Die alte Dame im Wartezimmer war blind. Sie hatte eine getönte Brille auf, das gelbe Abzeichen mit den schwarzen Punkten am Revers und vor ihr lag ein Blindenhund, ein großer Schäferhund in einem weißen Spezialgeschirr. Die Dame trug einen bodenlangen Pelzmantel, den sie nicht auszog, sie trug eine dazu passende Pelzmütze, die sie nicht absetzte. Ihre Mundwinkel hingen tief, ihr Gesichtsausdruck sah aus, als hätte sich eine jahrzehntelange Mißbilligung darin festgefressen. Sie wirkte, als wäre sie angewidert. Von allem und schon immer. Sie trug eine Armbanduhr, die auf Knopfdruck mit roboterhafter Stimme die Uhrzeit sagte: „Es ist neun Uhr und zwanzig Minuten“. Sie drückte diesen Knopf etwa alle zwei Minuten. Ein Mann, der in das Wartezimmer kam, bückte sich zu dem Hund, streichelte ihn und sagte: „Na so ein feiner Hund“. Tatsächlich war es ein ausgesprochen schöner und edel aussehender Hund, der dort in tadelloser Ruhe neben seinem Frauchen lag und wartete. Die alte Dame drehte ohne zu lächeln das Gesicht zu dem Mann, sie zog den Hund an der Leine ruckartig etwas zu sich heran und brummelte etwas, das nicht genau zu verstehen war, aber doch ähnlich klang wie „Dreckstöle, dämliche“.

Der Mann, der wohl annahm, die Dame wäre auch noch schwerhörig, sagte jetzt in lauterer Stimme zu ihr: „Da haben sie aber einen feinen Hund an ihrer Seite!“. Die Dame antwortete unvermittelt laut und in wütender, keifender Stimmlage: „Ach was! Wegen des Hundes mag mich keiner, die Leute reden schlecht über mich! Nur weil ich ihn ab und zu mal zur Ordnung rufen muß! Man sagt, ich wäre unleidlich! Unleidlich! Ich!“ Sie brüllt die Sätze, man wußte nicht recht ob aus aufgestauter Wut oder wegen eines Hörproblems. Der Mann drückte sein Unverständnis aus und einige andere Patienten, die daneben saßen, beteuerten ebenfalls, daß das aber wirklich sehr eigenartig sei.

Eine Sprechstundenhilfe bat die Dame zum Arzt. Sie stand ächzend auf und tastete nach dem Geschirr des Hundes. Da der Hund nicht sofort losging, gab sie ihm einen für ihr Alter überraschend kräftigen Tritt, daß er heulend gegen eine Stuhlreihe flog. Zwei Stühle fielen um und der erschreckte Hund zog in die andere Richtung, von dem Krach weg. Die Dame hielt ihn zurück und schlug mit dem langen Ende der Leine auf ihn ein: „Sauvieh! Wirst du wohl! Verdammtes Stück!“ Sie schob ihn mit dem Fuß vor sich her aus dem Wartezimmer.

Der Mann, der mit ihr geredet hatte, sah ihr sprachlos nach.

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