Estragon: Wir finden doch immer was, um uns einzureden, daß wir existieren, nicht wahr Didi?
Wladimir: Ja ja. Wir sind Zauberer.
(Samuel Beckett: Warten auf Godot)

Meine Freundin Andrea und ich mußten die dringenden und endlos wiederholten Warnungen aus dem Radio, das Haus doch besser wegen des ungeheuren Orkans nicht zu verlassen, gestern stur ignorieren, wir hatten Theaterkarten. Für etwas Kultur kann man sich ja schon mal durch ein schweres Unwetter wagen, Sturm hin oder her, ob nun Dachziegel durch die Gegend fliegen oder nicht – das vermittelt so schön und befriedigend das Gefühl, sich für höhere Werte eingesetzt zu haben.

Und der Abend war herrlich, einfach herrlich. Wer Hamburg erreichen kann und sich für Theater interessiert, möge da doch bitte noch hingehen, es lohnt sich (Vorführungen noch bis zum 18. Februar). Eine ungewöhnlich spritzige Inszenierung (Michael Bogdanov) des sperrigen Stückes, was für ein unterhaltsamer Abend, was für großartige Schauspieler! Vor karger Trümmerkulisse (Sean Crowley) warten Wladimir (Johannes Silberschneider) und Estragon (Timo Dierkes) als mit Sätzen jonglierendes Lumpenduo, sie spielen mit Leidenschaft und überraschend burleskem Schwung, der seltsame Text sprudelt nur so dahin. Der Herrenmensch Pozzo (Gerhard Garbers), der bei ausbleibendem Zuspruch binnen Sekunden beeindruckend verfällt, ist so kalt, so aasig, so jämmerlich wie man es sich nur vorstellen kann. Der Abend lohnt sich aber auch und vor allem wegen seines verbrauchten und heruntergekommenen Dieners Lucky, für dessen langen und exzessiven Denk-Monolog Roland Renner sehr verdient reichlich Szenen-Applaus bekam. Man vergißt zu atmen, während er spricht. Ein großer Spaß, ein absurder Spaß und natürlich – falls jemand das Stück nicht kennt – eigentlich überhaupt nicht komisch.

Und während man im Theater auf Godot wartete, warteten draußen Hunderttausende auf ihre nicht fahrenden Züge, da hat der Bogdanov vielleicht etwas übertrieben. Aber sonst: Ein sehr guter Theaterabend. Unbedingt empfehlenswert.

%d Bloggern gefällt das: