Lichterküsse

Sarahs Vater war in beruflichen Dingen ein unsteter Mensch und ein serieller Versager. Ich habe ihn im Laufe meiner Travemünder Jahre wohl in mindestens fünf verschiedenen Gewerben scheitern sehen. Er schien das nicht weiter tragisch zu nehmen, zumal er immer in den jeweils letzten Monaten seines aktuellen Berufes bereits vollkommen beseelt war von den Glücksverheißungen der gerade neuen Idee, mit der endlich alles ganz gewiß und endgültig besser werden würde. Er war lange im Außendienst eines Küchengeräteherstellers beschäftigt gewesen, wobei er ungemein erfolgreich war. Als er aber etwa vierzig Jahre alt war, beschloß er, seinen Erfolg nicht länger mit einem Konzern zu teilen, sondern seine offensichtlich phänomenalen Talente allein für sich selbst einzusetzen und endlich zu dem beruflichen Überflieger zu werden, der er schon seit Jahren hätte sein sollen. Eine grandiose Fehleinschätzung, die er jedoch niemals mehr korrigierte. Seinen ersten eigenen Laden, in dem er Mode aus Thailand verkaufen wollte, mußte er wegen völliger Erfolglosigkeit bereits nach einem halben Jahr wieder schließen. Der Grund dafür war aber nicht in ihm, sondern allein in der ignoranten Travemünder Kundschaft zu suchen, die auf diese Art auch seine späteren Niederlagen immer wieder mitverschuldete.

Als ich mit zwölf Jahren nach Travemünde zog und Sarah kennenlernte, hatte ihr Vater gerade einen Importhandel mit Discoleuchten gegründet. Er kaufte diese Leuchten, Stroboskope, Scheinwerfer und Lichtanlagen in Schweden und versuchte mit mäßigem Erfolg, sie in deutschen Discotheken abzusetzen. Für ihn war es ganz naheliegend, die Anfang der Achtziger Jahre noch gültige Assoziationskette Schweden-Abba-Disco auszunutzen, denn es war doch klar, daß aus diesem Land nicht nur die Popgruppe schlechthin, sondern auch die entsprechend großartigste Beleuchtung kommen mußte. Sein ganzes Haus stand voll mit riesigen Kartons aus Schweden, sein Auto war bis unter das Dach mit dieser Technik beladen und er fuhr alle Discotheken, Clubs und Tanzsäle im norddeutschen Raum ab, um die Ware zu verkaufen. Die ausbleibende Begeisterung der gewerblichen Kundschaft störte ihn zunächst nicht, er nahm es eher sportlich und verlegte sich auf eine andere Zielgruppe, nämlich auf den gewöhnlichen Hausbesitzer mit Partykeller. So ein Partykeller verdiente ja doch den Namen erst dann, wenn man auch ein paar Lichteffekte einsetzen konnte, um richtig in Stimmung zu kommen. Was war eine langsame Ballade ohne kreisende Lichter? Welchen Sinn hatte Engtanz ohne schummeriges Rotlicht? Er sah in jedem Haus in seiner Nachbarschaft, im ganzen Ort und weit darüber hinaus eine mögliche Verkaufschance und er baute darauf, das es nach einer vielleicht etwas schwierigen Anfangsphase einen gewaltigen Schneeballeffekt geben müsse. Sicher würden dann alle das haben wollen, was die von nebenan gerade im Keller eingebaut hatten. Die Zeit der braven Hängelampen war in Travemünde bald vorbei, soviel stand für ihn fest.

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