Wenn man Travemünde in nördlicher Richtung verläßt, endet bald der Bereich des kurtaxengepflegten Strandes. Die Uferpromenade hört abrupt auf, es gibt keine Strandkörbe und auch keine Imbisse mehr, wer sich hier auf dem nur noch schmalen Strand sonnt, kommt mit Gepäck: Kühltaschen mit Getränken, Körbe voller Brötchen und Obst, Decken, um darauf zu liegen. Der Sandstrand wirkt dort immer etwas unordentlich, angespülter Tang wird hier von niemandem weggeräumt, Hunde sind erlaubt und laufen überall frei herum. Es gibt eine FKK-Zone und abends Menschen, die Musik machen und grillen. In Sommernächten schlafen manche in kleinen Zelten kurz vor der Brandung, es ist nicht erlaubt, aber wer würde da nachts nachsehen gehen? Man ist nicht mehr recht in Travemünde und noch nicht ganz in Niendorf, man ist irgendwo dazwischen und so sieht es auch aus.

Hinter dem schmaler werdenden Sandstrand erhebt sich die Steilküste, das Brodtener Ufer. Eine abrupt aufragende Wand aus Lehm in rötlicher Farbe, manchmal ocker, manchmal eher gelb. Viele Meter ist die Wand hoch. Wenn man von unten hinauf sieht, zu der unregelmäßigen Kante, sieht man oben halb heruntergestürzte Bäume und Büsche, denn die Kante wandert jedes Jahr ein Stück in das Landesinnere. Sie sägt an den Wäldchen dort oben, an den Feldern und Hecken. Der Wanderweg, der oben an dem Ufer entlangführt, wird alle paar Jahre etwas nach hinten, auf sicheren Grund verlegt. Die Bäume, die dem Untergang geweiht über den Abgrund ragen, sehen aus, als würden sie sich mit den Wurzeln mit aller Kraft festhalten an ihrem langjährigen Platz, aber man sieht doch, daß sie es nicht mehr lange schaffen werden. Die herabstürzenden Bäume könnten jemanden erschlagen, wenn sie endlich fallen, seltsam, daß ich nie von so einem Unglück gehört habe. Vielleicht fallen sie aus Rücksicht nur nachts und auch nur, wenn keiner unter ihnen zeltet. An einigen Stellen sieht man die Reste von Mauern auf dem Strand liegen, denn auch Häuser fallen dort hinunter, wenn die Kante unter ihnen entlang wandert. Sie sind dann natürlich schon lange verlassen und mit rotweißem Band abgesperrt, dennoch sieht es immer sehr dramatisch aus, wenn so ein Haus anfängt, Stück für Stück den Abhang hinunterzubrechen. Oberhalb der Lehmwand wächst Gras, man kann die Büschel am Rand von unten sehen. Direkt unterhalb der Kante sieht der Lehm aus, als hätte man ihn mit Geschossen durchsiebt, ein Loch neben dem anderen, dicht an dicht, die ganze Wand ist dort wie zerstochen von den zahllosen Höhlen der Uferschwalben.

Wenn es regnet, weicht der Lehm langsam auf und da, wo es in der steilen Wand Vorsprünge gibt, entstehen Lehmbecken. Man kann sich dort hineinlegen und ganz mit dem Lehm bedecken, dann sieht man hinterher aus wie ein Außerirdischer oder wie jemand, der steinzeitliche Rituale nachspielt. Oder natürlich einfach wie ein entlaufener Kurgast mit Fangopackung. Es fühlt sich seltsam an, wenn der Lehm auf der Haut trocknet, rissig wird und bei Bewegungen schließlich krümelig abplatzt, es fängt an, unmenschlich zu jucken, man kann es irgendwann nicht mehr aushalten und rennt in die Ostsee, um alles abzuspülen. Danach fühlt sich der Körper an, als hätte man eine frische Haut übergezogen.

Das Ufer ist nicht überall gleich steil, an manchen Stellen neigt sich die Wand eher sanft ins Land hinein und da, wo sie schon länger nicht abgebrochen ist, wachsen sogar junge Bäume und Sträucher in ihr und halten sie fest. Man kann sich dann selbst auch an diesen Büschen festhalten und, wenn man etwas Übung hat, die Wand hochklettern, von Busch zu Busch. Der Boden dazwischen gibt leicht nach, man muß sich ganz leicht machen und darf mit den Füßen immer nur ganz kurz eine Stelle berühren, wie ein Tier, daß über den Hang flieht muß man sein. Wenn man ein Kind aus Travemünde ist, dann kann man das natürlich, wir rennen das Steilufer hoch und an ihm entlang wie eine Herde Gemsen. Touristenkinder, die es uns nachmachen wollen, rollen zwischen den Büschen hinunter, wir lachen von oben über sie.

An manchen Stellen bilden sich auch Treppen in der Uferwand, Stufen für Riesen. Zwei, drei Schritte über diese Treppe nur und so ein Riese wäre ganz oben. Für uns Kinder sind die Stufen unüberwindlich, sie sind höher als Erwachsenenschultern, nach oben können wir nicht, so hoch reicht keiner unserer Sprünge, aber die andere Richtung, die geht. Man kann die Stufen hinabspringen, wenn man weiß, wo es richtig ist und wenn man sich traut, denn hoch ist es schon. Natürlich trauen wir uns, es wäre auch sehr merkwürdig, so etwas nicht zu versuchen, wir sind die Einheimischen, wir können das. Wir springen die Stufen hinunter, wir rollen uns ab, es ist zu hoch und es tut weh, aber es geht, natürlich geht es.

Es gibt sogar eine Stelle, da kann man von ganz oben springen. Es sieht sehr gefährlich aus und man darf nicht zu weit springen, sonst würde man wirklich übel tief fallen, aber wenn man sich dicht an der Wand fallen läßt, dann landet man auf der ersten von vier mannshohen Stufen und schafft es gerade noch, sich ein wenig abzurollen. Meine Freundin Sarah und ich, wir stehen oben an der Kante und sehen auf die erste Stufe hinunter, keiner will zuerst springen, wir haben das aus dieser Höhe noch nie gemacht, aber heute, heute machen wir das auf jeden Fall. Wir nehmen uns an den Händen und stellen uns gemeinsam ganz dicht an die Kante. Ihre Hand ist kleiner als meine und ich fühle mich wie ein Mann, weil ich schon so eine große Hand habe und sie eine so kleine, die sich in meine krallt, sie hat Angst. Ich habe auch Angst, aber ich bin in Sarah verliebt und ich habe große Hände, ich bin ein Held und wir springen da jetzt hinunter.

Es ist dann auch ganz leicht, es tut nur in den Knien weh, aber es geht. Ich halte ihre Hand im Flug fest, sie schreit, sie lacht, als wir unten sind, wir liegen Arm in Arm und sehen hinauf. Hoch, ganz schön hoch, was wir da geflogen sind, viel höher als es die anderen sonst machen, das müssen wir sofort noch mal machen. Wir klettern den Rest der Stufen langsam hinunter, fallen möchte man da wirklich nicht und laufen dann unten am Strand entlang. Die nächste Stelle, an der man wieder hinaufklettern kann, ist ganz schön weit weg. Wir laufen und lachen und können es nicht erwarten, noch einmal über die Kante zu springen, wir laufen die Wand zwischen den Büschen hoch und sind bald zurück an der Absprungstelle.

Wir stehen und sehen wieder hinab, es sieht immer noch furchtbar tief aus, aber jetzt wissen wir es besser, der Anblick täuscht, man kann da hinunterspringen, wir haben es schon getan, wir wissen Bescheid. Ich nehme ihre Hand, aber nicht, weil es sein müßte, nur weil es so schön ist, ihre Hand zu halten. Eben hatte ich sie auch, da werde ich sie ja wieder nehmen dürfen, denke ich und Sarah sagt nichts, ich kann ihre Hand ruhig haben, die kleine Hand, die jetzt nicht zittert, sondern meine etwas drückt. Hinten am Weg kommen zwei Wanderer aus dem nächsten Wäldchen, sie kommen auf uns zu, wir sehen es über die Schulter.

Was die Wanderer sehen ist das: Zwei Kinder, ein Mädchen und ein Junge, stehen oben an der Steilküste, sie halten Händchen. Wie eine gekürzte Ausgabe von Romeo und Julia sehen sie aus, sie sehen sich an, sie sehen hinunter, wo es wohl zehn, wenn nicht zwanzig Meter abwärts geht. Sie stehen gefährlich dicht an der Kante, nur ein Kinderschritt und sie werden fallen, sehr tief werden sie fallen und jetzt machen sie diesen Schritt, das Mädchen schreit und sie sind weg.

Sarah und ich, wir saßen auf der Lehmstufe und lachten, wir hatten auch den zweiten Sprung geschafft und mir taten die Knie zwar jetzt schon sehr weh, aber es ging immer noch. Wir saßen nebeneinander und sahen auf die Ostsee hinunter, als wir über uns Schreie hörten. Zwei Köpfe tauchten da auf, Erwachsenenköpfe, eine Frau und ein Mann und die Frau schrie und kreischte und beide waren sehr außer Atem. Als sie uns da sitzen sahen, sagte die Frau erst „Gott sei Dank“ und dann wurde sie ganz rot und sehr wütend und sie schrie uns an, wie wir es denn wagen könnten, jemanden so zu erschrecken, ihre Stimme überschlug sich dabei und der Mann drohte uns mit der Faust und guckte, ob er irgendwo zu uns herabklettern konnte. Die Frau schrie und schrie und dann wurde sie plötzlich ganz still und fing einfach an zu weinen, sagte nichts mehr und der Mann, der sich beim Klettern sicher nicht dreckig machen wollte, nahm schließlich ihren Arm und zog sie weiter.

Sarah hatte wieder meine Hand genommen, als die beiden Köpfe da oben auftauchten und sie hielt sie sehr fest, während wir die Erwachsenen schreien und schimpfen hörten. Als die Frau anfing zu weinen, hatte Sarah auch Tränen in den Augen und wir saßen noch still da, als die beiden schon längst wieder weg waren. Um uns herum flogen die Uferschwalben, ihre Jungen guckten hungrig aus den Höhlen. „Das machen wir nicht wieder“, sagte Sarah und ich stimmte ihr zu, denn fremde Leute zu erschrecken war zwar prinzipiell sehr in Ordnung, aber doch wohl nicht mehr in diesem Ausmaß. Sie weinte immer noch ein wenig, nur ganz leicht und leise, nur ein, zwei kleine Tränchen. Wir gingen daher, nachdem wir die anderen Stufen hinabgeklettert waren, auf dem Heimweg am Strand zum ersten Mal so nebeneinander, wie es richtige Paare tun, denn die zwei Tränen in Sarahs Augenwinkeln waren natürlich Grund genug für mich, immer weiter ritterlich ihre Hand zu halten.

Ich hatte gerade vollkommen verstanden, daß man gelegentlich große Sprünge machen muß, wenn es in Liebesgeschichten vorwärts gehen soll.

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