkleidung. Oberhemden mußte man bügeln, es gab aber gar keinen Grund, sich noch die Mühe zu machen. Ein Pullover oder ein Polohemd gingen doch auch. Seine Garderobe wurde nach und nach ausgetauscht, die Sachen blieben zwar teuer, waren jetzt aber geradezu lässig Hilde wurde immer seltener „schöngemacht“, die Termine dauerten ihr viel zu lange und sie mochte auch nichts vorhaben. Mit der jetzt beinahe frei wehenden Frisur bekam sie einen fast verwegenen Zug, sie pustete sich die Strähnen aus dem Gesicht wie ein junges Mädchen und lachte auf der Strandpromenade über den Wind, der ihre Haare zerzauste. Je lockerer die beiden wurden, desto öfter sah ich sie. Die Besuche zwischen den Wohnungen wurden immer häufiger, wir aßen gemeinsam und spielten in großer Runde abends mit Würfeln um wenig Geld. Schließlich ging ich in ihrer Wohnung so selbstverständlich ein und aus, als wären sie meine Großeltern. Es war sehr tröstlich, daß nun wenigstens in der Wohnung neben uns an jedem Abend ein weiteres Licht brannte.

Die beiden gingen sehr viel spazieren, kehrten hier und da in einer der Imbißbuden am Strand ein und tranken ein Bier in der Sonne. Besonders Hilde konnte dort lange auf einem der billigen Plastikstühle sitzen, den Pudel zu ihren Füßen, mit den Einheimischen plaudernd und von Zeit zu Zeit betonend, wie schön das doch sei, daß sie nirgendwo hinmüsse. Sie reckte sich in der Sonne, streichelte den Pudel und hielt ihr Gesicht in den Wind. Ganze Nachmittage saß sie so. Hans beobachtete derweil mit dem Fernglas die Fährschiffe vor der Küste und murmelte langatmige Erklärungen, über ihr Fassungsvermögen in Bruttoregistertonnen, über ihre Maximalgeschwindigkeit in Knoten oder über die Kabinenzahl und wieviel Lastwagen in den Laderaum paßten. Er kannte sich aus und er fand meist auch noch andere interessierte Gäste, mit denen er am Fenster stehen und lange Fachgespräche führen konnte.

In der kleinen Wohnung wußten sich die beiden dagegen nicht recht zu beschäftigen, nachdem sie die Möbel lange genug hin- und hergeschoben hatten. Die freie Zeit schien ihnen zwar kostbar, war aber gar nicht einfach zu füllen, wenn man nicht gerade mit dem Hund ging, was dem schon älteren Tier leider nicht mehr ganztägig zuzumuten war. Der Fernseher lief immer und sie machten Kreuzworträtsel, aber eigentlich warteten sie nur auf den nächsten Spaziergang und auf die nächste Gelegenheit, sich wieder zu den anderen Gästen in der Strandimbißbude um die Ecke zu gesellen und auf das Meer zu sehen.

Im Herbst hatten sie es wirklich schwer. Das Wetter wurde unfreundlich, sie mußten oft zuhause bleiben. Es war irgendwann nicht mehr zu übersehen, daß sie sich furchtbar langweilten. Hans bot seinem Sohn schließlich doch wieder an, ein oder zwei Tage in der Woche im Betrieb zu helfen, erfuhr jedoch, daß das nicht erwünscht war. Er sprach daraufhin über ein Jahr nicht mehr mit seinem Sohn und murmelte, wenn sein Name erwähnt wurde, leise grummelnd seemännische Flüche vor sich hin. Da es Hilde währenddessen zunehmend egal wurde, sich bei ihrem Tageslauf nach der Uhr oder auch nach anderen Leuten zu richten, trank sie schon mal öfter zu ungewöhnlichen Zeiten etwas Sekt und bald kam es häufiger vor, daß sie dabei nicht eben wenig trank. Nach gar nicht langer Zeit nahm sie möglichst viele Gelegenheiten wahr, ein Schlückchen zu trinken, um bald danach in zusehends aufgekratzter Stimmung nach mehr zu verlangen. Sie wurde dann etwas lauter und sehr jovial im Umgang mit den anderen Gästen im Imbiß. Sie entwickelte sich mehr und mehr zu einer Stimmungskanone, die sich als ganz hervorragend für den Umsatz an Bier und Sekt erwies. Sie war bald ein sehr gern gesehener Gast, zumal sie spendabel mit Lokalrunden war und die Kinder der Besucher an ihrem Tisch großzügig mit Eis und Pommes versorgte. Wenn ein Kind zwischendurch mit dem Pudel um den Block ging, wurde es reichlich entlohnt, so daß das Tier mehr Bewegung als jemals zuvor im Leben hatte. Es wirkte allerdings keineswegs so, als wäre es davon begeistert. Immer wieder betonte Hilde, daß sie machen könne, was sie wolle, denn sie fürchtete auch bei heftigem Trinken keinen Kater: „Muß ich vielleicht morgen irgendwohin? Nein! Ich nicht mehr! Ich kann machen, was ich will!“ Sie wurde erstaunlich schnell in den verschworenen Kreis der einheimischen Stammgäste in der Imbißbude aufgenommen.

Ich wurde gelegentlich zum Imbiß geschickt, wenn es allzu spät für sie wurde und ihr Pegel schon dramatisch gestiegen war, um sie von der Bude nach Hause zu bringen, was ihr jeweils großen Spaß bereitete. Sie war viel schwerer und auch stärker als ich und genoß es sichtlich, sich gewichtig in meinen Arm zu hängen und mich dann in Schlangenlinien durch die Gegend zu schieben, wobei sie mir stets lachend vorwarf, wie unmöglich es wäre, daß ich in meinem zarten Alter schon nicht mehr geradeaus gehen könne. Auf der Hälfte des Weges legten wir einen kleinen Ringkampf ein, weil sie doch lieber noch mal auf ein Glas zurück wollte, und es konnte eine Weile dauern, bevor sie mich etwas gönnerhaft gewinnen ließ und ich sie schließlich doch in ihre Wohnung bugsieren konnte. Hilde mußte mit der Zeit immer häufiger aus der Bude geholt werden. Da ich dafür jeweils ein Trinkgeld bekam, war mir die Entwicklung durchaus angenehm.

Hans war im Imbiß meist dabei, aber eher still. Er trank zwar auch, er trank mit seiner Frau und den anderen mit und dadurch auch zusehends mehr, aber er blickte dabei immer öfter unbeteiligt ins Leere oder, nach seinen Erzählungen zu urteilen, in die Vergangenheit. Er war im Zweiten Weltkrieg auf einem U-Boot vor Norwegen herumgefahren, und sobald er mehr als drei, vier Bier getrunken hatte, hakte er gedanklich unweigerlich in dieser Zeit fest. Er erzählte dann, ob man es hören mochte oder nicht, von den gefallenen Kameraden („Alle weg. Alle.“), von den beinharten Vorgesetzten und vor allem von den wundervollen, unerreichten norwegischen Nutten, wobei er mit den Händen ganz unwahrscheinliche Frauenproportionen in die Luft formte. „Laß ihn reden“, sagte Hilde, „laß ihn einfach reden“. Je später der Abend, desto weniger mußte man ihm zuhören, er sprach im Zweifelsfalle zu fortgeschrittener Stunde auch mit der Wand weiter oder beschrieb seiner Bierflasche zum hundertsten Mal, wie er einmal mit einem ganz jungen Ding noch im Schnee lag, in irgendeinem Hafen im Norden, während die Kameraden schon von Bord nach ihm riefen. Das junge Ding konnte das Wort Schnee nicht aussprechen, Snee sagte es statt dessen und er wiederholte es für sich mit einem wehmütigen Lächeln: „Snee. Ich hab‘ da alles voller Snee, hat sie gesagt“.

Hilde dagegen dachte nicht an die Vergangenheit, Hilde war hungrig auf Gegenwart. Sie hatte ihr Leben lang gearbeitet und von dem verdienten Geld nicht viel gehabt, außer Pelzmänteln und teuren Autos, sagte sie. Hilde wollte jetzt mehr. Spaß! Soviel Spaß, wie nur zu haben war. Die Besuche im Imbiß waren da nur ein kleiner Teil dieses Programms. Sie ging auch ins Casino, damals gab es in Travemünde noch ein Spielcasino, und verspielte dort bedeutende Summen. Sie gab den Croupiers verschwenderische Trinkgelder und bestellte dazu wahllos Cocktails. Man sah ihr einen gewissen Triumph beim Bezahlen an, sie machte einfach alles nach, was ihr an glanzvollen Szenen aus früheren Filmen einfiel. Sie ging zur Travemünder Woche, zu allen Straßenfesten, Kurkonzerten und Veranstaltungen, die es im Laufe des Sommers gab, sie flirtete heftig, wenn auch erfolglos, mit fremden, besonders jüngeren Männern, die aber doch ohnehin alle nach ihrem abschließenden Befund „nicht genug Mumm in den Knochen hatten“, um wirklich interessant zu sein.

Aus ihrer Vergangenheit habe ich nur einmal durch einen Zufall einen kleinen Ausschnitt erfahren. Als sie uns besuchte, lagen auf meinem Tisch ein Skizzenblock und ein Bleistift, da ich gerade beschlossen hatte, ein genialer Zeichner zu sein. Sie setzte sich, rief mich heran und sagte „Guck mal, das habe ich ganz früher mal gemacht“. Und dann zeichnete sie mit größter Sicherheit, als hätte sie nie etwas anderes gemacht, Modebilder. Mit sehr flottem und federleichten Strich entstanden da ohne jede Mühe und ohne jedes Nachdenken zierliche Frauen mit wehenden Röcken, Frauen in Abendroben, Köpfe von Models mit kleinen Krönchen im Haar, ganze Gruppen von jungen Mädchen auf schmalen Bistrostühlen an einem Gartentisch vor einem nur angedeuteten Café. Es sah perfekt, professionell und für meine Begriffe schlicht umwerfend aus. Die Mode auf den Bildern war die der Fünfziger Jahre, denn in dieser Zeit hatte sie das Zeichnen als Beruf gelernt und andere Stilrichtungen meinte sie auch gar nicht darstellen zu können. Sie konnte nur genau diese Modezeichnungen, sonst nichts, sagte sie. Ich habe sie später noch oft gebeten, mir noch mal solche Zeichnungen zu machen, denn zum einen war ich sehr beeindruckt von der Leichtigkeit, mit der sie entstanden waren, zum anderen hatte ich die Blätter erfolgreich in der Schule als eigene Produktion ausgegeben, was meinem Ruf als Nachwuchskünstler natürlich sehr gut tat. Sie lehnte aber stets ab: „Laß mal, mein Jung‘, vorbei ist vorbei.“

Im dritten endlosen und langweiligen Winter am Meer änderte Hilde ihre Trinkgewohnheiten und stieg an den Abenden nach und nach von Sekt und Bier auf härtere Getränke um, zunächst noch in der gepflegten Variante eines teuren Cognacs. Der edle Cognacschwenker hatte noch so einen gewissen bürgerlichen Schein, auch wenn er bereits zum fünften Mal wohlgefüllt auf dem Tisch stand, es war ein Trinken auf vermeintlich hohem Niveau. Auch das Einkaufen dieser Getränke war noch recht unverdächtig, Remy Martin ist nicht gerade als typische Alkoholikermarke bekannt. Es wirkte immer noch so, wie das gewöhnliche Nachrüsten einer gehobenen Hausbar und natürlich verteilte sie die Beschaffung des Nachschubs auf alle Geschäfte, die dafür in Frage kamen, so daß sie in jedem nur selten kaufte. Nach nur einem Cognacwinter wurde ihr aber auch dieser alltagskulturelle Aspekt schon lästig. „Wir sind ja unter uns, was?“ Sie ging zu billigem Weinbrand über, den man auch schon mal an einem Kiosk kaufen konnte: „Schmeckt doch eh alles gleich.“ Sie trank schon vor dem Frühstück und ging noch vor sieben Uhr lauthals frivole Chansons aus ihrer Jugend singend mit dem Pudel über die Strandpromenade. Abends war sie früh im Bett, nachdem sie sich vor dem dröhnend lauten Fernseher in den Schlaf getrunken hatte. Hans kommentierte all diese Veränderungen nicht. Er trank ebenfalls immer mehr, wenn auch nicht soviel wie sie, sagte aber nichts und sah ins Leere.

Hilde wurde mit dem Wechsel der Getränke zusehends ordinär, in einem ganz erschreckenden Ausmaß sogar. Nichts blieb von der höflichen Dame, die ich kennengelernt hatte, als sie einzog. Es war nicht nur so, daß ihre Sprache verfiel und sie eine geradezu kindliche Freude an der Verwendung unflätiger Ausdrücke fand, es kam auch vor, daß sie etwa fremden Menschen, gleich welchen Geschlechts, im Vollrausch und in bester Stimmung zwischen die Beine griff, schrill lachend und mit der anderen Hand ein volles Glas schwenkend: „Das pralle Leben“, lallte sie mir zu, „da sitzt das pralle Leben, mein Jung, und nirgendwo sonst!“ Die entsetzten Reaktionen der Opfer dieser Übergriffe genoß sie sichtlich. Auch über ihren still dabeisitzenden Hans fiel sie gelegentlich so her, der es aber stoisch aushielt und nicht ansatzweise darauf reagierte. Er schob sie nur ruhig weg, holte sich ein weiteres Bier aus der Küche und fragte mich dann, ob ich schon einmal den Sonnenaufgang in einem winterlichen Fjord erlebt hätte. Es wurde sehr schwer, Zeit mit den beiden zu verbringen, da die Abende allzu berechenbar in der immergleichen Weise verliefen. Jeder Besuch war für die beiden ein Grund zu trinken und der Alkohol beendete den Abend schnell. Bis sie ins Bett mußten, was nie lange dauerte, wiederholten sie in endlosen Gesprächsritualen die immer gleichen Themen, Anekdoten und Witze, und auch die Lieder, die Hilde unweigerlich irgendwann sang, waren immer dieselben. Es war schwer auszuhalten.

Sie rauchten beide sehr viel. Aus schlechtem Gewissen ihren Ärzten gegenüber rauchten sie die vermeintlich gesünderen Mentholzigaretten, was ihrer Schmuckschatulle von Wohnung einen sehr merkwürdigen, unangenehmen Geruch verlieh, nach kaltem Rauch und Kaugummi. Hans bekam bald ernste Schwierigkeiten mit der Gesundheit, insbesondere mit der Durchblutung der Beine. Das Gehen fiel ihm immer schwerer, die Spaziergänge zogen sich zusehends hin, er machte auf jeder Bank eine kleine Pause. Bei den Runden mit dem Hund war er irgendwann sogar dem alten Pudel zu langsam, so daß dieser, in aller Vornehmheit, gelegentlich ein leichtes Ziehen an der Leine andeutete.

Die Arztbesuche häuften sich, Hans wurde erst an den Venen operiert, dann am Herzen. Er ließ sich aber auch durch längere Krankenhausaufenthalte überhaupt nicht beeindrucken, klagte nie und rauchte und trank ungeachtet aller ärztlichen Warnungen einfach weiter. Wenn man ihn darauf ansprach, sagte er nur etwas wie „Das wird schon“ oder „Es kommt wie es kommt“ und zündete sich die nächste Zigarette an. Es wirkte nicht aufsässig, wenn er so sprach, nicht trotzig gegen die Herausforderungen der Krankheiten, es war einfach nur sein leiser, aber sehr bestimmter Beschluß, nichts mehr zu ändern. Nur eine einzige Sache wollte er noch richtigstellen und dafür strengte er sich noch einmal an. Er wollte auf keinen Fall ungetauft sterben. Er war als Kind nicht getauft worden und dieser Zustand war ihm bisher schon immer ein klein wenig unheimlich gewesen, er wurde einfach ein leises, lebenslanges Mangelgefühl nicht los. Jetzt aber wurde es seiner Meinung nach höchste Zeit, die kirchliche Segnung endlich nachzuholen. Er arrangierte mit dem Travemünder Pastor eine Haustaufe und war erst zufrieden, als er ganz unspektakulär am Wohnzimmertisch getauft wurde. Weder vorher noch nachher besuchte er auch nur einen Gottesdienst, er hatte mit der Kirche nichts im Sinn, aber dieser gewisse Makel, der mußte doch noch beseitigt werden.

Seine stattliche Figur fiel in der nächsten Zeit zusehends zusammen, er wurde sichtlich schmaler und sein Gang unsicher. Er ging kaum noch aus der Wohnung, saß auf seinem immergleichen Platz auf dem Ledersofa, las Bücher über den U-Boot-Krieg, sah am Fernseher vorbei, rauchte und trank. Er starb innerhalb von anderthalb Jahren nach den ersten Beschwerden und einer ganzen Reihe von zunehmend sinnloser werdenden Operationen.

Hilde dagegen schien der ungesunde Lebenswandel zunächst überhaupt nichts auszumachen. Sie nahm zwar deutlich zu und wurde dadurch etwas kurzatmig, verfügte ansonsten aber über einen phänomenal robusten Köper, der durch Alkohol und Zigaretten scheinbar nicht zu beeindrucken war. Sie zog, als Hans nicht mehr gehen konnte, unbeirrt draußen alleine umher. Über seinen Tod verlor sie nie ein Wort, in der Wohnung änderte sie nichts. Alle Sachen von Hans blieben, wo sie waren, sogar die Bücher über den U-Bootkrieg lagen weiter auf dem Tisch. Sie ließ aber sofort und endgültig alle Rücksichten auf die gesellschaftliche Etikette fallen und trank seitdem hemmungslos und mehr als je zuvor. Zur allgemeinen Verwunderung der anderen Stammgäste im Imbiß schaffte sie es dennoch, zwei weitere lange Jahre am Leben zu bleiben, bevor sie durch einen Schlaganfall ohne langes Fackeln aus dem Leben schied und neben ihrem Hans beerdigt wurde.

Der Pudel lebte danach noch bei dem Sohn von Hilde und Hans in Hamburg weiter und erreichte, wahrscheinlich weil er in den Travemünder Jahren soviel spazierenging, ein geradezu unglaubliches Alter für einen Hund. Er starb erst Jahre nach seinen beiden Besitzern, in aller Würde. Er wachte eines Morgens einfach nicht mehr auf.

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