Ich wachte auf und hörte Stimmen aus dem Schlafzimmer meiner Mutter. Der Mann, mit dem sie da sprach, klang allerdings nicht wie jemand, den ich kannte. Ich ging ihre Liebhaber in Gedanken durch, aber keiner paßte zu dieser leisen, etwas gepreßt klingenden Stimme, es mußte sich um einen Neuen handeln. Als der Fremde nach einer Weile an meinem Zimmer vorbei zur Toilette ging, trieb mich die Neugier aus meinem Zimmer und ich machte die Tür auf. Vor mir stand ein etwa dreißigjähriger Mann, der mich so panisch ansah, als wäre ihm soeben eine besonders schreckliche Ausgeburt der Hölle in den Weg getreten, womit er aus seiner Sicht auch nicht ganz falsch lag. Er war nackt und sah sich hektisch nach etwas um, mit dem er sich bedecken konnte, griff schließlich nach den Lübecker Nachrichten auf dem Wohnzimmertisch und hielt sie sich vor den Unterleib, was einigermaßen jämmerlich aussah. Überhaupt war er nicht gerade eine strahlende Erscheinung, er war sehr schmal, hatte dunkle, fusselige Haare am Kinn, die als Vollbart nicht recht überzeugten und er trug eine schwarze Hornbrille, die damals noch nicht etwa modisches Accessoire war, sondern den Verdacht nahelegte, seine Mutter hätte sie für ihn ausgesucht. “Guten Morgen”, sagte ich. Er blieb stehen und rückte mit beiden Händen die Zeitung zurecht, der dabei einzelnen Teile entfielen und zu Boden sanken, er sah hinunter und sagte nichts. Ich zeigte auf die Toilette und sah in fragend an. Er folgte meinem Finger mit dem Blick, verstand mich endlich, nickte und verschwand eilig mit sehr kleinen Schritten, wegen der Zeitung. “Nicht sehr gesprächig”, sagte ich zu meiner Mutter, die währenddessen auch aus dem Bett gekommen war und unsere Begegnung belustigt angesehen hatte. “Ach laß ihn mal”, sagte meine Mutter gähnend, “er hat einen Schock oder so. Er ist Pfarrer, weißt Du, und darf eigentlich nicht. Katholisch eben.” Ich sah sie erstaunt an: “Katholisch!?”.

“Also ein katholischer Pfarrer muß nun wirklich nicht sein”, sagte ich, obwohl die Situation unmißverständlich dahingehend zu deuten war, daß der Einwand zu spät kam. Meine Mutter rollte die Augen: “Alkohol und seine Wirkung. Hinterher weiß ich auch immer alles besser.” Der fremde Mann kam wieder aus dem Bad, er hatte sich dort zur Verteidigung seiner Blöße den seidenen Bademantel meiner Mutter angezogen, ein betont weibliches Kleidungsstück mit viel Spitze, das gänzlich ungeeignet war, seiner Selbstachtung auf die Beine zu helfen. “Hallo”, sagte er jetzt zu mir und lächelte verkrampft. “Das ist mein Sohn”, sagte meine Mutter. “Ja, hallo”, sagte der Mann noch einmal und sah dann wieder meine Mutter an, als würde er auf klarere Regieanweisungen warten.

“Er heißt Albert”, sagte sie zu mir mit einem Blick auf ihn, der dabei immer unsicherer von ihr zu mir guckte “Auch das noch”, sagte ich und genoß meine Rolle des wirklich nicht sehr netten jungen Mannes. Ich war fünfzehn Jahre alt und naturbedingt rebellisch, schon gar gegenüber älteren Männern. Ich war sowieso gerade, wie man etwas vereinfachend zusammenfassen kann, gegen alles und dieses “alles” umfaßte selbstverständlich auch die Kirche, für mich als Norddeutschen natürlich erst recht die überhaupt unvorstellbare katholische Kirche und ihre Vertreter. Ich war gegen alles, nur nicht gegen Susanna, wie ich doch einschränken muß, aber die wiederum war leider gegen mich. Ein Umstand, der nicht dazu beitrug, mich charmanter zu machen.

Albert suchte nach seiner Kleidung, die im Wohnzimmer verstreut auf dem Boden herumlag, er bückte sich nach jedem Stück, wobei er jeweils den Hauch von Bademantel mit der Hand eilig wieder zusammenraffte, wenn er sich aufrichtete, schließlich verschwand er mit dem ganzen Bündel auf dem Arm wieder im Bad. “Muß wohl wirklich nicht sein”, sagte meine Mutter leise, sah ihm nach und zündete sich eine Zigarette an. Ich setzte Kaffee auf.

Albert kam nach einer Weile wieder aus dem Bad, er war angezogen und hatte jetzt ein ganz normales, weißes Hemd an. Ich hatte mit einem besonderen Kragen gerechnet, aber sein Hemd war zu meiner Überraschung ganz gewöhnlich, wie jedes Herrenhemd. Dazu Jeans und Turnschuhe, sehr unauffällige Kleidung, er sah aus wie ein beliebiger Student, dem Alter nach im fortgeschrittenen Stadium. Allerdings fehlte im die Lockerheit eines normalen Studenten, in diesem Mann gingen vielmehr gerade unübersehbar schreckliche Dinge vor, er hatte rote Flecken im Gesicht und seine fahrigen Hände machten unentwegt halbe, unsichere Gesten, während er uns erklärte, daß er jetzt dringend losmüsse, wirklich ganz, ganz dringend. Er zog sich hüpfend seine Schuhe an und brauchte einige Versuche, bis er die Schnürsenkel zu vernünftigen Schleifen gebunden hatte. Er stand dann an der Eingangstür des Apartments, hatte eine Hand auf der Klinke, machte doch noch einen halben Schritt zu meiner Mutter hin, nahm den Fuß aber wieder zurück und blieb schließlich einfach unentschlossen im Flur stehen. Dieser Morgen überforderte ihn in jeder Beziehung. Meine Mutter winkte, ohne auf ihn zuzugehen, er ging schließlich hinaus und zog die Tür hinter sich zu, wir hörten noch seinen eiligen Schritt auf der Treppe, dann war er weg. “Ich leg mich wieder hin”, sagte meine Mutter.

Ich überlegte ein wenig und fragte dann, was mir die ganze Zeit schon nicht mehr aus dem Kopf ging: “Müssen die denn nicht immer diese Hemden tragen, mit dem komischen Kragen?” “Was weiß ich” sagte sie, drückte ihre Zigarette aus und ging zurück zu ihrem Schlafzimmer, “ich bin schon lange nicht mehr in der Kirche.”

Das war, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, der einzige Liebhaber, der nur eine Nacht da war.

%d Bloggern gefällt das: