Das Apartment in der Strandresidenz, in dem ich mit meiner Mutter in Travemünde wohnte, war nur klein und sehr hellhörig. Das erwies sich mit zunehmendem Alter als ungünstig für Telefonate, denn wenn ich das Ziel meiner jeweiligen jugendlichen Verliebtheit anrufen wollte, wäre ich dabei natürlich lieber allein gewesen. Die Telefone hingen damals aber noch fest an ihren Kabeln und konnten nicht wie heute beliebig weit durch die Wohnung in eine ausreichend abgeschiedene Ecke getragen werden. Das Kabel bei uns reichte gerade so weit, daß ich den Apparat auf den Fußboden vor meine Zimmertür stellen konnte und den Hörer an dem spiraligen Kabel gerade eben in das Zimmer bekam, aber das auch nur, wenn ich ordentlich daran zog. Das Schließen der Tür war dann leider nicht mehr richtig möglich und zum Telefonieren mußte ich mich daher vor den Türspalt knien, in dem das Kabel langsam brach, wenn ich bei brisanten Themen die Tür trotz Widerstand zuzumachen versuchte. Wirklich keine guten Voraussetzungen für ein entspanntes, langes Gespräch zum Zwecke der Liebesanbahnung. Ich wurde daher treuer Stammgast in der Telefonzelle am Strand. Ich habe viele Abende in ihr verbracht, zu jeder Jahrszeit, und wenn ich daran zurückdenke, belebt sich allmählich wieder die Erinnerung an die Telefonzelle als ein nahezu ausgestorbenes Kulturgut. Alleine und ungestört zu telefonieren war damals ein ganz anderer Vorgang als heute, wo jeder ein immer einsatzbereites Handy hat.

Es ist Dezember und es wird schon früh dunkel. Es nieselt den ganzen Sonntag, der sich unendlich hinzuziehen scheint, weil Susanna wider Erwarten einfach nicht anruft. Nichts ist so still wie eine Wohnung, in der das Telefon nicht klingelt, obwohl es doch dringend klingeln sollte und zwar schon seit Stunden. Die Uhr tickt im Regal, sonst hört man nichts, überhaupt nichts. Ich mühe mich redlich, nicht das Telefon anzustarren, ich starre krampfhaft in mein Buch, ich spiele so gut ich kann entspanntes Herumliegen. Ich denke „Susanna“, denn wenn ich es nur oft genug denke, ruft sie wahrscheinlich doch noch an. Susanna, Susanna, Susanna, Susanna, denke ich. Meine Mutter beobachtet mich amüsiert und als sie fragt, ob ich vielleicht auf einen Anruf warten würde, wie sie denn heißen würde und ob sie das Mädchen kennen würde, beschließe ich verzweifelt, umgehend Maßnahmen zu ergreifen. Nur weil Susanna nicht anruft, muß man sich ja nicht gleich ergeben, so ein Nichtanruf kann ja auch sehr gute Gründe haben. Vielleicht haben wir uns mißverstanden und sie wartet womöglich seit Stunden auf meinen Anruf? Starrt vielleicht sogar selbst jetzt gerade ihr Telefon an? Vielleicht hat sie meine Nummer verloren, vielleicht blockiert auch nur ihr doofer kleiner Bruder wieder einmal das Telefon? Ich ziehe mir in dem sicheren Gefühl, etwas vollkommen Sinnloses zu tun, aber immerhin doch etwas zu tun, meine Jacke an und gehe hinaus in den Regen.

Der Weg zur Telefonzelle ist kurz, nur wenige Minuten, aber immerhin lang genug, um durch und durch naß zu werden. Von der Ostsee her frischt der Wind auf und treibt mir den Regen quer entgegen, von den Linden am Straßenrand fallen die letzten Blätter naß und schwer, es ist ein widerlicher Abend. Die Kaiserallee liegt still und menschenleer, der Imbiß hat wegen des schlechten Wetters heute früher zugemacht, es ist kein Mensch unterwegs. Das Meer ist in der Dunkelheit nicht zu sehen, aber ich kann es hören, die unruhige Brandung, fernes Tuten von einem Fährschiff. Die grünen und roten Markierungen der Fahrrinne sind gerade eben noch weit draußen zu erkennen, winzige Leuchtpunkte im nassen Schwarz. Die Luft riecht kalt und fischig, weil der Sturm der letzten Tage Berge von zerfetztem Tang und Muscheln angespült hat, die jetzt am Ufer verrotten. Die wenigen Touristen, die im Winter hier sind, halten diesen gammeligen Geruch immer für besonders gesund, Touristen sind seltsam.

Die einzige Telefonzelle weit und breit ist hell erleuchtet und leer, ich habe Glück. Sie ist sehr oft besetzt, weil viele Menschen in den Apartmentbauten ringsum keine Telefone in ihren Wochenendwohnungen haben. Wenn sie besetzt ist, kann man im Regen oder im Schnee stehen und den Menschen in der Zelle so lange wahlweise böse oder verzweifelt ansehen, bis er entnervt auflegt und endlich geht, aber das kann dauern, denn jeder ist solche Blicke natürlich gewohnt, man dreht sich einfach um und sieht woanders hin, das hält man eine Weile aus. Auf dem Boden in der Nähe der Zelle liegen enorm viele Zigarettenkippen. Die Telefonzelle ist vollkommen verraucht, graublaue Rauchschlieren ziehen Kreise und als ich die Tür aufmache, kann ich im Licht der Straßenlaterne sehen, wie der Qualm langsam aufsteigt und draußen vom Wind und vom Regen aufgelöst wird. Ich gehe hinein und halte die Tür mit dem Fuß einen Spalt auf, der Wind pfeift durch diese Öffnung. Es ist noch ein anderer Geruch außer dem beißenden Qualm zu erkennen, ein Rest von Parfüm, es riecht ein wenig nach alter Dame. Und natürlich riecht es auch so, wie Telefonzellen immer riechen, etwas säuerlich nach regennassem Mensch, etwas süßlich nach dem alten, dünnen Papier der zerfetzten Telefonbücher. Die Lampe an der Decke gibt ein summendes Geräusch von sich, neben ihr sitzen noch zwei kleine Spinnen, die hier drin den Herbst überlebt haben. Ich setze mich auf das kippelige Drehgestell für die Telefonbücher, nehme den Hörer in die Hand, werfe zwanzig Pfennig ein und wähle Susannas Nummer. Ihr Vater meldet sich. Ich sage meinen Namen und frage nach Susanna, er sagt „Ach, du schon wieder.“ Ich drücke meine Stirn gegen die kalte Scheibe der Zelle, fahre mit dem Daumennagel die metallenen Ringe des Hörerkabels entlang: „Ja, ich. Ist sie da? Kann ich sie sprechen, bitte?“. Ihr Vater lacht leise, er klingt sehr amüsiert. Überhaupt klingen Erwachsene immer sehr amüsiert, wenn sie Fünfzehnjährige im Zustand fortgeschrittener Verliebtheit erleben, es ist gräßlich. „Verlorene Liebesmüh“, sagt Susannas Vater, denn er ist Lehrer und liebt solche Bemerkungen. Nein, Susanna sei nicht zu Hause und nein, es gäbe auch keine Nachricht für mich. Ich bedanke mich und lege auf. Vielleicht ist es ja auch gut, daß sie nicht da ist, ich hätte sowieso nicht gewußt, was ich hätte sagen sollen. Mir wird noch nachträglich ganz heiß von dem Gedanken, sie wäre da gewesen. Wahrscheinlich wäre es peinlich geworden. Vielleicht sollte ich ihr doch besser schreiben, da kann man seine Gedanken viel besser sortieren und muß vor allem auch nicht mit Vätern reden.

Ich kann mir gar nicht richtig vorstellen, jemals in ein anderes Mädchen als Susanna verliebt zu sein, aber da ich schon mal in der Telefonzelle bin, stecke ich noch mal zwanzig Pfennig in den Kasten und wähle die Nummer von Anne. Ihr Vater meldet sich. Ich lege auf, ohne etwas zu sagen. Ein kleiner Hund schnüffelt draußen an der Telefonzellentür und pinkelt dann dagegen. Sein Frauchen, eine gekrümmte alte Frau in einem durchsichtigen Plastikregenumhang guckt mich böse an und macht wütende Handzeichen, daß sie telefonieren möchte.

Ich hänge den Hörer ein und sehe aus Prinzip noch mal in das Geldrückgabefach. Da liegen tatsächlich vergessene zwanzig Pfennig, wahrscheinlich noch von der Dame vor mir. Immerhin.

%d Bloggern gefällt das: