Der König ist tot

Als in der Strandresidenz schon längst alle Apartments verkauft waren, stand eine der Wohnungen noch eine ganze Weile leer. Sie hatte einen beträchtlichen Nachteil, denn sie lag halb nördlich und so ungünstig zwischen den hervorstehenden Außenwänden der anderen Flügel des Gebäudes, daß der große Balkon fast gar keine Sonne abbekam und dadurch einigermaßen sinnlos wurde. Bei einer Wochenendewohnung am Meer konnte man aber natürlich etwas Sonnenschein erwarten, wenn man schon keinen Seeblick hatte – und wer konnte sich den schon leisten. Es war gar nicht zwingend, abends auf das Meer zu gucken, zumal die Ostseeküste ja ohnehin mit dem Problem behaftet ist, daß die Sonne über dem Meer nur auf- und nicht untergeht. Den Nachmittagskaffee aber wollte man sich doch bitte mit etwas Sonnenschein auf der Erdbeertorte vorstellen. Die Wohnung war durch diesen Mangel an Licht deutlich billiger als die anderen im Haus und auch noch ein Jahr nach der Fertigstellung blieb sie unverkauft, es hing ein peinlich grelles Hinweisschild eines Maklers im Wohnzimmerfenster, zur Straße hin. Über den Balkonen der Residenz waren ausfahrbare Markisen in einem einheitlichen Orangefarbton angebracht, die alle schon im ersten Sommer nach dem Bauende in ein sanftes Gelb ausblichen, nur die Markise der Nordwohnung blieb leuchtend orange und erinnerte diejenigen, die das Haus lange genug kannten, auch Jahre später noch an dieses grellfarbene Maklerschild. Im zweiten Sommer, nachdem die ersten Bewohner der Residenz eingezogen waren, wurde die Wohnung von dem König gekauft.

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