Als ich vierzehn Jahre alt war, habe ich den ersten Job meines Lebens angenommen, als Ladengehilfe bei Monsieur René. „Feinkost René“ war der Name eines Geschäftes in Travemünde, ein kleiner Laden, fast winzig, aber doch mit einem sehr breiten und nicht eben günstigen Angebot an Obst, Gemüse, Wurst und Käse. Der Inhaber, Herr René, an dem außer dem Namen nichts Französisches war, ließ sich von den Angestellten gerne Monsieur nennen, weil er meinte, es wäre förderlich für das Ansehen des Ladens und insbesondere seiner Person, wenn diese Anrede gelegentlich fallen würde: „Französisch zieht immer, bei den Damen“, sagte er.

Er war etwa Mitte sechzig, als ich anfing, bei ihm zu arbeiten. Er hatte fast keine Haare mehr auf dem Kopf, nur einen sehr schmalen, schütteren Kranz weißer Strähnen, die er aber in erstaunlich bohèmienhafter Länge zu tragen pflegte. Er hatte stets ein weißes Oberhemd an, dazu eine verwegen nachlässig gebundene Krawatte von beachtlicher Farbigkeit. Eine große, dunkelgrüne Schürze verdeckte den unteren Teil seines Anzugs komplett. Er hielt sich im Eingangsbereich des Ladens auf, wo das Obst ausgelegt war und im Sonnenlicht appetitlich leuchtete und wo ein paar Meter weiter eine alte Registrierkasse stand, vor der ein sehr heruntergekommener, äußerst wackeliger Bürodrehstuhl als sein Lieblingsplatz diente. Während er auf Kundschaft wartete, saß er summend auf diesem fragilen Stuhl und tippte im Rhythmus seiner Melodien sinnlose Zahlen in die Kasse, als würde er ein Kinderschlagzeug bearbeiten. Gelegentlich, wenn seine Lieder besonders schwungvolle Stellen erreichten, drehte er sich mitsamt dem Stuhl um die eigene Achse, und nur durch seine jahrzehntelange Übung war es zu erklären, daß er dabei nicht mitsamt dem hinfälligen Möbel zu Boden ging.

Der Laden wurde fast nur von Touristen frequentiert, denn die Einheimischen zogen es entschieden vor, zu zivilen Preisen in den Supermärkten des Ortes zu kaufen. Wenn eine der älteren, in Travemünde kurenden Damen den Laden betrat, wurde aus dem unentwegten Summen des Inhabers sofort Gesang und er schmetterte in einer brüchigen, hohen und doch tonsicheren Stimme Schlager aus längst vergangener Zeit. So eilte er der vor dem Obst wartenden Kundschaft entgegen, als wäre sie eine lange vermißte Liebschaft und sang „Ich küsse ihre Hand, Madame“ mit beachtlicher Inbrunst. „Ach, Herr René“ säuselten die Damen beschämt, wenn sie ihn schon kannten. Wenn sie neu in dem Laden waren, standen sie im ersten Schreck mit offenem Mund staunend vor ihm. Er pries wortreich sein Obst an, zeigte einzelne Äpfel, bot Weintrauben zum Probieren an, zerschnitt Orangen und hielt Erdbeerkörbchen hoch, dabei immer mal wieder ein neues Lied anstimmend. So verkaufte er den Damen, was er wollte und was rausmußte, nicht aber, was auf deren Einkaufszettel stand. Er schäkerte beim Abwiegen heftiger als ohnehin schon, um so zu kaschieren, daß sein Daumen der Waage einen ordentlichen Zusatzausschlag einbrachte. Nach dem Wiegen tänzelte er zu der Kasse hinüber, setzte sich und tippte in atemberaubender Geschwindigkeit Zahlen hinein. Es gab nie eine Bonrolle an dieser Kasse, er nannte einen stets undokumentierten Betrag, den er aber so betonte, als würde es sich um einen Sensationspreis oder doch zumindest um eine besonders schöne Zahl handeln, soviel Begeisterung lag in seiner Stimme. Ich habe in zwei Jahren nicht erlebt, daß sich eine Kundin über die Phantasiepreise, die mit den Auszeichnungen auf den Artikeln recht wenig zu tun hatten, beschwert hätte. Monsieur René strahlte und sang etwaige Bedenken einfach hinweg. Die Kundin, die zu lange über ihr Wechselgeld nachzudenken schien, hörte ihn singen: „Liebling, was wird nun aus uns beiden? Soll ich glücklich oder traurig sein?“ und er sah sie so treuherzig dabei an, daß ein Nachrechnen dann doch nicht mehr ganz so wichtig schien. Er öffnete der Dame die Tür, verbeugte sich tief, pfiff ihr ein kräftiges „Muß i denn“ hinterher und setzte sich wieder an seinen Kassenplatz.

Die Damen kamen wieder. Für die Zeit ihres Aufenthaltes stieg ihr Bedarf an Äpfeln und Erdbeeren sogar sprunghaft an, was daran lag, daß Monsieur René ihnen schon am zweiten Besuchstag ein vergnügtes „Wie immer?“ entgegenrief und ohne weiteres Abwarten das gleiche umfangreiche Obstsortiment wie am Vortag zusammenstellte. Der Protest hielt sich in Grenzen, zumal der Chef mit großer Geste einen schimmernden Pfirsich ausdrücklich als Geschenk des Hauses obenauf in den Einkaufskorb legte, mit einem theatralischen Blick, als hätte er soeben fünfzig rote Rosen auf Knien überreicht.

Ich habe als Ladengehilfe die Regale aufgefüllt, Kartons gestapelt und Äpfel blankgerieben, während Monsieur neben mir die Damen bediente, verwirrte und betörte und ich habe viel gelacht, über diese leichtgläubigen Kundinnen, die man allzu leicht betrügen konnte.

Ich habe erst viel später verstanden, daß Monsieur sein Geld wert war.

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