Unsere Nachbarin Hilde war mit über sechzig Jahren lange darüber hinaus, noch wirklich spannende Männergeschichten zu erleben, wie sie selber sagte. Um so lebhafter nahm sie dafür Anteil an den Affären meiner Mutter. Sie hatte von ihrem Balkon aus den Eingangsbereich der Strandresidenz jederzeit im Blick und wenn zu uns jemand zu Besuch kam, den sie noch nicht kannte, dauerte es nie lange, bis sie an unserer Tür klingelte, um mal vorbeizusehen. „Nur mal so“, wie sie beim Hereinkommen an der Tür murmelte, ohne abzuwarten, ob wir sie hereinbitten würden. Für meine Mutter und mich war Hilde längst zu einem Familienmitglied geworden, einem sehr merkwürdigen zwar, aber – sie war eben da. Andere hatten vielleicht einen wunderlichen Onkel, einen verschrobenen Großvater oder eine giftige Schwiegermutter, die man als Gast des Hauses früher oder später kennenlernte, wir hatten Hilde. Für Menschen, die uns zum ersten Mal besuchten, muß das sehr merkwürdig gewesen sein, diese offensichtlich stark angetrunkene, rundliche alte Dame in betont munterer Stimmung zu erleben, die mit kaum verhohlener Neugier versuchte, in möglichst kurzer Zeit alles über den neuen Gast zu erfahren. Er saß in einem Hagel von Fragen nach beruflicher Tätigkeit, nach privaten Verhältnissen, Lebensgeschichte und Vermögen und mußte auch zur Kenntnis nehmen, daß alle Antworten ohne das geringste Zögern scharfzüngig bewertet wurden, denn es gab gute und schlechte Berufe („Haben sie außer dem Unsinn noch etwas anderes studiert?) und gute und schlechte Verhältnisse („Schicker Wagen da draußen, ist das wirklich ihrer? Nicht vielleicht von Papa?“).

Hilde hatte im Laufe ihrer Alkoholkarriere längst vergessen, daß sich nicht alle Menschen so schnell betranken wie sie, weswegen es zu einem seltsamen Mißverhältnis zwischen ihr und der Umwelt kam. Sie unterstellte nämlich, wenn sie genug getrunken hatte, um ordentlich in Stimmung zu sein, daß es allen anderen auch so gehen müsse, was natürlich keineswegs immer und bei jedem der Fall war. Sie vergaß auch, daß sie zu früher Nachmittagsstunde in der Regel einen beträchtlichen Promillevorsprung vor den meisten anderen Menschen hatte, die eher sehr viel später oder auch gar nicht zu trinken anfingen. So kam es, daß sie bis dahin gänzlich fremden Menschen, die sie um fünf Uhr nachmittags bei uns kennengelernt hatte, schon um sechs in nur vermeintlich gemeinsamer Weinseligkeit das Brüderschaftstrinken aufzwang, nicht ohne dabei die notwendigen Küsse reichlich auszukosten. Danach pflegte sie, einen Arm um die Schulter des neuen Freundes gelegt, noch ein Stündchen zu bleiben und die gemeinsame Gemütlichkeit zu genießen, wobei wir aber darauf bauen konnten, daß sie sehr früh ins Bett gehen würde. Und richtig erhob sie sich schwankend gegen acht, um sich in die Nachbarwohnung zurückzuziehen, nicht ohne noch beim Hinausgehen mit einem letzten langen Blick auf den aktuellen Kandidaten und erhobenem Zeigefinger ihren abschließenden Befund meiner Mutter deutlich hörbar zuzuflüstern.

Diese Auftritte von Hilde müssen auf unsere Besucher sicher äußerst merkwürdig gewirkt haben, es erwies sich aber mit der Zeit, daß sie als Versuchsanordnung für die Charakterfestigkeit der Gäste gar nicht ungeeignet waren. Je souveräner der Umgang mit der alten Trinkerin, desto vielversprechender die neue Freundschaft, so in etwa ließ sich das Ergebnis der Abende durchaus treffend zusammenfassen. Männer, die befremdet, angewidert oder allzu reserviert reagierten, die sich hilflos nach Beistand flehend an uns wandten oder gar aggressiv wurden, hatten fraglos schlechte Karten, wer es aber dagegen schaffte, sich Hilde lachend zu erwehren, wer mit ihren äußerst derben Späßen umgehen konnte und auch das Brüderschaftstrinken mit Haltung überstand – mit dem war sicherlich auch sonst noch etwas anzufangen.

Einar war ein bereits weißhaariger Geschäftsmann aus Island, dem zwar geschäftlich einiges gelungen war, dessen Privatleben aber um so mehr aus den Fugen geraten war. Entsprechend wirkte er auf den ersten Blick gutsituiert und sehr gepflegt, aber unglücklich und verloren, mit einer Ernsthaftigkeit im Ausdruck, die nicht recht in den sonst ziemlich ungezwungenen Travemünder Freundeskreis zu passen schien. Seine Ausstrahlung war in einem solchem Maße seriös, daß sogar Hilde sich ungewöhnlich lange zurückhielt und sich für ihre Verhältnisse eher vorsichtig fragend an diesen neuen Mann herantastete. Dieser durch und durch ernsthafte Geschäftsmann aus dem hohen Norden hatte auch für sie eine Ausstrahlung, die eine allzu schnelle Verbrüderung nicht zuzulassen schien. Er war, wie sie im Laufe des Nachmittages seines ersten Besuches herausfand, im Fischgeschäft tätig. Sein Bruder Palle war Herr über eine ganze Fangflotte, er dagegen kümmerte sich um den Handel. Nicht nur um den mit dem eigenen Fang, auch im noch wesentlich größeren Stil. Um näher an den Handelszentren zu sein, wohnte er meist in Kopenhagen und war sehr oft auf Reisen in Deutschland, insbesondere in Lübeck und Hamburg. Er hatte vor Jahren ein Haus in Kopenhagen gekauft, ein großes sogar, groß genug für seine Frau und zwei kleine Töchter, nur daß die Frau ihn im letzten Jahr mit den Kindern verlassen und er alle drei seitdem nicht wieder gesehen hatte. Er kam von einer Geschäftsreise zurück und fand das Haus menschenleer, die Kinderzimmer noch voller Spielzeug, es wurde nur das Nötigste mitgenommen.

Das war an sich eine fraglos traurige Geschichte, allerdings erzählte er sie in einem Tonfall, der eher zu den Börsennachrichten gepaßt hätte. Wir hörten einen sehr sachlichen Bericht über erkaltete Liebe, Entfremdung und eine gescheiterte Ehe. Man merkte, daß Einar zwar ausgezeichnet Deutsch sprach, sich sein Vokabular aber normalerweise auf den Geschäftsbereich bezog, ihm fehlten einfach die sprachlichen Mittel, um etwa eine Gefühlslage zu beschreiben. Wie er so dasaß, in seinem grauen Geschäftsanzug, mit den weißen Haaren, der unbewegten Miene und den trockenen Berichten von seinen unvermittelt abhanden gekommenen Töchtern und der wortlos verschwundenen Ehefrau war er zwar eine tragische Figur, aber leider, man konnte es nach seinen leblosen Berichten nicht anders sagen, auf die denkbar langweiligste Art.

Hilde rollte nach einer Weile die Augen und legte ihm dringend nahe, sich schnell zu betrinken. Dieser trübe Mensch mußte, das war ja wohl offensichtlich, ganz dringend etwas aufgelockert werden. Einar trank, aber er trank sichtlich aus Höflichkeit und nur sehr bescheidene Mengen. Hilde sah ihn an, sah meine Mutter an, machte schließlich hinter Einars Rücken äußerst deutliche Gesten des Unwillens und gab sich erst, als meine Mutter mit einer dezenten Handbewegung zur Rücksicht mahnte, einen Ruck und Einar noch eine Chance. Vielleicht taute dieser Mann auf, wenn man mit ihm länger über seinen Beruf sprach? Was machte er gleich noch – Fische verkaufen?

„Ja“, sagte Einar, „ich verkaufe Fische. Sehr viele Fische. Und Garnelen. Und Muscheln. Überhaupt alles aus dem Meer“. „Oh!“ sagte Hilde, „wenn Sie auch Krabben verkaufen, könnten sie mir gerne mal welche mitbringen. Statt Blumen zum Beispiel!“ Woraufhin sie einen längeren, nur bedingt nachvollziehbaren Lachanfall bekam, der in einer bedenklichen Hustenattacke endete. Einar stand auf, offensichtlich leicht angeekelt von der sich krümmenden Hilde, die nach Atem ringend mit den Armen ruderte, er sah ratlos zwischen meiner Mutter und ihr hin und her. Meine Mutter lächelte unverbindlich, Hilde lachte und stöhnte und wiederholte atemlos kichernd immer wieder den Satz. „Immer wenn er Krabben brachte…“. Ihre Heiterkeit stand in krassem Gegensatz zu Einars Gesicht, der sich jetzt aber einen entschlossenen Ruck gab und unvermittelt zum Gehen wandte, er nahm seinen Mantel von der Garderobe, flüsterte meiner Mutter, die ihm zur Tür nachging, etwas ins Ohr und verschwand schnell aus der Wohnung. Hilde sah erschrocken auf, mit tränennassen Augen vom Lachen, stark gerötetem Gesicht und einer Frisur, der es überhaupt nicht bekommen war, daß sie sich beim Lachen wild hin und hergeworfen hatte. „Ist er weg?“, fragte sie entsetzt, „wegen mir? Oh mein Gott!“ Woraufhin sie sich sehr zerknirscht entschuldigte, nicht ohne darauf hinzuweisen, daß der Herr Einar ja wirklich nicht überreichlich humorbegabt gewirkt habe: „Und ich sage dir wieder und wieder, laß die Finger von Männern, die nicht lachen können. Und Fisch verkaufen ist nun so toll auch nicht.“ Meine Mutter lächelte und sagte: „Er kommt gleich wieder. Er holt dir nur eben Krabben.“

In der nächsten halben Stunde kam die durch diese Mitteilung gründlich verwirrte Hilde in einem langen und ziemlich wirren Monolog zu dem Schluß, daß ein humorloser Mann an sich zwar ein wirklich schlimmes Risiko bleiben würde – allerdings müßte man bei einem Mann, der so gentlemanlike zum Krabbenholen aufspringt, wenn anwesende Damen nach solchen verlangten, vielleicht doch mildernde Umstände gelten lassen. Am Ende steckt in krabbenholenden Männern doch mehr als man denkt, überlegte Hilde, nach einigem Nachdenken sichtlich geschmeichelt durch Einars Bereitschaft, ihre Wünsche so prompt zu befriedigen.

Nach etwa einer Stunde kam Einar zurück. In der Hand trug er einen Plastikbeutel mit dem Aufdruck eines Reedereiwappens, in dem Beutel erkannte man ein großes, unförmiges Ding, das beträchtliches Gewicht zu haben schien. Er legte die Tüte in Hildes Schoß, verbeugte sich mit dem ersten Lächeln, das wir überhaupt an ihm sahen und sagte nur: „Krabben, Madame“. In dem Beutel war ein riesiger, rauher Klotz tiefgefrorener Krabben, er sah aus, als wäre er gerade ziemlich grob mit einer Spitzhacke aus einem Kühlcontainer geschlagen worden, und tatsächlich wird es auch ganz ähnlich gewesen sein

Hilde war still, ein seltenes Erlebnis. Sie bedankte sich mit ausgesuchter Höflichkeit und überdeutlicher Rührung bei Einar und trug den Eisklotz in die Küche, wobei sie ihn vorsichtig auf Händen trug wie einen sehr zerbrechlichen Gegenstand, packte ihn aus der Tüte, legte ihn in die Spüle und ließ heißes Wasser darüber laufen. Wir hatten eine offene Küche, man konnte daher vom Wohnzimmer aus sehen, wie sie versonnen den Eisklotz langsam unter dem Wasserhahn wendete. Sie sang leise dabei und drehte sich ab und zu um, wobei sie Einar strahlende Blicke und Kußhände zuwarf, während er sich redlich bemühte, die Situation auszunutzen und meine Mutter in ein etwas sinnvolleres Gespräch als vorher zu verwickeln.

Unter dem heißen Wasser gab die äußere Eisschicht des kiloschweren Krabbenklotzes ganz langsam nach. Bald ließen sich einzelne Krabben herauspulen, die sofort in Hildes Mund wanderten. Sie stand wenig damenhaft breitbeinig vor der Spüle, stützte sich mit den Ellbogen au den Rand, ließ sehr heißes Wasser laufen und stieß immer wieder mit zwei Fingern in die Krabbenmasse, mit schnellen, kurzen Bewegungen, um sich nicht an dem Wasser zu verbrennen. So hackte sie sich allmählich durch die äußere Schicht. Wenn sie auf den nur halb aufgetauten Krabben herumbiß, klang es gerade so, als würde sie Chips essen und sie spülte die eisigen Krümel mit Sekt hinunter, den sie sich selbst zwischendurch reichlich nachschenkte

Es verging etwa eine Stunde. Meine Mutter sprach leise mit Einar, Hilde pickte, aß und sang und ich begann mich in kindlicher Neugier zu fragen, wieviel Krabben ein Mensch eigentlich essen kann. Krabben waren lecker, aber sehr teuer, daher war ich nie in der Situation gewesen, Unmengen davon zu essen, und wer hatte schon jemals kiloweise Krabben vor sich liegen? Könnte man wohl tagelang nur Krabben essen? Eine märchenhafte Vorstellung. Wie um die Frage nach der Höchstmenge zu beantworten, fing Hilde bald an, sich vor der Spüle zu krümmen, eine Hand auf den Magen gelegt, mit der anderen aber noch weiter im Eis pickend. Ihr Gesang zwischen den Bissen wurde leiser und ging allmählich in ein Stöhnen über. Da sie dabei aber immer noch unentwegt weiter aß, wies Einar sie vom Sofa aus höflich darauf hin, daß zu viele Krabben, schon gar sehr kalte, womöglich sogar noch gefrorene Krabben, eventuell ein Problem für den Magen darstellen könnten. Hilde sah ihn an. „Mir hat noch nie jemand so viele Krabben geschenkt“, sagte sie nachdrücklich mit gepreßter Stimme, dann sank sie in sich zusammen und kauerte leise wimmernd auf dem Boden der Küchenzeile, beide Hände auf den Bauch gepreßt, in dem es gut hörbar rumorte. Wir hievten sie wieder hoch, stellten sie mit einiger Mühe auf ihre Beine und brachten sie zu dritt in ihre Wohnung hinüber, ein kurzer Weg über den Flur, für den wir dennoch viel Zeit brauchten, denn Hilde war schwer, schwankte zwischen uns wild hin und her und hatte im Treppenhaus das dringende Bedürfnis, sich etwas hinzulegen, wovon wir sie nur knapp abhalten konnten. Wir sahen Hilde nach diesem Besuch ganze zwei Tage nicht, was sehr ungewöhnlich war. Zwei Tage, die nach ihren späteren Erzählungen zu den schlimmsten ihres Lebens gehörten und die sie komplett auf der Toilette verbrachte, Tag und Nacht. Der übermäßige Konsum halbgefrorener Krabben ist zweifellos auch für einen besonders robusten Magen eine ganz ungewöhnliche Herausforderung.

Zu den bemerkenswerten Folgen des Nachmittages, an dem Einar mit dem Eisklotz kam, gehörte zweifellos, daß Hilde in den Jahren danach nie wieder Krabben aß. Interessant aber auch, daß ihr aufgrund einer unauslöschlichen assoziativen Verknüpfung unweigerlich übel wurde, wenn sie Einar künftig nur von Ferne sah. Er war damit ganz ungeplant der einzige Mann, der je eine reelle Chance hatte, uns ganz ohne Hildes Anwesenheit zu besuchen.

Er wußte mit der Chance allerdings sehr wenig anzufangen. Abgesehen von der Krabbengeschichte erwies er sich tatsächlich als sterbenslangweilig und wurde daher schnell wieder aus der Reihe der Besucher gestrichen. Wenn ich versuche, mich an ihn zu erinnern, sehe ich einen grauen, freudlosen Menschen mit ernstem Blick, in einem korrekten, unauffälligen Anzug.

Hätte er damals nicht diese Krabben geholt, wahrscheinlich wüßte ich nicht einmal mehr seinen Namen.

%d Bloggern gefällt das: