Die sechste Folge von Radio Merlix, diesmal mit einer Weihnachtsgeschichte aus Travemünde (heute auch bei Kaffe.Satz.Lesen in leicht anderer Version vorgetragen) und einem Lied meiner wunderbaren Freundin Andrea Schneider. Das Intro (La valse des heures) wird wie immer gespielt vom Collectif Unifié de la Crécelle. Der Podcast zum Hören hier:

Radio Merlix Folge 6

Und für Menschen ohne Soundkarte, Boxen, Kopfhörer etc. der Text zum Lesen hier:

Komm, wir gehen die Feen füttern

Der Ostwind kam von vorn, er war heftig und hundsgemein kalt, es hagelte winzige, scharfe Eiskörner und der Wanderweg an der Ostsee war dick vereist, es hatte früher am Tag noch lange geregnet. Wir gingen vorsichtig über die gefrorenen Pfützen auf dem schmalen, unebenen Weg, ruderten wild mit den Armen, um das Gleichgewicht trotz der Glätte zu halten und versuchten dabei dennoch, uns so tief in Mäntel und Schals zu vergraben, wie es nur irgend ging. Der von der aufgewühlten See gegen uns anstürmende, rauhe Wind fühlte sich an, als würde er Wunden in die Gesichtshaut schlagen. Hilde ging nach einer Weile einfach rückwärts weiter, um ihr Gesicht nicht mehr in den Hagel halten zu müssen, sie taumelte unsicher vor mir her und aus dem schmalen Schlitz zwischen dem hochgestellten Kragen ihres Pelzmantels und der dicken Strickmütze, die sie tief ins Gesicht gezogen hatte, hörte ich sie gedämpft lachen: „Sag mir lieber, wo ich hingehe, mein Jung, sonst lauf‘ ich ins Meer“. Sie stolperte schon nach ein paar Rückwärtsschritten zum ersten Mal und fiel hin, aber da sie durch mehrere Pullover unter dem Pelzmantel dick gepolstert war, machte es ihr nichts aus. Sie lag auf dem Rücken und strampelte mit den Beinen in der Luft. „Ich lieg hier wie ein dicker Maikäfer mit Fell“, sagte Hilde kichernd und hielt mir ihre Hände hin. Ich half ihr wieder auf die Füße. Sie ging wackelig und schwankend weiter, rutschte, stolperte und knickte ein, aber sie hatte dieses besondere Trinkerglück, das sie auf solchen Wegen auch brauchte. Keiner der Stürze schien ihr ernsthaft weh zu tun. Ihre Wangen glühten, sie war erhitzt von den ungewohnten Bewegungen und wohl auch noch von dem Glühwein, den sie vor unserem Gang noch schnell im Imbiß getrunken hatte.

Hilde hatte am frühen Nachmittag bei uns geklingelt. Sie stand vor der Tür, schon fertig angezogen wie für eine Expedition ins ewige Eis und sie balancierte einen großen Weihnachtsteller auf den Händen, einen mit bunten Tannenbäumen bedruckten Pappteller, der üppig mit Schokolade, Marzipan und Nüssen beladen war. „Zieh dich an, wir gehen die Feen füttern“, sagte sie zu mir und lehnte sich haltsuchend an den Türrahmen. „Heute ist der vierte Advent und das habe ich immer schon gemacht. Einen Schwung Süßigkeiten für Weihnachten in den Wald stellen, das freut die Feen und bringt dann auch noch Glück. Glaube ich jedenfalls“. Ich war es eigentlich gewohnt, daß Hilde seltsame Ideen hatte, aber diese war sehr seltsam. „Feen füttern? Bei dem Wetter?“ fragte ich und fror schon bei dem Gedanken, in diesen schauderhaften, eisigen Wind hinauszugehen, der schon den ganzen Tag um die Strandresidenz heulte. „Na, gerade bei dem Wetter“, sagte Hilde, „desto mehr Glück bringt es ja, wenn wir uns solche Mühe dafür geben müssen, denen was zu bringen.“ Ich hatte ihr seufzend zugestimmt, wohl wissend, daß es gar nicht so einfach war, ihr ein Vorhaben wieder auszureden. Meine Mutter lag mit einem Becher Tee auf dem Sofa und zeigte uns einen Vogel. „Wir gehen Schokolade opfern, für die Feen“, sagte ich zu ihr und zog mich an. Meine Mutter sah fröstelnd aus dem Fenster und rutschte wortlos tiefer unter ihre Decke.

Die Gaben auf dem bunten Teller schüttete Hilde in eine Tüte, mit der sie auf dem Weg wild herumschlenkerte. Alle paar Meter griff sie hinein, nahm ein Stück Marzipan oder Schokolade heraus und steckte es sich selbst oder mir in den Mund, denn bei der Kälte brauchte man viel mehr Kalorien, sagte sie kauend und mit vollen Backen. Wir kamen schließlich an ein Wäldchen und gingen hinein. „Hier“, sagte Hilde nach einer Weile und setzte sich schwer atmend auf einen Baumstumpf, nachdem sie die pulvrige Hagelschicht weggefegt hatte, „hier legen wir jetzt unsere Spenden hin.“ Sie schüttete die Tüte aus, aus der allerdings außer einigen Nüssen nichts mehr fiel, alles was an Marzipan und Schokolade darin gewesen war, hatte sie auf der kleinen Wanderung schon an uns beide verteilt. Das behagte mir nicht recht. Einerseits war klar, daß es gar keine Feen gab, aber anderseits: Wenn man ihnen schon Geschenke bringt, ist es irgendwie nicht nett, diese selbst zu essen und wie man aus Märchen weiß, soll man solche Wesen nicht betrügen. Auch dann nicht, wenn es sie gar nicht gibt. Hilde trat mit der Stiefelspitze gegen die herumrollenden Nüsse und sah noch mal in die Tüte, in der aber wirklich nichts mehr war. Ich sah auf die verlorenen Nüsse auf dem Waldboden, die jetzt schon halb im Schnee versunken waren: „Es sieht nicht so aus, als würde unser Geschenk großartige Freude auslösen können“, sagte ich. Hilde hatte einen Flachmann hervorgekramt, trank einen Schluck und bot mir den Rest an. Ich war erst 14 und Schnaps nicht gewohnt, der Korn brannte und loderte in mir, aber ich fror so sehr, daß ich gerne noch viel mehr davon getrunken hätte. Hilde schob den Flachmann wieder in ihre Manteltasche, sah ein wenig beschämt auf die Nüsse und sagte dann entschlossen: „Ach was, Feen brauchen auch eigentlich keine Schokolade von uns. Feen können sich Essen wünschen, die brauchen bestimmt nichts. Wir gehen wieder nach Hause und wärmen uns auf, mein Jung.“ Sie sah plötzlich aus, als würde sie gleich anfangen zu weinen. „Die Feen sind bestimmt fett genug“, sagte sie leise, „aber vielleicht bringen sie uns ja trotzdem Glück, weil wir immerhin hier waren und für sie gefroren haben. Ist doch auch was.“ „Ja, vielleicht“, sagte ich, aber es schien mir in Wahrheit nicht sehr wahrscheinlich, vor allem, weil es ja gar keine Feen gab, aber auch sonst. Hilde rappelte sich wieder hoch und zertrat dabei ein paar der Nüsse. Sie hakte sich bei mir ein und wir gingen langsam über den vereisten Weg nach Hause. Sie sagte, es wäre das erste Mal, daß sie den Feen kein vernünftiges Geschenk gebracht hätte und überlegte dann laut, daß es ja vielleicht auch schön sei, solche Rituale hinter sich lassen zu können. „Ich bin sechsundsechzig Jahre alt“, sagte sie, „ist wohl wirklich alt genug, den Kinderkram zu lassen.“ Sie kicherte und fügte dann augenzwinkernd hinzu: „Zumindest bis zur nächsten Weihnacht, mein Jung“.

Das nächste Weihnachten hat Hilde dann nicht mehr erlebt, sie starb im Frühjahr an einem Schlaganfall. Ich habe seitdem an jedem vierten Advent meines Lebens Feenfutter in den nächstbesten Wald geliefert, natürlich immer in reichlich bemessener Portion. Obwohl es sicher gar keine Feen gibt. Und auch obwohl sie, wenn es sie denn doch geben sollte und sie sich tatsächlich Essen selber wünschen könnten, wohl wirklich fett genug wären.

Aber – ich bin ein vorsichtiger Mensch.

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