In meiner Kindheit habe ich, nachdem meine Mutter und ich nach Travemünde gezogen sind, ganze Sommer am Strand verbracht. Jede Minute, die ich nicht zwingend der Schule, den Hausaufgaben oder dem Schlafen opfern mußte, war ich draußen, am Meer. Mir war der Gedanke vollkommen unerträglich, in der kleinen Wohnung zu sein, während draußen doch immer der Strand wartete. Meine Mutter und ich saßen stundenlang im Strandkorb, den wir für die ganze Saison gemietet hatten, sahen den vorbeifahrenden Fährschiffen weit draußen oder den Badegästen in der Brandung vor uns zu und genossen es, wie das Meer allmählich für uns zu einem Bestandteil des Alltags wurde. Wir brachen erst bei Sonnenuntergang wieder auf, wenn es kühler wurde und wir Hunger bekamen. Da wir beide nicht gern nach Hause wollten, aßen wir abends oft in einem der Imbisse an der Promenade. In diesen kleinen Buden war man dann wenigstens noch etwas in der herrlichen Strandstimmung, auch wenn man ja eigentlich doch schon wieder drinnen war und der Tag leider zu Ende ging. Man konnte vom Imbiß aus immerhin das Meer noch sehen, von unserer Wohnung aus nicht. Solange man aber das Meer wenigstens sehen konnte, war es noch ein besonderer Tag, ein ferienhafter Sommerstrandtag, wenn man jedoch um die Ecke bog und an dem Allerweltspark vorbei ging, der überall hätte sein können, war es für mich schon nur noch irgendein Tag. Der Imbiß bei uns um die Ecke wurde daher unser zweites Wohnzimmer, und natürlich ging es auch anderen so. Daher traf man, abgesehen von den Touristen, deren Gesichter man sich nie merken konnte, immer dieselben Leute aus Travemünde, die sich dort abends Schnitzel mit Pommes bestellten und ein Bier oder einen Kaffee tranken. Es gab einen besonderen Stammtisch für die Einheimischen und ich war nicht wenig stolz darauf, schon bald in dieser speziellen Ecke des Raumes sitzen zu dürfen, wo man besonders zuvorkommend bedient wurde und wo die Schnitzel erheblich größer waren als vorne, an den anderen Tischen, wo die Touristen aus dem Ruhrgebiet saßen.

Die Runde der Stammgäste war zusammengewürfelt, es gab keinen typischen Imbißgast. Die Nähe zum Strand und die Einfachheit des Aufenthaltes machten den Reiz für viele aus. Es war der Treffpunkt um die Ecke, für alle. Ein Tischlergeselle saß da, den man allgemein nur „Holz“ nannte, was ich lange für einen besonders lustigen Spitznamen hielt, bis ich dahinter kam, daß er tatsächlich so hieß: Holz. Ein ganz normaler Nachname, sehr enttäuschend. Eine Frau, die man die Königin nannte, weil ihr Mann König mit Nachnamen hieß und er sie immer als seine Königin vorgestellt hatte. Der Mann war vor kurzer Zeit gestorben und die Königin mochte nun zuhause kein Essen mehr machen, der Gedanke, nur für eine Person zu kochen, schien ihr vollkommen unerträglich. Die Königin war ein zerbrechliches, winziges Persönchen, schüchtern und sehr leise, es war sehr schwer, etwas Königliches in ihr zu entdecken, wenn sie zaghaft nach dem Tagesgericht fragte. Obwohl sie jeden Tag da war, wirkte sie immer ein wenig so, als würde sie alles zum ersten Mal sehen, so vorsichtig sah sie sich um. Wenn sich Hugo, der Imbißbesitzer, aus der Küchenluke beugte und „Die Gulaschsuppe der Königin“ in den Gastraum rief, guckten sich die Touristen neugierig nach ihr um. Hilde und Hans waren da, ein Rentnerpaar, das in diesem Imbiß viel Zeit des Ruhestandes verbrachte und die dort allmählich zu Trinkern wurden. Der schöne Surflehrer vom Strand, zwei oder drei bierbäuchige Taxifahrer, der Tagesportier vom Hotel nebenan. Der Apotheker saß da und las Zeitung, meine Mutter traf sich mit ihrem aktuellen Liebhaber, einige Kinder jagten sich tobend um die Bude herum, es war eine sehr gemischte Truppe, die dort abends zusammenkam.

Gelegentlich kam ein alter Mann, der auf mich wirklich uralt wirkte. Sein eingefallenes Gesicht sah mir unheimlich aus wie ein Totenkopf und ich mochte seine gelblichen Hände, unter deren dünner Haut sich die schmalen Knochen so überdeutlich abzeichneten, gar nicht ansehen, so gruselig war mir der Anblick. Ich hatte bis dahin nie einen Menschen gesehen, der älter aussah. Er war freundlich, aber doch immer ein wenig für sich, er saß gerne an einem Einzeltisch. Gespräche wehrte er nicht ab, aber er suchte auch keines. Lange wußte ich keinen Namen zu diesem Menschen, bis eines Tages jemand sagte, als man ihn von draußen kommen sah: „Guck mal, da kommt der alte Canaris“.

Canaris? Der Name klang zwar seltsam, war aber irgendwie bekannt, ich kam nur zuerst nicht darauf, woher. Er wurde, als er hereinkam, nicht direkt mit Canaris angesprochen, ich habe genau darauf geachtet, aber der Name fiel doch öfter, wie ich dann feststellte. „Canaris gar nicht da heute?“ Wer ist denn das da, am Tisch von Canaris?“, solche Sätze kamen vor. Sogar seine Bestellungen wurden so an den Tresen weitergereicht: „Ein Herrengedeck für Canaris!“ Schließlich fragte ich meine Mutter eines Tages, ob und woher man eigentlich den Namen Canaris kennen müsse, sie sah mich überrascht an und sagte: „Canaris? Wie kommst du denn plötzlich auf den? Der Chef des Nachrichtendienstes im Dritten Reich war das. Da gibt es doch auch diesen Film“

Wie komme ich denn auf den, hatte sie gefragt. Sie wußte also wohl gar nicht, daß der alte Mann so hieß. Ich hatte es aber wirklich mehrfach gehört, ganz sicher – vielleicht war es ein Geheimnis der alteingesessenen Einheimischen? Meine Mutter und ich waren erst vor einem Jahr zugezogen, vielleicht erfuhr sie noch nicht alles, dachte ich. Ich war in der Schule gerade sitzengeblieben und habe in der neuen Klasse auch nicht alles am ersten Tag erfahren, wer was mit wem hatte und warum wer welchen Spitznamen hatte, das war klar, es brauchte Zeit, um solche heiklen Dinge zu erfahren. Meine Mutter war noch ahnungslos, aber ich wußte schon Bescheid, dachte ich. Der Leiter des Nachrichtendienstes im Dritten Reich – bei uns im Imbiß. So wie der aussah, so alt, so seltsam für sich und abgeschieden – er war es sicher wirklich. Saß abends neben mir. Eine Figur aus dem Geschichtsbuch! Ich konnte es nicht fassen. Ich sah mich schon bei Mitschülern Eintritt nehmen, dafür, daß sie einen Blick auf meine Entdeckung werfen durften. Ich konnte es natürlich nicht erwarten, diese Enthüllung meinen Freunden zu erzählen und meine eigene Bedeutung dadurch beträchtlich zu steigern. Ich wollte aber, um die Geschichte etwas anreichern zu können, vorher doch lieber noch in der Schule im Lexikon nachsehen, was es mit diesem Mann genau auf sich hatte und wie er aussah. Ich war dann furchtbar enttäuscht, als ich da lesen mußte, daß der historische Canaris schon tot war. Sogar hingerichtet, also auch noch mit Zeugen, der war wirklich auf jeden Fall tot. Der Mann im Imbiß konnte es gar nicht sein. Niederschmetternd. Ich las enttäuscht weiter, vielleicht hatte Canaris ja noch einen Sohn, der es auch weit gebracht hatte und der jetzt abends in meinem Imbiß saß, aber nichts. Immerhin erfuhr ich aber noch, daß Canaris Widerstandskämpfer unterstützt hatte und also einer von den Guten war, was mich aber noch mehr ärgerte, denn um so toller wäre es ja gewesen, ihn in der direkten Nachbarschaft zu haben. Ich war um eine Hoffnung betrogen und nur froh, nicht schon vor dem Nachlesen mit dem alten Herrn vor meinen Mitschülern angegeben zu haben. Die Peinlichkeit wäre gar nicht auszudenken gewesen, zumal meine Travemünder Freunde ja neue Freunde waren, für mich als Neubürger.

Am nächsten Abend sagte Hugo der Wirt, als er auf das Meer sah, während er Pommes aus der Friteuse in Tüten schippte: „Canaris geht am Strand lang, der kommt bestimmt nachher noch rein“. Und da hab ich ihn einfach gefragt, warum er ihn denn Canaris nenne würde, wenn er das doch gar nicht wäre. „Nein“, sagte Hugo, versenkte einen Drahtkorb mit rohen Pommes in siedendem Öl und sah mich überrascht an, „natürlich ist er nicht der echte Canaris, der ist ja tot, das kennt man doch aus dem Film. Aber der alte Mann da war auch beim Nachrichtendienst, zwar nur hier und nicht in Berlin, aber eben doch.“ Er grinste mich über seine Brille an, während er achtlos Salz aus einer großen Büchse auf die Pommes schüttete: „Der Name paßt schon“.

Also doch noch eine gute Nachricht. Eine sehr gute. Nicht der echte Canaris, aber den hätte man ja auch fast gar nicht ansprechen können, wo der doch in Büchern und Filmen vorkam und berühmt war, aber einer vom Nachrichtendienst, so irgendeiner? War das großartig? Und war das passend? Meine Freunde und ich, wir kannten uns nämlich aus mit dem Nachrichtendienst, waren wir da doch selber auch tätig. Ganz Travemünde war übersät mit toten Briefkästen, in die wir in hochkomplexer Geheimsprache verfaßte Briefe steckten, um uns wichtige Informationen zukommen zu lassen, wir verstanden durchaus eine Menge von geheimdienstlichen Tätigkeiten. Wenn es aber gelingen könnte, mit dem Canaris genannten Mann ins Gespräch zu kommen, mit so einem echten Profi also, könnte man am Ende doch noch etwas lernen? Sehr wahrscheinlich doch! Vielleicht hatte er sogar noch Ausrüstung zuhause – Chiffriermaschinen, falsche Ausweise, alte, geheime Aufzeichnungen aus seiner Dienstzeit – vor meinem geistigen Auge sah ich einen Keller voller verstaubter, unglaublicher Schätze, eine phantastische Agentenausrüstung in bester Qualität, nicht so ein billiges Plastikzeug wie aus den kindischen Yps-Heften.

Nur war es nicht so einfach, mit Canaris ins Gespräch zu kommen, der Mann schwieg einfach zu gerne. Er sprach kaum mit den Erwachsenen und schon gar nicht mit uns Kindern. Er war nicht unfreundlich zu uns, aber er nahm uns nur leider einfach nicht zur Kenntnis. Und nach ungeschriebenen Gesetzen setzte man sich als Kind natürlich nicht spontan zu einem Erwachsenen an den Tisch, um mal eben ein ernstes Gespräch über seine Vergangenheit im Dritten Reich zu führen, das war uns schon klar, das ging sicher nicht. Ich schilderte meinen Freunden in langer Krisensitzung auf dem Steg vor dem Imbiß das Problem und wir beschlossen, das Naheliegende zu tun, was sich sowieso immer als erste Maßnahme anbietet, wenn es um eine neue Figur geht, über die man dringend etwas erfahren muß: Wir würden ihn beschatten. Auch damit kannten wir uns nämlich bestens aus, das hatten wir in diesem Sommer seit Wochen geübt. Wir konnten stundenlang Touristen verfolgen, ohne daß diese jemals irgend etwas merkten. Das war nur leider sterbenslangweilig, denn Touristen liegen nun mal stundenlang am Strand rum, sonnen sich mal von der einen und mal von der anderen Seite und gehen danach einfach die hundert Meter in ihr Hotel zurück, wo sie dann nicht mehr herauskommen, daher waren wir sehr dankbar für eine etwas herausforderndere Aufgabe. Noch am gleichen Abend fingen wir an, Canaris zu observieren. Wir waren vier: Schatzi, der von allen so genannt wurde, weil er zu seinem großen Leidwesen Schatz mit Nachnamen hieß, mein Nachbar Stefan, ich – und Sarah, die bei uns Jungs insgeheim nur noch das Problem hieß, nachdem wir uns alle drei in sie verliebt hatten. Diese Schwierigkeit stellten wir aber erst einmal entschlossen zurück, weil es ja um etwas Großes und Wichtiges ging. Außerdem, wer weiß, in Filmen war es ja auch oft genug so, daß sich die Frage der Liebe im Laufe von Abenteuern entschied, also war es in jedem Fall eine gute Idee, sich mutig und ohne zu zögern hineinzustürzen, in die nächstbeste Gefahr.

Canaris ging aus dem Imbiß, über die Straße und durch den kleinen Park hinter der Strandresidenz. Ein Riesenglück für uns, denn in einem Park ist es ja wirklich leicht, jemanden zu beschatten, bei all den Büschen und Bäumen. Wir liefen ihm nach und warfen uns, als er plötzlich stehenblieb, sofort in die nächstbeste Hecke. Er drehte sich um und sah in unsere Richtung. Wir waren sicher, daß er uns nicht sehen konnte, er war viel zu weit weg und das Laub um uns herum zu dicht und wir bewegten uns nicht, kein bißchen. Ich schon gar nicht, denn ich war mit dem Kopf in Sarahs Schoß gelandet und war rundum zufrieden mit der Lage. Aber merkwürdig, er hörte nicht auf, auf genau die Stelle zu starren, an der wir saßen. Er guckte ernst aus seinen dunklen Totenkopfaugen und mir war, als würde er mir gerade in die Augen sehen, obwohl das wirklich völlig unmöglich war. Er konnte nicht wissen, daß wir da saßen. Oder doch? Er rührte sich nicht und starrte. Wir saßen, atmeten flach und starrten durch die Zweige zurück, es wurde uns mit jeder Minute unheimlicher. Wir verständigten uns vorsichtig flüsternd und kamen bald zu dem Schluß: Der war uns über. Wir konnten da schließlich nicht stundenlang im Gehölz bleiben, wir hatten Mütter, die uns zuhause erwarteten und die aller Erfahrung nach wenig Verständnis für geheimdienstliche Notwendigkeiten aufbrachten – er aber hatte alle Zeit der Welt, er konnte die ganze Nacht dort stehen, wenn er wollte, auf ihn wartete bestimmt keiner. Nach einer Viertelstunde etwa gaben wir auf und kämpften uns aus dem Grün. Wir sahen natürlich nicht zu ihm hin, sondern taten so, als hätten wir einfach zufällig da gesessen, warum auch nicht, Kinder dürfen ja wohl mal konspirativ irgendwo im Gebüsch herumsitzen. Wir verließen schlendernd und wie nebenher den Park und sahen erst vom Eingang aus vorsichtig über eine Hecke zurück. Er stand da noch. Er sah immer noch auf das Gebüsch, als hätte er uns nicht herauskommen sehen. Wartete er auf weitere Verfolger, die noch da drinnen hätten sitzen können? Ich hatte allmählich den leisen Verdacht, er starrte einfach nur unbestimmt in die Gegend, Beschattung hin oder her. Am Ende war es nur ein Zufall, daß er in die Richtung der Büsche gesehen hatte? Konnte er den Sonnenuntergang dahinter sehen und war nur deswegen stehengeblieben? Sehr schwer zu sagen. Ich zerbrach mir den Kopf vor Nachdenken, denn es ist ja so: Männer vom Nachrichtendienst verstehen sich auf Täuschungen und das, was man sie tun sieht, ist selten das, worum es wirklich geht. Er wollte erreichen, daß wir etwas denken und das wäre dann falsch. Oder eben nicht, je nachdem, wie trickreich er war und für wie schlau er uns hielt. Unauflösbar. Zumindest an diesem Abend kapitulierten wir und zogen ab. Er war in unserer Achtung enorm gestiegen.

Zur Sicherheit ignorierten wir ihn nach diesem Abend eine Weile und beobachteten ihn nur noch aus sehr sicherer Entfernung, wozu wir eigentlich nur am Nachmittag auf dem Steg vor dem Imbiß sitzen mußten. Es war wirklich kein sehr anstrengendes Programm, man konnte dabei die Füße in das Wasser halten und Eis essen. Sarah verteilte an diesen Nachmittagen des Wartens ihre Gunst nach unergründlichen Regeln, küßte mal Schatzi, lag mal im Arm von Stefan, ließ sich dann wieder lange von mir erklären, wie schön sie sei – und es wurden dadurch dann irgendwie doch noch sehr anstrengende Nachmittage.

Für mich waren sie sogar ganz besonders anstrengend, denn ich mußte ein Geheimnis bewahren, worin ich mit 12 weiß Gott nicht sehr gut war. Sarah wollte auf gar keinen Fall, daß die anderen erfuhren, daß sie und ich uns gelegentlich abends sahen. Spätabends sogar – und auch nachts. Ihr Vater hatte nämlich was mit meiner Mutter und wenn die beiden sich abends trafen, steckten sie in krasser Verkennung des schwierigen Alters die beiden unschuldigen Kinderchen einfach zusammen in ein Bett. Da lag ich dann neben Sarah und an Schlaf war natürlich überhaupt nicht zu denken. Ich war in Sarah verliebt, sie lag in meinem Bett – könnte das nicht eine unglaubliche Geschichte werden? Ich war erst fast dreizehn und noch kein einziger Mitschüler oder Freund von mir hatte schon Sex gehabt – aber ich war als Einziger anscheinend ganz kurz davor! Denn, wenn man so gemeinsam im Bett liegt, da ist das ja fast zwingend, dachte ich, daß was passiert. Ich war auch gewissermaßen vorbereitet, ich war in der Theorie sehr bewandert. Ich las die Bravo, wie es alle taten und ich hatte eine Tante, bei der an einer versteckten Stelle, im Bücherregal hinter dem Klavier, das Buch „Joy of Sex“ stand, ein sehr erhellendes Werk voller seltsamer Überraschungen, über die man lange nachdenken konnte.

Immerhin war mir Sex als Vorgang also im Prinzip weitgehend klar und ich baute darauf, daß sich alles weitere irgendwie ergeben würde. Man würde doch wohl keine Gebrauchsanweisung brauchen, wenn es soweit wäre? Sarah sah das sehr nüchtern, sie war keineswegs in mich verliebt, schlug aber selber schon in der dritten gemeinsamen Nacht vor, daß man sich ja mal aufeinanderlegen könne, dann wüßte man wenigstens, wie das sei. Wäre doch interessant. Ich lag neben ihr im Dunkeln, als sie das sagte und ich brauchte vor Herzrasen eine Weile, bis ich vorsichtig fragen konnte: „Nackt?“

„Ja natürlich, du Idiot“, sagte Sarah, „Sonst wird es wohl nicht gehen.“ Ich schämte mich für die wirklich blöde Frage, lag still und sah die Decke an. „Ausziehen“ sagte Sarah. „Selber“ sagte ich, denn so blöd war ich nun auch wieder nicht, so etwas alleine zu veranstalten. „Gleichzeitig“ sagten wir dann wie aus einem Munde und zogen uns die Schlafanzüge aus. „Los“, sagte Sarah und ich legte mich auf sie, was ein großartiges Gefühl war, gar keine Frage. Ich küßte ihr Ohr, denn das machte man so, dachte ich, wie in Liebesfilmen, aber es schien sie leider nur ein wenig zu kitzeln und keine weiteren Ekstasen auszulösen, die ich dabei eigentlich erwartet hatte. Natürlich war mir klar, daß weiter unten auch etwas hätte passieren müssen, aber das schien sich wider Erwarten doch nicht ganz von selbst zu ergeben. Ich dachte, da würde einfach alles problemlos zusammenpassen, aber das schien gar nicht der Fall zu sein. Ich hätte gerne Licht gemacht, um mir ein genaues Bild von der Problemzone zu machen, aber ich traute mich nicht, das vorzuschlagen, denn natürlich hätte das schon wie Versagen geklungen. Ich ruckelte planlos und überfordert etwas herum und weiter wußte ich nicht recht, es schien einfach nicht das Richtige zu passieren. Es kam mir irgendwie auch überhaupt nicht fair vor, daß Sarah wie ein bewegungsloses Brett unter mir lag, während ich oben immerhin um Ideen bemüht war, mit meinen romantischen Küssen aufs Ohr. Mir schien es klar, daß jetzt irgendwas von ihr kommen mußte. Was genau, wußte ich zwar nicht so recht, aber mein Part schien mir soweit erst einmal korrekt. Daher sagte ich einen Satz, der sich, wie mir leider viel später erst klar wurde, generell nicht unbedingt empfiehlt, wenn man auf einer Frau liegt, mit der man noch nicht sehr oft im Bett gewesen ist: „Nu mach mal“.

„Was?“ fragte Sarah in einem irgendwie deutlich gereizten Tonfall und „Ja was weiß ich denn“ sagte ich, nicht minder gereizt, weil, nichts machen, aber giftig werden, soweit kommt es noch. Nach einer Weile rollte ich wieder runter von ihr. Die Stimmung war eh nicht mehr zu retten. An den weiteren Abenden danach haben wir das mit dem Sex lieber nicht mehr probiert und nie wieder über diesen entsetzlich jämmerlichen Versuch geredet.

Das waren so die Geheimnisse zwischen Sarah und mir und während ich nach den ersten beiden Nächten der Annäherung mit ihr im Bett noch fast daran gestorben wäre, es nicht den anderen Jungs erzählen zu dürfen, war ich nach dem verunglückten Sexversuch der dritten Nacht doch ziemlich froh, daß sie es nicht überall weitererzählte. So saßen wir auf dem Steg, und Stefan und Schatzi wußten nichts – und das war sehr, sehr gut so.

Canaris ging am Strand spazieren, Canaris lehnte am Geländer der Strandpromenade, Canaris ging in den Imbiß, wir saßen und sahen ihm zu und kamen nicht weiter. Nach ein paar Tagen hatten wir von dieser Beschäftigung genug und ließen die Angelegenheit erst einmal auf sich beruhen. Ich versuchte allerdings dennoch, mich im Imbiß möglichst viel in seiner Nähe aufzuhalten, um vielleicht doch noch irgendeine Erkenntnis gewinnen zu können. Ich war natürlich interessierter als meine Freunde, denn er war ja auch eigentlich meine Entdeckung und so ganz gab ich die Hoffnung nicht auf, daß doch etwas Spektakuläres an dem Greis dran war. Er saß weiter wie gewohnt oft in der Ecke an seinem kleinen Einzeltisch, trank ein Bier mit einem Kurzen oder auch nur einen Kaffee. Er sprach nicht und ich kam nicht weiter. Ich fragte die Erwachsenen am Stammtisch, die ich etwas besser kannte, aber die grinsten und gaben immer nur dieselbe Antwort, ja, er wäre beim Nachrichtendienst gewesen und sonst wüßten sie auch nicht viel. Aber sie sahen alle bei dieser Antwort so aus, als würden sie gleich anfangen wollen zu lachen – es war etwas dahinter, es gab noch eine andere Wahrheit, soviel war klar. Ich hatte nur nicht die leiseste Ahnung, worum es ging.

Eines Tages saß Herr Kaiser, unser Postbote, neben Canaris. Ein besonders netter Mensch, der Herr Kaiser, mit dem man richtige Gespräche führen konnte, er war immer interessiert an unseren Spielen, kannte alle Kinder mit Namen und hatte sogar schon hin und wieder die eine oder andere Geheimbotschaft unentgeltlich von Haus zu Haus gebracht und sogar erfolgreich an den Eltern vorbeigeschmuggelt. Herr Kaiser sprach da mit Canaris, wobei der Alte ganz ungewohnt angeregt und interessiert wirkte, richtig munter wurde er, während sie zusammensaßen. Neben den beiden war kein Platz mehr frei, ich konnte mich also nicht näher heransetzen, ich verrenkte mir den Hals und rutschte auf meinem Stuhl hin und her, aber ich bekam nicht mit, worüber sie redeten, zu laut waren die Gespräche der Touristen und das Geschepper aus der Küche. Schließlich zahlte Canaris und ging, Herr Kaiser blieb sitzen und bestellte sich noch ein Bier. Neben ihm blieb der Stuhl leer und ich setzte mich schnell dort hin. „Der alte Canaris“, sagte Herr Kaiser zu mir, schüttelte den Kopf und lachte ein wenig, „am liebsten würde er gleich morgen wieder anfangen.“ Ich sah ihn erstaunt an, denn ich verstand nicht, worum es ging. „Wieder anfangen? Womit denn?“ „Na, mit der Arbeit“, sagte Herr Kaiser. „Immer wenn er mich irgendwo trifft, fragt er mich Löcher in den Bauch, wie es heute ist, mit der Arbeit.“ Klar, dachte ich, weil Postboten so viel wissen, die kennen ja jeden und kriegen alles mit, das sind natürlich die Kontaktpersonen schlechthin. Bestimmt immer ergiebig, so einen Postboten zu verhören. „Dabei ist er schon zwanzig Jahre vom Rad“, sagte Herr Kaiser und ich verstand schon wieder nichts. „Vom Rad?“ „Ja, vom Rad“, sagte Herr Kaiser, „also außer Dienst meine ich. Früher ist er hier auf dem gelben Fahrrad durchs Dorf gefahren, er war doch mein Vorgänger. Hast du das nicht gewußt?“ „Nein“, sagte ich und dachte Tarnung, klar, er hat sich als Briefträger ausgegeben, sehr schlau. Aber da sagte Herr Kaiser noch: „Er hat das immer Nachrichtendienst genannt, weil er ja wirklich Nachrichten von Tür zu Tür trug. Hat immer gesagt, er wäre der Chef vom Nachrichtendienst im Bezirk Küste, das war sein Lieblingswitz und von da hat er auch den Namen weg. Er hat nicht mal gedient, aber es gibt genug Leute, die wirklich glauben, er wäre damals beim Nachrichtendienst gewesen. Manche Witze halten sich einfach ewig.“ Und er lachte leise vor sich hin.

Das waren sehr schwere Tage für mich. Die Dinge entwickelten sich alle nicht so, wie ich es erwartet hatte. In den letzten Wochen hatte ich gedacht, ganz kurz vor dem ersten Sex zu stehen und nebenbei noch einen echten Geheimagenten kennenzulernen, womöglich ganz dicht hintereinander und was war daraus geworden? Canaris war nur ein blöder Briefträger und das mit dem ersten Sex war nicht der strahlende Triumph eines sehr jungen Küstencasanovas geworden, sondern eine Angelegenheit, über die ich nicht einmal mehr nachdenken mochte, so peinlich war mir die Erinnerung.

Ich habe mich nach diesem Sommer natürlich vollkommen ungeachtet des ersten Desasters noch sehr, sehr oft sinnlos verliebt. Ich habe allerdings nie wieder Geheimagent gespielt. Man lernt mit zwölf noch nicht aus allen Erfahrungen, aber aus manchen eben doch.

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