Der Sommersalon auf der Reeperbahn war, als ich dort letzte Woche nach einem Arbeitstag wieder einmal meine Freundin Birgit traf, leer, kalt und es roch vom frisch gescheuerten Boden her eigenartig und ungemütlich nach Chlor. Ein merkwürdiger Start für einen Abend in einer Szenekneipe, aber sehr passend zu dem grausigen, kalten Novemberwetter, in dem mir der kurze Weg von der S-Bahnstation zu unserem Treffpunkt ganz ungewöhnlich lang vorkam. Was trifft man sich auch so spät im Jahr in einem Laden, der Sommersalon heißt, dachte ich, als ich durch den Nieselregen an den Theatern am Spielbudenplatz vorbeilief und über Pfützen sprang. Außer uns waren nur vier weitere Gäste im Salon, junge Männer, die Aktentaschen dabei hatten, ihre Köpfe zusammensteckten und in ein offensichtlich sehr ernstes Gespräch vertieft waren. Der Barkeeper saß gelangweilt an der Theke und schob unaufhörlich mit dem Zeigefinger Bierdeckel hin und her. Gelegentlich sahen Passanten, die dringend irgendwo ins Trockene wollten, durch die Fenster zu uns hinein, gingen dann aber doch weiter, wahrscheinlich auf der Suche nach einer Kneipe, in der mehr los war.

„Und wie fandest du zu Gott?“ hörten wir unvermittelt einen der jungen Männer hinter uns fragen, als die wärmende Swingmusik gerade einmal aussetzte und der Laden für ein paar Sekunden vollkommen still war. Eindeutig eine Frage, die man in einer Szenekneipe auf der Reeperbahn nicht unbedingt erwartet. Die Antwort des Angesprochenen fiel recht laut aus, weil er Satz um Satz zusehends in einen immer begeisterteren, geradezu predigenden Tonfall verfiel und so wurden wir bruchstückhaft Zeuge einer längeren Erweckungsgeschichte, in deren Verlauf der junge Mann so oft Jesus persönlich begegnet war, daß ich es etwas erstaunlich fand, wie angetan und ergriffen die anderen drei an seinen Lippen hingen. Ich sah mich nach ihnen um und verstand dann besser, wie es zu diesem Gespräch kam, denn zumindest zwei der Männer waren von der Heilsarmee, der Schriftzug war hinten auf ihre Jacken gedruckt. Früher trug die Heilsarmee noch Phantasieuniformen und war von weitem zu erkennen, heute ist sie anscheinend bei roten Sportjacken mit dezentem Werbeaufdruck angekommen und damit fast zivil unterwegs, wie die Fahrkartenkontrolleure in der S-Bahn.

„Die Heilsarmee“ murmelte ich erklärend zu Birgit, die sich daraufhin umdrehte und die Gruppe ganz genau ansah. Merkwürdig genau sogar. Nach einer Weile erklärte sie mir auch warum: „Ah ja, die Heilsarmee“, sagte Birgit, „da gebe ich immer meine Altkleider hin.“ Sie sah immer noch prüfend die Männer an und ergänze dann ganz sachlich: „Von denen da trägt aber keiner was von meinen Sachen“.

„Nein“, sagte ich, „das wäre wohl auch erstaunlich, wenn die Jungs da in deinen abgelegten Röcken oder Blusen herumlaufen würden.“ Birgit lehnte sich wieder zurück: „Aber es wäre schön. Ich würde mal ganz direkt mitbekommen, daß irgendwas Sinn hat.“

„Du meinst“, sagte ich, „ein eventuelles Auftauchen der Heilsarmee in unserer Lieblingskneipe wäre für dich sinnstiftend, wenn sie dabei nur die richtigen Röcke tragen würden?“ „Es wäre absurd, ja, aber es wäre ein Zeichen von Sinn“, sagte Birgit, trank ihr Glas leer und dachte nach. „Erst durch das Absurde finden wir zum Sinn. Das solltest du dir unbedingt aufschreiben. Und mir noch einen Wein bestellen.“

„Aber gern“, sagte ich.

Wer weiß, am Ende hat sie recht.

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