Manche Menschen begleiten einen jahrelang, man kennt sie durch den Wechsel der Jahreszeiten, durch verschiedene Moden und viele Geschichten, man hat gemeinsam andere Freunde kommen und gehen sehen, man hat zusammen Reisen gemacht, Abende und Abende verbracht, es stehen ganze Fotoalben voller vergilbter Gemeinsamkeiten im Schrank – und doch sieht man immer nur ein einziges Bild, wenn man an diesen einen Menschen zurückdenkt. Ein Bild, das als Symbol Bestand hat und das so markant ist, daß es sogar all die anderen Geschichten, die es doch wirklich gab, längst ganz verdrängt hat. Eine Erinnerung, in der alles von diesem Menschen ist.

Ein sonniger Morgen in Travemünde, es ist hochsommerlich heiß, blendend hell und es geht nur ein ganz leichter, freundlicher Wind, in dem ein paar Möwen lässig schaukeln. Der Himmel ist so strandglückverheißend blau, wie er es nur in den Sommerferien sein kann und die Farben der Häuserwände und Dächer leuchten so klar, wie sie nur an einem Morgen am Meer leuchten können, wenn es ein langer, herrlicher Sonnentag wird. Ein Tag, der einem dann am Abend, wenn man vom vielen Schwimmen selig müde im Bett liegt, vorkommen wird wie ein Rausch aus Licht, Hitze und salziger Luft. In dem Apartmenthaus „Strandresidenz“ ist am Morgen schon Leben, denn die Gastfamilien mit kleinen Kindern zieht es sehr früh zum Meer. Türen klappen, Dreiräder poltern gegen Wände und Blumenkästen in der Eingangshalle, Menschen stolpern fluchend und lärmend über verstreutes Spielzeug auf den Fluren, Kinder lachen aufgeregt und schrill im Treppenhaus, es geht zum Strand, zum großen Kinderglück. Sie haben es eilig, die Kinder, sie ziehen Mütter und Väter ungeduldig, quengelnd und energisch an den Händen voran, sie wollen keine Minute mehr verschenken, sie wollen jetzt sofort Burgen bauen und baden, über Sand rennen, Muscheln suchen und angespülte Quallen untersuchen. Eine Familienkarawane nach der anderen zieht so aus dem Haus, hinunter zu den Strandkorbvermietungen oder auf die große Liegewiese vor der Badeanstalt Möwenstein. Mütter schreien laut Namen, kaum daß sie das Haus verlassen haben, damit die tobenden Kinder nicht achtlos und in blinder Begeisterung auf die Straße laufen, die zum Meer führt.

Um die Residenz herum kreisen unentwegt Autos von Tagestouristen aus Hamburg, die auf einen Parkplatz hoffen, sie fahren langsam, suchend und stockend. Die Menschen in den Autos zeigen auf richtige oder auch nur vermeintliche Lücken am Straßenrand und drehen die Köpfe hektisch hin und her, während sie sich umsehen. Sie kommen viermal, fünfmal, sechsmal vorbei, immer wieder fahren sie um den Block, ich stehe verschlafen und kakaotrinkend auf dem Balkon unseres Apartments und zähle ihre Runden. Der Kunstrasen auf dem Balkon, der am Morgen im Schatten liegt, ist noch nachtfeucht und kühl, die borstigen Plastikfasern kitzeln an den Füßen, ich stehe auf den Zehenspitzen und sehe nach unten, auf die Straße, wo es über dem Asphalt sogar am frühen Morgen schon ein wenig flimmert. Die glücklichen Fahrer, die einen Parkplatz finden, steigen aus und halten die Nasen witternd wie Tiere in die Luft. Alle machen das, wenn sie in Travemünde ankommen, sie recken sich nach oben, sie atmen tief ein und riechen gierig die erste Ahnung vom Meer, das jetzt nur noch einen Block entfernt ist, ganz deutlich ist das Meer in der Luft und die Gäste sagen sich das gegenseitig und strecken den Brustkorb raus, weil sie so viel von der guten, nach Urlaub riechenden Luft einatmen müssen und manche küssen sich dann. Dann laden sie Unmengen Gepäck aus, Decken und Proviant und Bücher und Zeitungen und Federballschläger und Bälle, Bademäntel und Luftmatratzen und riesige Handtücher. Dann stehen sie eine Weile vor dem offenen Kofferraum und streiten sich darum, wer was tragen muß; immer streiten sie sich darum, alle.

Vom Balkon aus sehe ich auch diese Grüppchen im Gänsemarsch zum Strand ziehen und hinter mir, aus der Wohnung, kommt jetzt ein sehr seltsames Geräusch, irgend etwas, das eindeutig nach Musik klingt, aber so durchbrochen von Fehlern ist, daß es nicht gelingen kann, eine Melodie zu erkennen. Ich lehne mich an den Rahmen der Balkontür und sehe nach innen, wo ich zuerst gar nichts erkenne, weil es draußen so unglaublich hell ist. Die Vorhänge sind noch geschlossen, das Apartment ist zuerst nichts als ein schwarzes Loch und nur langsam erkenne ich etwas im Halbdunkel, eine Figur zeichnet sich ab und wird allmählich immer deutlicher, während sich meine Augen auf das schummerige Morgenlicht in der Wohnung einstellen. Vor unserer Küchenzeile steht Orlando, der eigentlich nicht so heißt, sich aber schon so lange so nennt, daß einem der wirkliche Name gar nicht mehr einfällt. Er steht vor der Kaffeemaschine, die er gerade in Betrieb gesetzt hat, er ist völlig nackt und er geigt. Hingebungsvoll ist sein Kopf über die Geige geneigt, er blickt lächelnd nach oben, er geht in enthusiastischen Bewegungen mit dem ganzen Körper mit, wenn der Bogen, den er mit merkwürdig spitzen Fingern hält, einen Ton quälend langzieht, er tänzelt durch die schmale Küchenzeile und dreht sich geigend vor der Kaffeemaschine, die linke Hälfte seines Bartes kräuselt sich auf dem Instrument. Seine Brille ist verrutscht und sitzt etwas schief, es stört ihn nicht. Er hat tiefe Falten der Konzentration auf der Stirn, aber dabei ein seliges Lächeln im Gesicht, das breiter und breiter wird, wann immer er auch nur einen Ton trifft. Er spielt so schlecht, daß man sich unwillkürlich fragt, ob der so angefidelte Kaffee normal schmecken kann und nicht vielleicht einen äußerst seltsamen, irgendwie schrägen Beigeschmack aufweisen wird. Nie bekommt Orlando eine Melodie zustande, dennoch ist er ein Geiger aus Überzeugung: „Ich diene der Kultur. Auch vor dem Frühstück. Gerade auch vor dem Frühstück!“. Die Kaffeemaschine stößt das heiße Wasser rhythmisch fauchend in den Filter und dieses blubbernde Fauchen klingt viel melodischer als das, was das gepeinigte Instrument hervorbringt, aber Orlando lächelt und sieht seinen vermeintlich Richtung Decke entschwindenden Tönen mit umflortem Blick hinterher. Er ist sehr konzentriert, man sieht es ihm deutlich an. Hier müht sich jemand redlich um Hingabe, hier ist jemand der Kultur ganz entschieden ein äußerst williger, wenn auch gänzlich unfähiger Diener. So sehe ich ihn immer in der Erinnerung, den Mann, der sich Orlando nannte: An einem besonders gelungenen Sommermorgen, nackt und geigend vor der Kaffeemaschine.

Natürlich gibt es auch so etwas wie einen Rahmen aus Lebensumständen zu diesem Erinnerungsbild. Orlando war ein Versicherungskaufmann, der mit einer Lehrerin verheiratet war, die von ihren Eltern einen erfreulich hohen Geldbetrag geerbt hatte. Im Laufe einer ungewöhnlich hitzigen Midlife-Crisis kündigte er spontan seinen Job, von dem drängenden Entschluß getrieben, sich den Rest seines Lebens nur noch mit Kunst und Kultur zu beschäftigen und die Tage ausschließlich damit zu verbringen, ein Schöngeist zu sein. Er befaßte sich intensiv mit dem Lesen der Weltliteratur, hörte viel klassische Musik, erwarb sich umfangreiches Wissen in Kunstgeschichte und begann auf der Suche nach mehr und wahrer Schönheit gerade auch in der Sinnlichkeit ein äußerst ausschweifendes und abwechslungsreiches Liebesleben, daß seine Frau schnell dazu brachte, getrennte Wege von ihm zu gehen. Orlando lebte von da an seinem Gefühl nach als Künstler und Bohèmien neuer Schule, verzichtete aber von Anfang an darauf, irgend etwas Künstlerisches selbst hervorzubringen oder es auch nur zu versuchen, wenn man von seinen furchtbaren Bemühungen auf der Geige absieht. Er hatte überhaupt keine Ambition zu schreiben oder zu malen, fühlte sich aber doch den jeweils Größten auf diesen Gebieten in einer prägenden Weise seelenverwandt, die ihn zumindest in seiner Selbstwahrnehmung geradezu partnerschaftlich und gleichberechtigt neben sie stellte. Er war ein überaus geistreicher und angenehmer Gesellschafter in verläßlich guter Laune, der in der denkbar entspanntesten Weise von dem Geld lebte, daß seine vermögende Exfrau ihm aufgrund einer recht obskuren Scheidungsregelung monatlich zahlte.

Erst als er nach mehreren Jahren anfing, bunte, wallende Gewänder zu tragen und bei Spaziergängen lauthals Gedichte zu deklamieren, wurde er in seinem Wahn der vermeintlich einzig sinnvollen, geistreichen und wahrhaft kultivierten Existenz zusehends anstrengend und bald unerträglich, zumal er immer öfter einen recht unangenehm missionarischen Eifer gegenüber vermeintlich ungebildeten Menschen an den Tag legte. Wir sahen ihn immer seltener, weil es leider doch zusehends peinlich wurde, mit ihm in etwas normalerer Gesellschaft zu sein. Bis er aber auf diese Art langsam aus unserem Leben verschwand, war er ein sehr gern gesehener Gast und guter Freund, ein Mann mit originellen Ideen bei jeder Gelegenheit, wie meine Mutter einmal sagte, wobei sie das „bei jeder Gelegenheit“ besonders betonte. Ein geistreicher Mann, mit dem man wunderbar und endlos über Bücher und Bilder reden konnte und mit dem wir im Laufe der Jahre ganz ungewöhnlich viel Spaß hatten.

Ich könnte im Rückblick nicht einmal sagen, daß mich sein Geigenspiel jemals gestört hätte.

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