Das Raumschiff gleitet geräuschlos durch den rotglühenden Morgen, die ersten Strahlen einer fremden Sonne spiegeln sich in der schwarzglänzenden Außenwand. Ich steuere die Geschwindigkeit mit einer dezenten Fingerbewegung, es wird langsamer und langsamer, die gewaltigen Antriebswerke summen leise und geradezu melodisch, während sie ihre Leistung herunterfahren. Ich kann jetzt auf dem Planeten unter mir deutlich ein weit ausgedehntes Meer erkennen, grau und träge schlagen Wellen an einen breiten, hellen Strand, auf dem keine Lebewesen zu sehen sind, seltsam viele Krater überziehen die Fläche. Die Außentemperatur ist angenehm, bei zwanzig Grad, nach den Instrumenten vor mir zu urteilen ist in der Atmosphäre da draußen sogar genug Sauerstoff, um frei atmen zu können.

Das ist auch gut so, daß da Sauerstoff ist, denn sonst würde ich vermutlich vom Fahrrad fallen. Von dem schwarzen Kinderfahrrad mit der ewig defekten Gangschaltung, das jetzt gerade mein Raumschiff ist und mit dem ich am Strand von Travemünde entlang fahre, auf dem Weg zum Bus, um nach Lübeck zur Schule zu fahren. Die gewaltigen Antriebswerke, die eigentlich meine Beine sind, beschleunigen den Antrieb wieder, das passende Geräusch dazu summe ich vor mich hin. Das Strampeln ist anstrengend, denn das Rad fährt hartnäckig im falschen Gang, aber das macht nichts, denn in Wahrheit sitze ich ja sehr bequem in einem futuristischen Cockpitsessel, vor der Steuerkonsole eines extrem schnittigen Raumgleiters. Ich muß meine Füße auf den kreisenden Pedalen gar nicht zur Kenntnis nehmen, denn ich bin zwölf Jahre alt und ich habe gestern einen Science-Fiction-Film gesehen, das reicht vollkommen aus, um die Wirklichkeit sehr erfolgreich und konsequent abzuwehren. Die fremde Sonne in dem seltsamen Orangeton beleuchtet jetzt die Wellen am Strand, sie funkeln hell und rötlich während sie brechen und hoch darüber gleiten viele winzige, solarbetriebene Erkundungsdrohnen, die man bei genauerem Hinsehen auch für ordinäre Möwen halten könnte, aber man muß ja nicht näher hinsehen. Nichts könnte mich von der Überzeugung abbringen, mit modernster Technik in extremem und gewagten Tiefflug über einen fremden Strand zu gleiten, gar nichts. Nicht die Linden am Straßenrand der Kaiserallee, die mir als seltsame, merkwürdig hochgewachsene und mutierte Flechten erscheinen, nicht die leeren Strandkörbe auf dem Sand, die doch nur Sehrohre und Belüftungsanlagen einer feindlichen Macht sind, die da unterhalb des Meeres vermutlich in gigantischen Tunnelsystemen lebt. Nein, nichts kann mich irritieren, gar nichts – außer vielleicht dem weißen Pferd, das mich jetzt gerade auf meiner linken Seite überholt.

Ich wäre fast gegen eine der Laternen gefahren, die eben noch die Markierung einer Landebahn für Raumgleiter waren, so entgeistert guckte ich auf das Pferd, das doch ganz entschieden weder in meinen privaten Film noch in die banale Wirklichkeit paßte. Ein wirklich schöner Schimmel, groß, schlank, elegant, ein Vollblut womöglich, es trug tatsächlich goldene, fedrige Verzierungen in der Mähne, die beim Galopp auf- und abwippten. Kein Zaumzeug und kein Sattel, nur diese Verzierungen, es zog schnell an mir vorbei, die Hufe schlugen laut auf das Pflaster der menschenleeren Promenade – ich war ganz offensichtlich nicht mehr ganz bei Verstand.

“Festhalten!” schrie es hinter mir, “Halt fest, halt es doch fest!”. Ich drehte mich um und sah, was mich vielleicht gar nicht mehr wundern mußte, ein schwarzhaariges Mädchen in einem Indianerkostüm, das hinter dem Pferd herrannte, mit den Armen wedelte und sie dann in wütender Geste zum Himmel hob, als das Pferd an mir vorbeigezogen war, ohne daß ich mich in seine Mähne gekrallt hätte. Ich war zwar anscheinend gerade in einem Paralleluniversum gelandet, in dem am Strand von Travemünde eine fleischgewordene Tiger-Lily, die ich bis dahin nur aus einem Disney-Zeichentrickfilm kannte, hinter einem wilden Mustang herlief, aber lebensmüde war ich trotzdem nicht und die Vorstellung, von einem auch noch so schönen, wenn auch vielleicht ziemlich unwirklichen Pferd über den Strand geschleift zu werden, schien mir überhaupt nicht erstrebenswert.

Mein Raumschiff, das sich währenddessen ziemlich hoffnungslos in ein Fahrrad zurückverwandelt hatte, hielt mit quietschenden Reifen, ich starrte dem Pferd nach, das jetzt in weit ausholendem Galopp über den Strand lief. Quer durch die Reihen der Strandkörbe lief es, die eben noch Belüftungsanlagen gewesen waren, jetzt gerade verwandelten sie sich vor meinen Augen neu in Hindernisse für einen Military-Parcour. Die Krater auf dem Strand wurden zu wieder zu schlichten Strandburgen, aus Pferdesicht wurden sie aber wohl eigentlich einfach zu Hindernissen. Die junge Indianerin lief an mir vorbei und rief dem Pferd unverständliche Sätze nach. Von der Wiese des Kurgartens her kam eine Gruppe von Männern in Overalls oder Latzhosen, Arbeiter ganz offensichtlich, sie riefen dem Mädchen etwas zu, was ich nicht verstehen konnte und liefen dann über den Strand, zu dem Pferd, das jetzt an der Brandungslinie hielt und sich unruhig umsah. Ich stand entgeistert auf der Promenade, mein Fahrrad-Raumschiff-was-auch-immer lag neben mir und die Erkundungsdrohnen über mir gaben Schreie von sich, die jetzt doch sehr nach Möwen klangen.

Auf dem Strand hatte das Mädchen das Pferd erreicht, sie streichelte es am Kopf, sprach mit ihm, klopfte seinen Hals, griff in seine Mähne und sprang dann nach einer Weile auf seinen Rücken. Die Männer, die atemlos auf sie zugingen, lachten jetzt und drehten wieder um, sie zündeten sich Zigaretten an, für sie war die Sache offensichtlich erledigt, sie gingen wieder zurück zu der Kurgartenwiese und als ich dorthin sah, verstand ich auch die ganze Situation. Da stand ein halbfertiges Zelt von einem kleinen Zirkus, der im Sommer an der Ostseeküste entlang reiste, um die Touristenkinder zu unterhalten. Die Männer waren vom Aufbautrupp, ein paar andere, die nicht mitgegangen waren, zogen da hinten gerade noch an Seilen und richteten Zeltmasten auf. Das Mädchen im Indianerkostüm, das jetzt im Schritt auf mich zuritt und dabei dem Pferd die Mähne zauste, war sicher eine Kunstreiterin, eine Pferdeartistin – und der Schimmel ein Ausreißer aus der bunten Umzäunung, hinter der ich noch andere Pferde sehen konnte. “Er läuft so gerne über den Strand”, sagte sie zu mir, als sie an mir vorbeikam, “das macht er dauernd, ist schneller weg, als man gucken kann.”

Sie sah von oben zu mir herab, ein Mädchen in meinem Ater, mit langen schwarzen Haaren und einem tatsächlich indianisch anmutenden Kostüm, in dem sie überhaupt nicht lächerlich aussah, zumindest nicht für mich, mir schien sogar die bunte Plastikfeder in ihrem Haar ganz wundervoll passend. Ihr Gesicht war aus der Nähe zwar nicht gerade indianisch, aber doch immerhin irgendwie südlich und fremd und auf jeden Fall umwerfend schön. Sie lachte: “Du hättest ihn festhalten können, er hätte schon angehalten”. “Aha”, sagte ich und hielt dem Pferd meine Hand hin, das interessiert daran schnupperte, “das konnte ich ja nicht wissen. Ich habe keine Angst vor Pferden oder so. Ich kann nämlich auch reiten.”. Ich konnte ja immerhin versuchen, noch etwas Eindruck zu machen, dachte ich, aber Tiger-Lily ritt schon weiter, drehte sich noch einmal um, lächelte mich an, winkte und war weg. Ich sah ihr, wie zu befürchten ist, mit offenem Mund nach.

Wenn ich den Steuerhebel an der Konsole im Cockpit ganz nach vorne durchdrücken würde, könnte ich sie mit meinem Raumschiff in weniger als einer Hundertstelsekunde einholen, sie einsteigen lassen und mit ihr durch fremde Galaxien düsen. Wenn ich mich mit dem normalen Fahrrad etwas beeilen würde, könnte ich wenigstens noch ein paar Meter einfach neben ihr herfahren, sie immerhin ansehen und klarstellen, daß ich wirklich, ganz wirklich auch reiten kann – und gar nicht mal schlecht. Wenn ich anderseits Captain Hook wäre, könnte ich sie jetzt prima entführen – aber das ging dann doch etwas zu sehr durcheinander. Und in dem Bus nach Lübeck würde mir gleich, das war leider auch klar, wieder kein Mensch irgendwas glauben, nicht einmal, wenn ich die frischen Pferdeäpfel da vorne als Beweis mitnehmen würde.

Ja klar, sie hatte eine Feder im Haar. Sicher doch.

Es war tatsächlich nicht unbedingt besser, solche Geschichten wirklich zu erleben, statt sie sich einfach nur auszudenken.

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