Leo war Steward auf der Prinzessan Birgitta, dem schönsten Fährschiff, das Travemünde anlief. Die Prinzessan Birgitta war viel kleiner und schnittiger als die unförmigen Riesenfähren der anderen Linien, die nur gebaut waren, um eine Unmenge an Lastern, Containern oder Bahnwaggons aufzunehmen und die daher schwimmenden Bauklötzen glichen. Sie als einzige sah aus wie ein Kreuzfahrtschiff für entspannte Passagiere, schmal, weiß und elegant. Es war jedesmal eine Freude, sie einlaufen zu sehen, bei Sonnenschein bot sie ein Postkartenmotiv erster Klasse. Sie verkehrte regelmäßig im Dreitagetakt zwischen Travemünde und Göteborg. Meine Mutter und ich sind sehr oft mitgefahren, denn wir konnten als Leos Gäste umsonst an Bord, wenn Personalkabinen frei waren. Er arbeitete in verschiedenen Bereichen auf dem Schiff, stand mal als Barkeeper abends am Tresen, placierte dann die Gäste beim Mittagessen, wechselte auch abends hin und wieder Geld im Casino, gab dort Spielkarten aus oder war irgendwo, tief unter Deck, mit anderen, mir gänzlich unbekannt gebliebenen Büroaufgaben beschäftigt. Er trug stets eine weiße Uniform, hatte eine tadellose Haltung und einen so gelungen angegrauten Kopf, daß er mit etwas mehr Gold am Ärmel jederzeit auch als Kapitän der Prinzessan Birgitta durchgegangen wäre. Wenn er einem in den verwirrend vielfältigen Gängen unter Deck entgegenkam, strahlte er ebenso unverkennbar wie irreführend die selbstsichere Würde eines Offiziers aus. Nur sein Blick wollte nicht recht zu dieser Erscheinung passen. Er hatte beständig einen leicht gelangweilten Schlafzimmerblick, etwas geradezu Lyrisches, Weiches schien in seinen Augen zu sein und wenn er abends hinter der Theke durch seine Lesebrille über die Gläser und Flaschen hinwegsah, hatte man leicht den Eindruck, er wäre nicht recht bei der Sache, sondern in Gedanken ganz woanders, wo es womöglich, nach seinem leicht verträumten Lächeln zu urteilen, noch wesentlich schöner war, als in der kleinen Bar einer Ostseefähre.

Er war Kunstmaler aus Wien – “also eigentlich”, wie er sagte. Er hatte stets eine große Mappe mit etlichen seiner Zeichnungen und Aquarelle in der Kabine und er zeigte die Bilder auch gerne herum. Neben den Bildern lagen auch sehr abgegriffene, schon mehrere Jahre alte Einladungskarten zu seiner letzten Vernissage in einer kleinen Galerie in Göteborg, nach seinen Erzählungen zu urteilen eine spektakulär erfolgreiche Veranstaltung. Gefragt, warum es nach dieser Vernissage nicht weiterging mit seiner Kunst, murmelte er unklar etwas von “man hat so Phasen” und “alte Geschichten”. Er war aber nicht nur ein Freund der bildenden Kunst, sondern auch Dichter und Sänger. Gelegentlich nahm er seine Gitarre und gab spätabends in der Bar improvisierte Konzerte für den harten Kern der deutschen Gäste, er sang mit angenehmer Stimme traurig klingende Lieder, mit abgrundtiefen, schwarzhumorigen Texten. Er war der Charme in Person, mit der Grandezza eines alternden Opernstars und einer sehr fleißig erworbenen Kenntnis der Werke Wiener Literaten, die er unentwegt zitierte. Er konnte Gedichte, Aphorismen und Geschichten en masse auswendig und er war daher nie darum verlegen, auch nebenher fallengelassene Bemerkungen etwa eines weiblichen Gastes an der Cocktailbar mit einer ganz außergewöhnlichen Bravour zu beantworten.

Er hatte beträchtlichen Erfolg bei den Damen, die natürlich bei gesunder Intuition schnell erkannten, daß in diesem graumelierten Steward auf wohl ganz verblüffende Weise mehr steckte, als nur ein einfacher Hilfsbarkeeper auf einem kleinen Fährschiff. Da war jemand mit Sinn für Kunst, für Eleganz, ein gebildeter, geistreicher Mann, der Gott weiß welche Vergangenheit in Wien hinter sich gelassen hatte um, konnte man es denn fassen, tatsächlich zur See zu fahren. Und nicht etwa als Kapitän oder Steuermann, nein, als bescheidener Steward, obwohl ihm sicher irgendwann im Leben alles offen gestanden haben mußte. Bei seinem Potential! Es mußte sich doch unbedingt lohnen, diesen überaus interessanten Mann näher kennenzulernen. Sehr viel näher. Oder doch zumindest so nahe, wie man auf einer Ostseeüberfahrt mit nur einer Übernachtung eben kommen konnte. Mit nur einer Übernachtung? Mit immerhin einer Übernachtung, wie einige der Damen sicherlich bei sich gedacht haben. Es war, wie man sich vorstellen kann, nicht allzu schwer, Leo, den brillanten, vielfach begabten Künstler und eleganten Privatphilosophen mit diesem unglaublichen Wiener Charme in der Stimme, zu verführen.

Das war an Bord natürlich kein Geheimnis. Oft genug hatte man ihn, wie die Mannschaft gerne lachend erzählte, morgens aus einer der Passagierkabinen kommen sehen, mit derangierter Uniform, einen letzten Kuß nach innen werfend und ein gemurmeltes, aber sicher gleichwohl vollkommen ernst gemeintes “habe die Ehre” auf den Lippen. Er stand bei der männlichen Besatzung des Schiffes wegen dieser zahllosen Erfolge enorm hoch im Ansehen und war sozusagen von einem beständigen allgemeinen Augenzwinkern der Kollegen umgeben. Er wurde selbstverständlich allgemein beneidet, man war ihm aber gleichwohl eher freundlich gesonnen. Er war einfach zu nett und es fiel schwer, ihm dauerhaft seine Art zu verübeln.

Ich war etwa vierzehn Jahre alt, als ich ihn kennenlernte weil meine Mutter mit ihm eine Affäre hatte und er schien mir, gerade wegen seines phänomenalen Erfolges beim anderen Geschlecht, als männliches Rollenmodell nicht gänzlich ungeeignet. Es gab einen erheblichen Optimierungsbedarf in meinem eigenen Liebesleben und ich nahm seine Art und seine Eigenschaften daher mit sehr großem Interesse lernwillig zur Kenntnis. Seine frühere Lebensgeschichte blieb mir trotz meiner neugieriger Nachfragen leider verborgen, denn über seine Vergangenheit sprach er nicht. Man wußte nur bruchstückhaft, daß er vor Jahren wegen einer Liebesgeschichte (“eh klar”) nach Schweden gezogen war und, nachdem diese Affäre kein gutes Ende nahm, auf der Rückreise nach Wien wohl recht spontan auf der Fähre angeheuert hatte. Seitdem fuhr er zwischen Deutschland und Schweden hin und her und ging anscheinend ganz in seiner Rolle als Bordcharmeur auf. Über etwaige weitere Zukunftspläne an Land war ebenfalls nichts von ihm zu erfahren.

Auch seine Bilder interessierten mich sehr, da ich als Vierzehnjähriger noch mit großer Selbstverständlichkeit davon ausging, selbst in absehbarer Zeit ein bedeutender Künstler zu werden. Ich sah mir seine Mappe mit den Zeichnungen oftmals sehr morbider Motive wieder und wieder in gewissermaßen kollegialem Interesse an. Ein paar der besten Blätter waren, das wußte ich, gar nicht nach seinen eigenen Ideen entstanden, sondern bei wesentlich größeren Genies schlichtweg abgezeichnet. Wenn man sich in Kunstgeschichte auch nur ein ganz wenig auskannte, war das einfach unübersehbar. Ich sprach ihn einmal darauf an, aber er gab die Fälschungen keineswegs zu, verwies nur vollkommen unbeeindruckt darauf, daß schließlich mehrere Menschen unabhängig voneinander ganz ähnliche Ideen haben könnten: “Das kommt vor, junger Freund, das kommt vor.”

Auch seine Lieder waren allerdings, wie ich kurz darauf merkte, gar nicht von ihm, sondern von dem österreichischen Liedermacher Ludwig Hirsch, der in Norddeutschland nicht allzu bekannt war. Die handgeschriebenen Texte dieser Lieder, die stets demonstrativ auf seinem Nachttisch lagen, waren ihm keineswegs am letzten Abend vor dem Einschlafen eingefallen, wie er so gerne behauptete. In dem für mich schönsten Lied (“Die sieben Raben, des warn nur sechs, die Märchenfee, des war a Hex…”) ging es gar nicht, wie von ihm mit der gebotenen Dramatik erzählt, um seine eigene Kindheit und seine eigene Großmutter, sondern um die eines ganz anderen Menschen. Er war, wie ich langsam erkannte, ein Maler ohne Bilder, ein Dichter ohne Lieder und er sprach in Zitaten großer Autoren, die er verläßlich als eigene Gedankenblitze ausgab. Allerdings war es ihm auch nach längerer Bekanntschaft nicht zu nehmen – und es war auch nicht zu überhören -, daß er tatsächlich aus Wien war. Und das war, wie meine Mutter einmal amüsiert zusammenfassend sagte, ja auch schon was – und sie mußte es schließlich wissen.

Die Wahrheit über Leo schien zu meiner Verwunderung tatsächlich niemanden zu interessieren, weder meine Mutter noch sonst jemanden Die Erwachsenen reagierten eher gelangweilt auf meine Erkenntnisse und waren zu meiner weiteren Überraschung auch gar nicht bereit, daraus einen Skandal zu machen, um Leo mit der gebotenen Dramatik zu stellen. Man wollte ihn offensichtlich nur zu gerne so nehmen, wie er nun einmal war, es gab nur ein enttäuschend allgemeines, nachlässiges und besänftigendes “na und?” um diese Geschichte herum.

War ich selbst damals empört über seine Falschheit, über das Vortäuschen von Ideen und Begabungen? Habe ich daran moralisch Anstoß genommen oder fand ich das alles nur spannend? Ich weiß es gar nicht mehr recht – aber ich weiß noch genau, daß ich nach der Liebelei zwischen Leo und meiner Mutter eine ganze Weile brauchte, um mir den recht mühsam antrainierten Wiener Akzent wieder abzugewöhnen.

Ich schien damit einfach nicht so erfolgreich zu sein wie er.

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