Die Herzdame hat vor etwa einem Jahr eine Orchidee geschenkt bekommen, samt Topf und ellenlanger Pflegeanleitung. Aber nur drei Tage, nachdem die kostbare Pflanze einen Platz auf unserer Fensterbank eingenommen hatte, schien sie das Zeitliche zu segnen, sie warf alle Blütenansätze ruckartig ab, verfärbte sich in überaus unerfreulich Brauntöne und schien sich zusehends in sich zusammenzuziehen, das Leben wich aus den Blättern. Die Herzdame war verständlicherweise empört über ein so frühes Ableben, denn die Pflanze konnte ja noch gar nicht wirklich wissen, wie wir sie behandeln würden. Wenn es hier also um einen floralen Suizid ging, war er entschieden zu früh. Die Herzdame beschloß, den offensichtlichen Tod der Orchidee zu ignorieren und sie stoisch weiter gemäß der Pflegeanweisung zu behandeln, komme was wolle. Ein ganzes Jahr rückte sie den Topf in das rechte Licht, goß, düngte, zupfte welke Blätter und sprach gut zu. Mein allmonatlicher Vorschlag, das Gestrüpp final in den Hausmüll zu entsorgen, wurden jedesmal entrüstet zurückgewiesen.

Heute rief sie mich in die Küche, in heller Begeisterung auf die Orchidee zeigend, die über Nacht tatsächlich eine ganz erstaunlich prächtige Blüte ausgetrieben hatte, in phantastischem Lila und wunderschöner Form. “Ich habe es richtig gemacht”, sagte die Herzdame aufgeregt, “nicht aufgegeben, alles richtig gemacht. Ha! Ich habe aus diesem blöden Stück Dreck wieder eine tolle Blume gemacht, durch Hege und Pflege! Meine Hege und Pflege! Wenn man nur lange genug dran bleibt, dann wird eben doch noch was draus!”

Sie sah sehr stolz aus, man wird es sicher nachvollziehen können.

Dann sah sie mich lange an und sagte nachdenklich: “Dich hege und pflege ich auch schon ein paar Jahre…”

%d Bloggern gefällt das: