„Es hat seine Augen“ sagte sie trotzig und stützte sich mit beiden Händen auf ihren Schreibtisch, während sie unsicher aufstand. Der Computerbildschirm wackelte bedenklich. Sie war wirklich eindeutig betrunken und ich konnte sie auf keinen Fall so in ihr Auto steigen lassen. „Es hat genau seine Augen und es ist genau an dem Tag geboren worden.“ „Du meinst, du siehst deinen Sohn in dem Kalb?“ fragte ich und drückte sie vorsichtig an den Schultern wieder auf ihren Stuhl. „Er ist es“, sagte sie, ruderte mit den Armen und stand schon wieder auf. „Ich weiß es. Ich sehe es doch. Ich kann es doch sehen!“. Sie sah mich jetzt wütend an, ging zum Garderobenschrank und nahm ihre Handtasche heraus: „Ich bin nicht blöd und ich weiß schon, was ich sehe! Eine Mutter sieht das doch.“ Ihr Atem roch nach Korn und Pfefferminz, ich konnte es noch riechen, obwohl sie jetzt ein paar Meter entfernt von mir stand. Genau genommen roch das ganze Büro scharf nach Alkohol.

„Gib mir jetzt bitte deinen Autoschlüssel“, sagte ich so freundlich, wie ich nur konnte. Ich setzte mich, in der Hoffnung, sie würde sich auch wieder hinsetzen und vielleicht etwas ruhiger werden. Sie sah mich glasig an, rollte bemüht mit den Augen, was ihr gar nicht mehr so leicht fiel und sagte zum hundertsten Mal: „Ich bin nicht betrunken. Ich habe nur Tabletten genommen, zur Beruhigung, aber ich kann noch fahren, gar kein Problem. Ich bin gestern ja auch so gefahren. Das geht schon. Laß mich doch einfach in Ruhe.“ Ich fragte sie, was für Tabletten sie genommen hätte, das Gespräch mußte irgendwie weitergehen, ich bat sie, mir die Medikamente zu zeigen, sie wühlte wortlos in ihrer Handtasche. Sie warf mir, ohne mich dabei anzusehen, eine kleine bunte Schachtel zu, die weit an mir vorbeiflog und in einem leeren Regal landete. Ich las die Aufschrift, es waren harmlose, freiverkäufliche Baldriandragees. Nichts, was ihren Zustand erklärt hätte. „Du bist betrunken“, sagte ich wieder, „du bist völlig blau. Ich kann es sehen, ich kann es riechen, du hast eine mörderische Fahne. Wir holen dir ein Taxi. Die Firma zahlt, alles kein Problem. Du fährst auf gar keinen Fall mehr Auto. Und morgen gehst du zum Arzt, OK? Wir kriegen das schon irgendwie geregelt, aber ich kann dich nicht fahren lassen. Auf keinen Fall.“

Ich glaubte selbst nicht daran, daß irgendein vernünftiger Satz etwas bei ihr auslösen würde, was uns aus dieser Situation erlösen würde. Diese Frau hier, die sich jetzt wenigstens wieder hinsetzte, weil ihr das schwankende Stehen zu mühselig wurde, war jahrelang trocken gewesen, ich wußte überhaupt nur aus Erzählungen, daß sie früher getrunken hatte. Eine Kollegin, die nicht eben viel Glück im Leben gehabt hatte, soweit ich es mitbekommen hatte, mißlungene Ehe, kaputte Familie, falsche Freunde. Vor ein paar Wochen hatte sie ihren schon lange erwachsenen Sohn bei einem Motorradunfall verloren, seitdem trank sie wieder. Sie kam schon am ersten Tag nach dem Unfall betrunken zur Arbeit. Wir hatten alle nichts dazu gesagt, einige der Kolleginnen haben sie wortlos in den Arm genommen, ich habe etwas von Beleid gemurmelt, wir hatten alle etwas Angst, mit ihr zu reden. Sie wirkte deutlich angetrunken und wir tauschten Blicke, Zeichen und Gesten hinter ihrem Rücken. Wir hätten es sagen müssen, wir hätten wenigstens irgend etwas sagen müssen, wir warteten lieber ab.

Sie stützte den Kopf in die Hände und sah mich mit verweinten Augen an, ihre Brille verrutschte und saß jetzt quer im Gesicht, ein Auge sah daran vorbei, es störte sie nicht. „Junge“, sagte sie zu mir, „du weißt nicht, wie es mir geht. Laß mich doch in Ruhe. Laß mich einfach fahren.“ Ich konnte mir nicht vorstellen, daß sie auch nur heil ausparken konnte, die Kornflasche in der Damentoilette war etwas mehr als halb leer gewesen. Eine Kollegin hatte sie gefunden und mir gezeigt. Ich kam mir selten so deplaciert vor wie in dieser Damentoilette, in der ich dann mit zwei Kolleginnen vom Betriebsrat stand, in eine der Kabinen zu dritt um die Kloschüssel gedrängt, auf eine halbleere, große Flasche Korn starrend, deren Hals ein ganz kleines Stück aus dem Wasserkasten ragte. Das Etikett hatte sich in dem Wasser schon halb abgelöst, die freie Hälfte trieb sachte auf und ab. Das Wasser in dem Kasten war ganz klar – ich hatte, als wir den Deckel abhoben, irgendwie damit gerechnet, daß es verschmutzt sei, bräunlich oder abgestanden. Es war aber genauso klar wie der Rest von dem Korn. Ich nahm die Flasche heraus und kippte den Rest weg, es roch entsetzlich dabei in der Kabine, nach Fusel, Klostein und Reinigungsmitteln. „Du mußt mit ihr reden“, sagte eine der Damen von Betriebsrat und ich antwortete „Was du nicht sagst“. Ich ging mit der leeren, tropfenden Flasche in der Hand in ihr Büro, sie stand am Fenster und sah hinaus, die Jacke halb angezogen über der Schulter, als hätte sie mitten in der Bewegung vergessen, was sie machen wollte. Sie drehte sich um und sah uns in der Tür stehen, bemerkte die leere Flasche in meiner Hand und sah mich an, ich konnte ihren Blick nicht deuten. Sie winkte unsicher ab und sagte, es wäre alles nicht so leicht, gerade. Sie blieb mit dem Rücken zu uns stehen.

Sie hatte, erzählte sie uns, bei einem Spaziergang ein Kalb auf einer Weide gesehen, in dem Dorf vor Hamburg, in dem sie seit vielen Jahren wohnte. Das Kalb kam zum Zaun und ließ sich streicheln, sie schmuste etwas mit dem Tier und erkannte dann, wie sie nicht mehr müde wurde zu wiederholen, in den Augen des Kalbes die Augen ihres Sohnes. Ja, eigentlich war sogar noch mehr von seinen Gesichtszügen in dem Tier wahrzunehmen. Ganz eindeutig sogar. Ich stellte mir vor, wie sie weinend an diesem Weidezaun stand, auf das Kalb einredete und es streichelte, halb über einen Elektrozaun gebeugt, auf den Zehenspitzen schwankend und mit nach vorn gereckten Armen, während das Kalb mit den Nüstern neugierig gegen ihre Hand stupste. Sie fragte am nächsten Tag den Bauern, den sie als Nachbarn kannte, nach dem Geburtstermin des Kalbes, ohne sich etwas anmerken zu lassen, wie man annehmen muß. Sie erfuhr, daß es genau an dem Tag geboren wurde, an dem ihr Sohn bei dem Unfall starb. Der Sohn war in dem Kalb, der Sohn war das Kalb, das war damit für sie klar. Sie kam später zur Arbeit, weil sie morgens noch an der Weide vorbeiging, sie ging nach der Arbeit gleich wieder hin und stand dann stundenlang an dem Zaun. Das Kalb fand diesen Menschen, der da immer mit lockenden Rufen am Zaun stand, gar nicht so interessant, aber sie blieb da stehen und sah ihm zu, wie es über die Weide sprang, wie es Milch von der Mutterkuh trank, wie es über Maulwurfshügel stolperte. „Ich sehe ihm zu“, sagte sie. „Ich kann doch nicht so tun, als wäre er nicht da. Er ist doch da. Ich kann ihn ja sehen.“

Ich wiederholte immer wieder das Angebot, ihr ein Taxi zu holen und kam mir schon vor, als würde ich rituelle Sätze herunterbeten, wir kriegen das hin, wir holen dir ein Taxi, wir kriegen das hin, morgen zum Arzt, wir holen ein Taxi, wir kriegen das hin. Die Damen vom Betriebsrat fielen gelegentlich mit einer leise gemurmelten Bestätigung ein. Ihr fielen allmählich die Augen zu, vielleicht hatte ich tatsächlich schon einen priesterlichen Tonfall und sie murmelte nur noch ein weniger aggressiv klingendes, resignierendes „Laß mich“. Ich stand schließlich wieder auf und ging um den Schreibtisch herum und nahm ihr den Autoschlüssel einfach aus der Hand, sie ließ es geschehen, sie sah teilnahmslos auf die Schreibtischplatte vor sich und schob einen Locher und einen Hefter hin und her, immer wieder von links nach rechts und wieder zurück. Ich drehte mich zu der Bürotür um, in der die beiden Kolleginnen unseren Verhandlungen zusahen: „Könnt ihr jetzt bitte ein Taxi rufen?“.

„Du gehst morgen zum Arzt, hörst du? Du kommst morgen nicht zur Arbeit, bitte. Geh zu deinem Arzt, in Ordnung? Verstehst du mich?“ Sie sah mich mit leeren Augen an, sagte leise etwas Unverständliches und zog sich ihre Jacke an. „Bitte“, sagte ich noch einmal, „du brauchst wirklich einen Arzt.“ „Ich bin nicht krank“, sagte sie, „ich habe es nur ein bißchen schwer gerade“. „Ich weiß“, sagte ich, „das habe ich verstanden. Aber bitte geh trotzdem zu deinem Arzt.“ Sie sah mich durch Tränen an und schüttelte den Kopf. Ich wußte nicht, was ich noch sagen sollte.

Ich hörte nach einer Weile Rufe über den Flur, das Taxi war da. Ich nahm sie am Arm und führte sie nach draußen, sie schwankte stark. Die Kollegen in den anderen Büros, an denen wir vorbeigingen, sahen angestrengt weg. Es war seltsam und unangenehm ruhig auf dem Abteilungsflur. Ich gab dem Fahrer, der seinen betrunkenen Gast etwas argwöhnisch ansah, die Adresse auf dem Land und genug Geld für die Fahrt. Sie stieg ein, rollte sich auf die Rückbank und legte die Hände über die Augen.

Ich schlug die Taxitür zu. In dem Bürogebäude hinter mir standen die Kolleginnen und Kollegen an den Fenstern und beobachteten uns, einige drehten sich um, als ich zu ihnen hochsah, andere sahen mich kopfschüttelnd oder schulterzuckend an. Die Kolleginnen vom Betriebsrat standen in der Eingangstür und warteten. „Meinst du, sie geht wirklich zum Art?“ fragten sie.

Ich weiß nicht mehr, ob sie am nächsten Tag zum Arzt ging. Ich weiß, daß sie nicht aufhörte zu trinken, nicht in diesen Tagen, gar nicht mehr. Das Kalb wurde natürlich irgendwann geschlachtet.

Sie hat sich nie mehr davon erholt.

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