Die Damen und Herren, die in der Filiale der Post im Hamburger Hauptbahnhof arbeiten, haben weiß Gott keinen leichten Job. Es ist dort an jedem Tag ab der ersten Öffnungsminute brechend voll und die Kundschaft hat es immer sehr eilig, denn alle sind auf dem Weg irgendwohin, es stöhnt und jammert allenthalben in der Warteschlange, grummelnde Menschen sehen auf Armbanduhren, gucken drohend, scharren mit den Füßen, stöhnen hörbar und zischeln genervt. Die zahlreichen Alkoholiker vom Bahnhofsvorplatz, die hier siebenmal am Tag hoffnungsvoll lallend ihren Kontostand abfragen, kann man bei allem Verständnis für ihre Lage durchaus als anstrengende Kundschaft bezeichnen, sie machen den Arbeitsablauf in der Post auch nicht eben einfacher. Man versteht als Kunde sehr schnell, daß die Angestellten etwas überfordert sind und man sieht auch sehr deutlich, daß es immer zu wenig Angestellte sind.

Man muß aber auch nicht alles verstehen. Wenn beispielsweise ein junger Farbiger am frühen Morgen eine banale Frage nach einem Portowert etwas radebrechend aber deutlich bemüht halb auf Deutsch und halb auf Englisch formuliert, dann muß die Antwort des offensichtlich recht stramm gesonnenen Postangestellten gewiß nicht wörtlich und reichlich zackig lauten: “Wenn sie hier in Deutschland was wollen, lernen sie gefälligst erstmal Deutsch!”

Schön und fast märchenhaft aber, daß nach diesem unfreundlich gebrüllten Satz etwa zwei Drittel der wartenden Menschen in der Schlange einfach so, ohne großes Aufsehen, in stillem Widerstand aus der Filiale gehen. Erst dreht sich einer um und geht kopfschüttelnd, dann zwei, dann mehr und mehr. Mit den Paketen unter dem Arm, mit den Briefen in der Hand. Der Mann von der Post sagt versuchsweise und beifallheischend ein zögerndes “ist doch wahr” in die Menge – aber niemand stimmt ihm zu, seine beiden Kolleginnen sehen bemüht weg, er guckt irritiert in die Schlange der Wartenden, aus der heraus nun aber niemand mehr zu seinem Platz gehen möchte.

Es hat ja auch durchaus etwas Angenehmes, wenn man die Woche mit etwas Haltung beginnen kann.

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