Ich habe längere Zeit in einem kleinen Hamburger Antiquariat gearbeitet, einem Laden im Souterrain eines prachtvollen Altbaus aus der Gründerzeit. Es war kein edler Laden, obwohl durchaus auch kostbare Ware im Angebot war, es war eher unordentlich, staubig und auf eine geradezu romantische Art verbaut, verwinkelt und verworren. An jeder Wand gab es hohe Bücherregale bis zur Decke und da dieser Platz für das ganze Angebot nicht annähernd ausreichte, standen überall auf dem Boden kniehohe Bücherstapel, eine unabsehbare Menge von schiefen, immer einsturzbedrohten Gebilden voller Ramsch oder Erstausgaben, Romanen oder Lyrikbänden, je nachdem, wo man gerade hineingriff. Es erforderte viel Übung, sich schnell durch den Laden zu bewegen, ohne dabei diese Stapel umzustürzen, denn die Schneisen durch die Bücher waren nur schmal. Kunden, die sich zu hektisch durchwühlen wollten, richteten manchmal unabsichtlich beträchtliche Umwälzungen an, was sich aber als Vorteil für uns erwies, da sie aus Verlegenheit dann meist nicht wieder gingen, ohne etwas zu kaufen. Es kam vor, daß Kunden stundenlang auf dem Boden saßen und sich von Stapel zu Stapel durcharbeiteten, in langen Selbstgesprächen Titel und Autoren murmelnd, während Buch um Buch durch ihre Hände ging und von links nach rechts gestapelt wurde, ein schöner, friedlicher Anblick. Man hätte nicht sagen können, aus welcher Zeit die Einrichtung des Ladens stammte, denn sie war unter und hinter den Büchern einfach nicht zu sehen, abgesehen von einem kleinen Schreibtisch aus Teak, hinter dem ein löcheriger Korbsessel stand. Auf dem Schreibtisch stand eine kleine Blechkiste als Kasse.

Der Laden lief nicht sehr gut und hatte daher nur nachmittags auf, es lohnte sich einfach nicht, den ganzen Tag auf ausbleibende Kunden zu warten. Auch in den Nachmittagsstunden war das Geschäft oft nicht gut genug, um meine Arbeitsstunden zu finanzieren. Wenn am Abend nicht genug Geld in der Blechkasse lag, nahm ich daher statt dessen einfach Bücher mit nach Hause. Es war so oft nicht genug Geld da, daß ich noch heute an dem Literaturvorrat aus dieser Zeit lese, und es ist schon sehr lange her. Der Inhaber des Ladens, ein vollbärtiger Mann namens Herbert aus der 68er Generation, stand mit mir gemeinsam nachmittags stundenlang am Schaufenster. Wir sahen hinaus auf die Straße und amüsierten uns über die Kunden vor der Scheibe, die die Gesichter seltsam verzogen bei dem Versuch, alle Titel der im Fenster dekorierten Bücher zu lesen. Sie legten dabei die Köpfe schief und drehten sie hin und her wie neugierige Wellensittiche. Wenn sie nach oben sahen, zu den Büchern, die auf einem schmalen Regal ganz oben am Rand des Fensters standen, klappte bei allen der Unterkiefer herunter und sie starrten mit gerunzelter Stirn, zusammengekniffenen Augen und offenem Mund, einem denkbar ungünstigen Gesichtausdruck, auf die Bücher da oben. Wir wetteten darauf, welcher Kunde mit welchem Wunsch hereinkommen würde, eine Beschäftigung, in der es Herbert zu erstaunlichen Fähigkeiten brachte: „Der Trenchcoat da kommt gleich rein. Ernst-Jünger-Sammler“. Ich hörte bald auf mich zu wundern, wie oft er recht hatte, ich sah genau hin und lernte. Neben dem Schaufenster stand eine alte Nachtspeicherheizung, die seltsame Geräusche von sich gab, sie rumpelte von Zeit zu Zeit bedenklich und brummte nervös in unerklärlichen Rhythmen. Herbert sah die Heizung an, atmete hörbar ein und sagte mit leichtem Grinsen: „Die Heizung spuckt wieder Asbest. Atme tief ein, es wird uns eines Tages erlösen.“ Es schien mir wesentlich wahrscheinlicher, daß ihn sein beträchtlicher Rotweinkonsum eines Tages erlösen würde, aber das sagte ich natürlich nicht.

Wir kannten viele Kunden mit Namen, aber auch für etliche Kunden, die sich uns nie vorgestellt hatten, ergab sich irgendwann eine feste Bezeichnung, meist bezogen auf eine Besonderheit ihrer Erscheinung. Da gab es den strammen Rittmeister, die extrem kurzsichtige Maulwurfsfrau oder etwa den seltsam ölig und affektiert wirkenden Werbebengel. Und einer der Stammkunden hieß bei uns der Manessemann, weil er ausschließlich an Büchern aus dieser Reihe interessiert war und das auch nur, wenn sie tadellos erhalten waren, mit unbeschädigtem Schutzumschlag, ohne jeden Knick und natürlich mit perfektem, reinweißen Schnitt. Der Manessemann kam nicht gerade gerne in unseren Laden, der ihm viel zu unaufgeräumt und staubig war, aber er lief systematisch alle Antiquariate Hamburgs ab und wir standen nun mal auf seiner Liste. Er paßte genauestens auf, nichts im Laden zu berühren, wenn es nicht unbedingt sein mußte. Er hielt seine Hände vor der Brust in der Luft, wie ein Kind die Hände ängstlich vor einem fremden Hund hochhebt. Er wollte vermeiden, daß seine Finger etwa versehentlich irgendwo an den alten Büchern entlang streiften. Er guckte verbissen und konzentriert, wenn es sich nicht umgehen ließ, daß er hier und da ein Exemplar berühren mußte, um zu sehen, was dahinter war. Es schüttelte ihn förmlich, wenn er gezwungen war, etwas anzufassen und seine Finger zuckten zurück wie Schneckenfühler, wenn er versehentlich gegen eines der Regale kam. Es war ein Schauspiel, wenn er sich wie ein Schlangentänzer zwischen den einsturzbedrohten Bücherstapeln durchwand, um in allen Ecken nachzusehen, ob es nicht doch noch ein unentdecktes Bändchen von Manesse gab, irgendwo in der hintersten Ecke des Ladens vielleicht, ganz unten, in einem der zusammengefallenen Stapel. Er nahm die Suche sehr ernst, er war gründlich oder vielmehr pedantisch und er ließ sich viel Zeit.

Natürlich versteckten wir gelegentlich ein besonders schönes Exemplar für ihn in den Wirren der Unordnung. Man ist als Antiquar manchmal in dieser besonderen Rolle, Menschen sehr leicht beglücken zu können. Es war einfach herrlich zu sehen, wie er den Fund erst vorsichtig und spitzfingrig anstupste und berührte, ihn dann mit wachsendem Mut aufklappte und prüfend darin blätterte, wie er ihn endlich beherzt und fest in beide Hände nahm, dann an sein Herz drückte und umgehend zu uns zur Kasse trug. „Wie schön, sie haben etwas gefunden“, sagte ich dann ohne zu lachen. „Ja“, sagte er sehr zufrieden, „man muß nur immer genau genug gucken, dann findet man sogar bei ihnen was. Es war da ganz hinten, da unten. Bekomme ich es eine Mark billiger? Ich komme ja öfter.“ „Natürlich“, sagte ich, „kein Problem.“ Er legte mir die Markstücke einzeln auf den Tisch und schob das Buch vorsichtig in seine Jackentasche, um dann eilig aus der Hölle der Unordnung zu verschwinden.

Ich machte ihm die Tür auf, damit er die Klinke nicht berühren mußte. Er machte sich schmal und wand sich an mir vorbei, wobei er eine Hand schützend auf die Stelle der Jacke legte, unter der jetzt das Buch geborgen war, das sicherlich künftig in sehr ordentlicher Umgebung stehen würde, umgeben von unvorstellbar vielen ähnlichen Exemplaren aus demselben Verlag, wahrscheinlich mit einem Lineal ausgerichtet und zwölfmal am Tag abgezählt. Ein guter Tag für den Manessemann. Ich liebte es, Bücher zu verkaufen.

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