Veranstaltungshinweis: Lesung Transit # 33

Transit

Am Dienstag, dem 6. Februar im Hamburger Kulturhaus III&70, Schulterblatt 73, Einlaß ab 20 Uhr 30, Beginn 21 Uhr, Eintritt 5.- Euro
Eine Lesung mit dem wunderschönen und vermeintlich sogar zur Lage der Nation passenden Motto „Aufschwung“.

Es lesen an diesem Abend:

Katharina Adler

Matias Grzegorczyk

Katharina Bendixen

Und ich – mit Dank an die Veranstalter für die freundliche Einladung!

Weitere Informationen zum Abend und zu der Lesereihe, veranstaltet vom mairisch Verlag und von Minimal Trash Art, findet man hier.

Tiger-Lily

Das Raumschiff gleitet geräuschlos durch den rotglühenden Morgen, die ersten Strahlen einer fremden Sonne spiegeln sich in der schwarzglänzenden Außenwand. Ich steuere die Geschwindigkeit mit einer dezenten Fingerbewegung, es wird langsamer und langsamer, die gewaltigen Antriebswerke summen leise und geradezu melodisch, während sie ihre Leistung herunterfahren. Ich kann jetzt auf dem Planeten unter mir deutlich ein weit ausgedehntes Meer erkennen, grau und träge schlagen Wellen an einen breiten, hellen Strand, auf dem keine Lebewesen zu sehen sind, seltsam viele Krater überziehen die Fläche. Die Außentemperatur ist angenehm, bei zwanzig Grad, nach den Instrumenten vor mir zu urteilen ist in der Atmosphäre da draußen sogar genug Sauerstoff, um frei atmen zu können.

Das ist auch gut so, daß da Sauerstoff ist, denn sonst würde ich vermutlich vom Fahrrad fallen. Von dem schwarzen Kinderfahrrad mit der ewig defekten Gangschaltung, das jetzt gerade mein Raumschiff ist und mit dem ich am Strand von Travemünde entlang fahre, auf dem Weg zum Bus, um nach Lübeck zur Schule zu fahren. Die gewaltigen Antriebswerke, die eigentlich meine Beine sind, beschleunigen den Antrieb wieder, das passende Geräusch dazu summe ich vor mich hin. Das Strampeln ist anstrengend, denn das Rad fährt hartnäckig im falschen Gang, aber das macht nichts, denn in Wahrheit sitze ich ja sehr bequem in einem futuristischen Cockpitsessel, vor der Steuerkonsole eines extrem schnittigen Raumgleiters. Ich muß meine Füße auf den kreisenden Pedalen gar nicht zur Kenntnis nehmen, denn ich bin zwölf Jahre alt und ich habe gestern einen Science-Fiction-Film gesehen, das reicht vollkommen aus, um die Wirklichkeit sehr erfolgreich und konsequent abzuwehren. Die fremde Sonne in dem seltsamen Orangeton beleuchtet jetzt die Wellen am Strand, sie funkeln hell und rötlich während sie brechen und hoch darüber gleiten viele winzige, solarbetriebene Erkundungsdrohnen, die man bei genauerem Hinsehen auch für ordinäre Möwen halten könnte, aber man muß ja nicht näher hinsehen. Nichts könnte mich von der Überzeugung abbringen, mit modernster Technik in extremem und gewagten Tiefflug über einen fremden Strand zu gleiten, gar nichts. Nicht die Linden am Straßenrand der Kaiserallee, die mir als seltsame, merkwürdig hochgewachsene und mutierte Flechten erscheinen, nicht die leeren Strandkörbe auf dem Sand, die doch nur Sehrohre und Belüftungsanlagen einer feindlichen Macht sind, die da unterhalb des Meeres vermutlich in gigantischen Tunnelsystemen lebt. Nein, nichts kann mich irritieren, gar nichts – außer vielleicht dem weißen Pferd, das mich jetzt gerade auf meiner linken Seite überholt.

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Brötchen und Beratung

Als ich heute morgen fluchend und knurrend die Biobäckerei bei uns um die Ecke betrat, wirkte ich fraglos ein wenig schlecht gelaunt, denn meine beiden schweren Einkaufstaschen, mein Schal, der Türgriff und ich verhedderten uns ein wenig ineinander, was für meine ohnehin grippal geschädigte Stimmung nicht eben förderlich war. Die Brötchenverkäuferin hinter der Theke, die mich milde lächelnd beobachtete, während ich Tüten neu sortierte und nur sehr mühsam der Versuchung widerstand, meine diversen herumkullernden Einkäufe quer durch den Laden zu treten, sagte in offensichtlich strahlender Laune zu mir:

„Na, na. Sie müssen das mal so sehen: Sie haben die Einkäufe schon geschafft. Gleich haben sie auch leckere Brötchen. Bestimmt wartet ihre Frau zuhause mit dem Frühstück auf sie und der Kaffee läuft wahrscheinlich jetzt gerade durch. Den Rest des Wochenendes haben sie frei. Eigentlich geht es ihnen gut – sie könnten mich auch einfach mal anlächeln.“

Mit anderen Worten, das Umweltbewußtsein in Biobäckereien erstreckt sich offensichtlich auch auf das seelische Klima der Kundschaft, faszinierend. Bei der nächsten Depression wende ich mich gleich vertrauensvoll an die Bäckereifachverkäuferin meines Vertrauens.

Schmuddel-Lehmann

Wenn man in einem Antiquariat arbeitet, das nicht gerade direkt gegenüber einer Universität liegt, hat man sehr viel Zeit. Der Laden ist oft leer, die Auslage im Fenster bleibt unbeachtet, die Tür geht nicht auf, das Telefon steht still. Es gibt kaum je Laufkundschaft, die etwa wegen der alten Ausgaben der Inselbücherei im Schaufenster anhalten würde. Es gibt auch selten Menschen, die im Vorbeigehen, während ihr Blick aus dem Augenwinkel auf das Firmenschild fällt, bemerken, daß man doch gerade jetzt endlich mal eine Goethegesamtausgabe mitnehmen könnte. Nein, in ein Antiquariat geht man eher gezielt und nicht jeden Tag, daher kommen die Kunden nicht scharenweise und wenn sie kommen, hat man Zeit, mit ihnen zu reden. Sehr viel Zeit. Ein nicht eben kleiner Teil dieser Kundschaft besteht aus Kollegen, denn die Inhaber und Angestellten von Antiquariaten beschäftigen sich ausführlich damit, nachzusehen, was die Konkurrenz gerade hat, man geht regelmäßig auf Tour und klappert die Läden im Umfeld ab. Bei der endlosen Fülle von Sammel- und Spezialgebieten gibt es immer etwas zu finden, zu tauschen, zu erkunden und zu verhandeln, man kann fachsimpeln, Gerüchte austauschen und auch über stadtbekannte Stammkunden und fanatische Sammler reden. In Antiquariaten arbeiten oft seltsame Menschen, schräge und verschrobene Typen und ich habe es damals, vor nun schon zwanzig Jahren, sehr genossen, den Gesprächen dieser oft etwas weltfremden, aber doch immer geistreichen Buchmenschen zu folgen.

Wenn Kollegen kamen, holte ich Kaffee aus der Bäckerei nebenan und wir setzten uns damit auf die am besten tragenden Bücherstapel der Bildbände aus der Kunstabteilung, auf die summende Heizung oder halb in das Schaufenster. Wir schlichen uns über ausgetretene Gesprächspfade, auf denen man am Wetter vorbeikam, am Verfall des Stadtteils, am Niedergang des Buchmarktes und an der allgemeinen kulturellen Verwahrlosung allmählich an die entscheidende Frage an: „Wer hat gerade was?“. Die Kollegen suchten für den Schwerpunkt ihres Ladens oder im Kundenauftrag, sie suchten nach Werken über Botanik, nach einzelnen Ausgaben von Heinrich Mann, nach Erstausgaben von Rilke, nach Handschriften von Schmitt-Rottluff oder nach einzelnen Blättern von Künstlern, die nur einen ganz kurzen Augenblick in der Geschichte einmal ein klein wenig bekannt waren. Man suchte nach allem nur Denkbaren und zu allen Themen gab es Spezialisten, es gab das absurdeste Fachwissen und immer, immer gab es jemanden, für den es furchtbar ernst war, weil er bereits Jahrzehnte voll glühender Sammlerleidenschaft investiert hatte. Daher behandelte man auch alle Themen mit Vorsicht, denn es war zwar klar, daß etwa die Sammler von Karl May meist eindeutig nicht ganz bei Trost waren, aber man verstand doch mitfühlend den Wahn der Sammler und Kenner. Als Antiquar erwirbt man natürlich mit der Zeit mehr oder weniger große Brocken auch seltsamen Fachwissens schon durch die Gespräche mit den Kunden und so führt man bei einer Tasse Kaffee, auf einem wackeligen Bücherstapel hockend, die ernstesten Gespräche zu den absonderlichsten Themen. Wenn es nur lukrativ wäre, man könnte es für einen Traumberuf halten.

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Hamburger Kammerspiele: Warten auf Godot

Estragon: Wir finden doch immer was, um uns einzureden, daß wir existieren, nicht wahr Didi?
Wladimir: Ja ja. Wir sind Zauberer.
(Samuel Beckett: Warten auf Godot)

Meine Freundin Andrea und ich mußten die dringenden und endlos wiederholten Warnungen aus dem Radio, das Haus doch besser wegen des ungeheuren Orkans nicht zu verlassen, gestern stur ignorieren, wir hatten Theaterkarten. Für etwas Kultur kann man sich ja schon mal durch ein schweres Unwetter wagen, Sturm hin oder her, ob nun Dachziegel durch die Gegend fliegen oder nicht – das vermittelt so schön und befriedigend das Gefühl, sich für höhere Werte eingesetzt zu haben.

Und der Abend war herrlich, einfach herrlich. Wer Hamburg erreichen kann und sich für Theater interessiert, möge da doch bitte noch hingehen, es lohnt sich (Vorführungen noch bis zum 18. Februar). Eine ungewöhnlich spritzige Inszenierung (Michael Bogdanov) des sperrigen Stückes, was für ein unterhaltsamer Abend, was für großartige Schauspieler! Vor karger Trümmerkulisse (Sean Crowley) warten Wladimir (Johannes Silberschneider) und Estragon (Timo Dierkes) als mit Sätzen jonglierendes Lumpenduo, sie spielen mit Leidenschaft und überraschend burleskem Schwung, der seltsame Text sprudelt nur so dahin. Der Herrenmensch Pozzo (Gerhard Garbers), der bei ausbleibendem Zuspruch binnen Sekunden beeindruckend verfällt, ist so kalt, so aasig, so jämmerlich wie man es sich nur vorstellen kann. Der Abend lohnt sich aber auch und vor allem wegen seines verbrauchten und heruntergekommenen Dieners Lucky, für dessen langen und exzessiven Denk-Monolog Roland Renner sehr verdient reichlich Szenen-Applaus bekam. Man vergißt zu atmen, während er spricht. Ein großer Spaß, ein absurder Spaß und natürlich – falls jemand das Stück nicht kennt – eigentlich überhaupt nicht komisch.

Und während man im Theater auf Godot wartete, warteten draußen Hunderttausende auf ihre nicht fahrenden Züge, da hat der Bogdanov vielleicht etwas übertrieben. Aber sonst: Ein sehr guter Theaterabend. Unbedingt empfehlenswert.