Wenn man in einem Antiquariat arbeitet, das nicht gerade direkt gegenüber einer Universität liegt, hat man sehr viel Zeit. Der Laden ist oft leer, die Auslage im Fenster bleibt unbeachtet, die Tür geht nicht auf, das Telefon steht still. Es gibt kaum je Laufkundschaft, die etwa wegen der alten Ausgaben der Inselbücherei im Schaufenster anhalten würde. Es gibt auch selten Menschen, die im Vorbeigehen, während ihr Blick aus dem Augenwinkel auf das Firmenschild fällt, bemerken, daß man doch gerade jetzt endlich mal eine Goethegesamtausgabe mitnehmen könnte. Nein, in ein Antiquariat geht man eher gezielt und nicht jeden Tag, daher kommen die Kunden nicht scharenweise und wenn sie kommen, hat man Zeit, mit ihnen zu reden. Sehr viel Zeit. Ein nicht eben kleiner Teil dieser Kundschaft besteht aus Kollegen, denn die Inhaber und Angestellten von Antiquariaten beschäftigen sich ausführlich damit, nachzusehen, was die Konkurrenz gerade hat, man geht regelmäßig auf Tour und klappert die Läden im Umfeld ab. Bei der endlosen Fülle von Sammel- und Spezialgebieten gibt es immer etwas zu finden, zu tauschen, zu erkunden und zu verhandeln, man kann fachsimpeln, Gerüchte austauschen und auch über stadtbekannte Stammkunden und fanatische Sammler reden. In Antiquariaten arbeiten oft seltsame Menschen, schräge und verschrobene Typen und ich habe es damals, vor nun schon zwanzig Jahren, sehr genossen, den Gesprächen dieser oft etwas weltfremden, aber doch immer geistreichen Buchmenschen zu folgen.

Wenn Kollegen kamen, holte ich Kaffee aus der Bäckerei nebenan und wir setzten uns damit auf die am besten tragenden Bücherstapel der Bildbände aus der Kunstabteilung, auf die summende Heizung oder halb in das Schaufenster. Wir schlichen uns über ausgetretene Gesprächspfade, auf denen man am Wetter vorbeikam, am Verfall des Stadtteils, am Niedergang des Buchmarktes und an der allgemeinen kulturellen Verwahrlosung allmählich an die entscheidende Frage an: “Wer hat gerade was?”. Die Kollegen suchten für den Schwerpunkt ihres Ladens oder im Kundenauftrag, sie suchten nach Werken über Botanik, nach einzelnen Ausgaben von Heinrich Mann, nach Erstausgaben von Rilke, nach Handschriften von Schmitt-Rottluff oder nach einzelnen Blättern von Künstlern, die nur einen ganz kurzen Augenblick in der Geschichte einmal ein klein wenig bekannt waren. Man suchte nach allem nur Denkbaren und zu allen Themen gab es Spezialisten, es gab das absurdeste Fachwissen und immer, immer gab es jemanden, für den es furchtbar ernst war, weil er bereits Jahrzehnte voll glühender Sammlerleidenschaft investiert hatte. Daher behandelte man auch alle Themen mit Vorsicht, denn es war zwar klar, daß etwa die Sammler von Karl May meist eindeutig nicht ganz bei Trost waren, aber man verstand doch mitfühlend den Wahn der Sammler und Kenner. Als Antiquar erwirbt man natürlich mit der Zeit mehr oder weniger große Brocken auch seltsamen Fachwissens schon durch die Gespräche mit den Kunden und so führt man bei einer Tasse Kaffee, auf einem wackeligen Bücherstapel hockend, die ernstesten Gespräche zu den absonderlichsten Themen. Wenn es nur lukrativ wäre, man könnte es für einen Traumberuf halten.

Es gab auch Kollegen, die wir nicht ganz so gerne sahen. Etwa den Menschen, der das Geschäft führte, das nur einen Block entfernt war. Ein geistloser Mensch, ein Dummkopf geradezu, der entsetzlich viel sprach und seinen Laden mit einer Vertretermentalität führte, als hätte er nicht Bücher darin stehen, sondern irgendeine vollkommen beliebige Ware. Er war nicht belesen, er kannte sich auf keinem Fachgebiet wirklich aus, wohl aber in Preisen und er begann Sätze gerne und oft mit der Einleitung “Ich als korrekter Kaufmann…” und er endete dann stereotyp mit der Formel: “Man muß Masse machen.” Eine nervtötende Erscheinung, ein Gebrauchtbuchhändler, der sich für keinerlei Inhalte erwärmen konnte.

Und es gab auch einen Kollegen der noch wesentlich unbeliebter war, denn es gab Schmuddel-Lehmann. Ein dicker Mann in den Fünfzigern, ewig schwitzend und schwer atmend. Er trug hoffnungslos unmodern gewordene, bunte Hemden aus den Siebzigern, er trug Goldkettchen um den Hals und an den Handgelenken und er schreckte auch nicht vor Krawatten zurück, auf denen sich halbnackte Hulatänzerinnen dem Betrachter lasziv entgegenräkelten. Schmuddel-Lehmann war eine wandelnde Geschmacklosigkeit und wenn er einen Raum betrat, sank das Niveau geradezu spürbar. Er war in vergnügter Stimmung, wenn er den Laden betrat, er war von einem vollkommen unerschütterlichen Frohsinn und wenn man sah, wie er sich, nachdem er sich gesetzt hatte, mit beiden Händen wohlig über die Wölbung seines Bauches strich, war deutlich zu erkennen, daß er mit sich und der Welt zufrieden war. Er trank einen Schluck Kaffee, sah über seine goldgefaßte Brille hinweg suchend in die hintersten Ecken des Ladens und fragte meinen Chef Herbert und mich: “Na Jungs, wie isses denn. Habt ihr was da für mich? Militaria? Erotika?” Wobei er die letzten beiden Worte eher aussprach wie “Milidooria” und “Eroodika”, mit einem leicht gerollten R und einem unangenehm lüsternem Absenken der Stimme. “Zeigt mal her, den Plunder”.

Schmuddel-Lehmann hatte ein Antiquariat in einer eher unappetitlichen Ecke der Stadt und er war, das konnte man nicht anders sagen, ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann. Sein Laden wurde nachts durch Rollgitter und Stahltüren gesichert, wie man es sonst nur von Juwelieren kannte, in seinem Geschäft gab es dennoch fraglos den Hamburger Einbruchsrekord für Bücherläden. Schmuddel-Lehmann verkaufte ungeniert Pornographie und Bücher aus der Nazizeit, verboten oder nicht, wenn man nur richtig fragte, hatte er die Ware, Bückware sozusagen. Bei ihm kauften seltsame Typen alte Landserhefte und Prachtbände von Parteitagen aus der NS-Zeit, hier gab es eine unvorstellbare Menge von trivialsten Softerotikromanen, es gab alte, zerblätterte Penthousehefte bündelweise zum Spottpreis, hier konnte man gebraucht und günstig auch all das kaufen, was man neuwertig in den Bücherecken der Sexshops ein paar Meter weiter bekam. Das Ladengeschäft wurde von seiner Frau geführt, einer unfreundlichen, resoluten Dame, deren Ruppigkeit vielleicht aber nur an der besonderen Kundschaft lag. Er ging jeden Tag auf Tour und graste Hamburg nach Ware ab. Er hatte vor langer Zeit alle Hemmungen bezüglich der Auswahl seiner Bücher verloren, obwohl er dem Hörensagen nach einmal mit einem normalen Antiquariat begonnen hatte. Als seine Gegend verfiel, machte er einfach mit und bot den Kunden genau das, was sie anscheinend wollten: Schweinkram. Keinen raffinierten, bizarren Schweinkram für den exaltierten Intellektuellen, nein, einfach ordinären Schweinkram für den niederen Bedarf. Man wußte nicht, ob er jemals eine eigene, womöglich nachweisbare Moral besessen hatte, er war mittlerweile ganz offenkundig vollkommen frei davon. Schmuddel-Lehmann war ein gesellschaftliches Desaster, aber er verstand es, zu Geld zu kommen.

Die Kunden, die damals nach rechtslastiger Literatur suchten, waren oft jene, die damals dabei gewesen waren, es gab noch keine nennenswerte junge, ultrarechte Szene. Er und seine Frau bedienten alle, auch die mit den seltsamsten Wünschen, sie fragten nicht nach, sie verkauften. Alles, was in den Antiquariaten umher als unverkäuflich betrachtet wurde, als zu schlecht, zu verkommen, zu eklig – es landete bei Schmuddel-Lehmann.

“Na Jungs, habt ihr was?”, fragte er uns, um dann genüßlich über den Preis für drei Jahrgänge Praline zu verhandeln. Als gestandener Altachtundsechziger verkaufte Herbert keine Naziware, aber es gab auch aus der Gründerzeit genug deutsches Jubelwerk mit viel Gold und Leder, das Schmuddel-Lehmann gerne mitnahm, während es bei uns wie Blei liegengeblieben wäre. “Hol mal den Tschingbumm-Karton”, sagte Herbert zu mir und ich wuchtete dem Gast etliche Kilo vor die Füße, in denen er dann vergnügt pfeifend blätterte. Bildbände über die deutsche Marine, gereimte und privat gedruckte Lobeshymnen auf den Kaiser, die große, farbige Ordenskunde des Deutschen Reiches, die Geschichte der Militäruniformen im neunzehnten Jahrhundert. Er zahlte einen lächerlich geringen Preis dafür. Natürlich verkaufte keiner der seriösen Kollegen nach eigenen Aussagen wirklich schlimme Werke an Schmuddel-Lehmann, warum dann aber dessen Laden trotzdem immer voll mit Ware der übelsten Art war – wer weiß. Schmuddel-Lehmann sprach nicht über seine Quellen, er fuhr von Laden zu Laden, sprach hier und da, wühlte in Grabbeltischen und vermoderten Kartons, besuchte Witwen und nahm ihnen das obskure Büchererbe ab, das ihnen ihr Mann hinterlassen hatte, der damals, sie wissen schon, doch mal ein hohes Tier war, also ganz oben. Schmuddel-Lehmann nickte, pfiff vergnügt und zahlte.

“Nehme ich alles mit Jungs”, sagte er zu uns. “Und danke für die Plörre hier.” Er stellte die leere Kaffeetasse auf den Boden, stand mit einiger Mühe wieder auf und zog sein pralles Portemonnaie aus der Hosentasche. Er warf einen Schein auf den Schreibtisch, gab uns seine dicke Hand, deren Innenfläche sich unangenehm empor wölbte, zog den Karton hinter sich her und ging schnaufend aus der Tür: “Und nicht vergessen, Lehmann kauft alles!”

Auch der Buchhandel hatte seine Abdecker.

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