Vor ein paar Wochen waren die Herzdame und ich an einem Sonntag in der Oper, in Carmen. Deswegen waren wir nicht bei der Lesereihe Kaffee.Satz.Lesen in der Baderanstalt, wo zumindest ich sonst immer bin, die Termine lagen einfach zu eng. Das fand ich bedauerlich, denn ich gehe sehr gerne zu diesen Lesungen. Oper ist andererseits natürlich auch etwas Feines, besonders, wenn man davon etwas versteht – was allerdings bei mir nicht ansatzweise der Fall ist.

Ich habe also am frühen Abend in der Oper gesessen und die beiden Veranstaltungen verglichen, denn wer weiß, vielleicht kreuzen sie sich ja noch einmal, die Termine der Literatur und der klassischen Musik, da wird es dann gut sein, wenn man ausführlich darüber nachgedacht hat, was welchen Vorteil hat. Der geradezu stiftungwarentestmäßig objektive Vergleich der beiden Veranstaltungen in verschiedenen Kategorien ergab folgende Wertung:

Preis für zwei Personen:
Kaffee.Satz.Lesen: Bescheidene zehn Euro in der ersten Reihe. Oper: Stolze fünfundneunzig Euro bei leidlich guter Sicht ganz weit oben und hinten. Klarer Fall.

Anfahrt:
Die Oper und die Baderanstalt, in der die Lesungen stattfinden, sind beide sehr dicht an unserer Wohnung. In der Baderanstalt gibt es allerdings einen Fahrstuhl, den ich demütigenderweise nicht recht verstehe und der mich dazu zwingt, mich unauffällig vor dem Eingang herumzudrücken bis jemand kommt, der vielleicht weiß, wie das Ding funktioniert. Unschön.

Dresscode
In der Oper bevorzugt man mittlerweile (wieder) die gepflegte Garderobe, wenn nicht sogar die Abendgarderobe, in der Baderanstalt einen eher entspannten Sonntagslook. Chamäleon, das ich bin, kann ich mich in beiden Welten wohlfühlen. Bis dahin unentschieden. Allerdings war in der Oper eine sehr alte Dame in einer unglaublich grellen Satinbluse unterwegs, deren Farbe ich nur als „Gewaltila“ bezeichnen kann – solche sprachbereichernden Erfahrungen bietet das Publikum der Lesereihe eher nicht.

Publikum
In der Oper senke ich tendenziell den Altersdurchschnitt, in der Baderanstalt hebe ich ihn. Ich kann mit beidem leben, egal.

Garderobe
Kostet in der Oper extra, in der Baderanstalt gibt es keine. Die Zeiten sind hart, man muß sparen, da gewinnt natürlich die Baderanstalt.

Sitzplätze
Werden in der Oper langweilig im Voraus gebucht und stehen dann fest, während in der Baderanstalt das Faustrecht regiert, wollte sagen frühes Kommen entscheidet, ob überhaupt und wie man sitzt. Das ist spannend und unterhaltsam, das bietet Aufregung schon bevor etwas auf der Bühne passiert. Man lernt fremde Menschen näher kennen, während man mit ihnen um einen Hocker ringt, da kann die Oper einfach nicht mithalten.

Verpflegung
Darüber muß man nicht nachdenken, die Preise in der Oper sind indiskutabel hoch und man erhält nur charakterloses Radeberger und trockene Laugenbrezeln, der Kuchen in der Baderanstalt ist ganz außer Frage ausgezeichnet und es gibt anständiges Bier.

Literatur
Hervorragende Texte gibt es auf beiden Bühnen, in der Oper allerdings meist unverständlich vorgetragen, da italienisch oder schlimmer. Ich finde es als leidenschaftlicher Sprachmensch aber angenehm und erstrebenswert, Texte zu verstehen, auch der Punkt geht daher ganz klar an die Lesereihe.

Musik
Gibt es auch auf beiden Bühnen, auf der Lesebühne aber kürzer, was mir durchaus entgegen kommt. Dafür tragen die Damen und Herren Künstler in der Oper beim Singen die schickeren Kostüme und werden von viel mehr Musikern begleitet, darunter sehr schöne Damen mit Geige. Wohl ein Unentschieden.

Bau
Die Baderanstalt hat den etwas trashigen, aber angenehm entspannten Charme ehemaliger Industriegebäude. Wer aber den Innenraum der Oper irgendwie charmant findet, hegt wahrscheinlich auch liebevolle Gefühle gegenüber Autobahnbrücken.

Bühne und Kostüme
Beim Kaffee.Satz.Lesen stets der Minimalismus der nackten Wand und des alltäglichen Outfits, in der Oper unglaubliche, hinreißende, begeisternde Kreationen. Ich gehöre ja zu den Leuten, die nur wegen des Bühnenbildes und der Kostüme in die Oper gehen und das Gesinge über weite Strecken eher entbehrlich finden. Die Lesereihe hätte daher in dieser Rubrik bessere Chancen, wenn die Protagonisten zum Beispiel in flotten Kostümen des neunzehnten Jahrhunderts auftreten würden. In so einer Husarenuniform würde es sich bestimmt viel energischer lesen und man hätte auch einfach eine bessere Haltung in so etwas.

Pausen
In der Oper oft zwei, beim Kaffee.Satz.Lesen nur eine. Wenn man in der Pause mal muß, gewinnt fraglos die Oper, wegen der ausreichenden Anzahl funktionsfähiger Toiletten. Wenn man nicht muß, gewinnt aber klarerweise Kaffee.Satz.Lesen, denn da kann man mit anderen Leuten aus dem Publikum reden. In der Oper habe ich bezüglich der anderen Gäste oft den starken Verdacht, daß viele von denen gar nicht bloggen.

Selbstbeteiligung
Bei Kaffee.Satz.Lesen war ich schon zweimal selbst als Programmteil dabei, in der Oper war ich bisher noch nicht auf der Bühne und bin auch für Zukunft eher pessimistisch. Ich hätte auch bezüglich der Publikumsreaktion, wenn ich da denn mal ein Liedchen trällern würde, doch sehr starke Zweifel. Daher kein Punkt für die Musikbühne, denn ich habe auch meinen Stolz.

Hinterher
Beim Kaffee.Satz.Lesen kann man mit den Künstlern, den Stammgästen und den Veranstaltern nach dem Bühnenzauber manchmal ganz formidabel beim Griechen versumpfen. Auch das eine Option, die sich in der Oper meiner Erfahrung nach nicht anbietet. Man geht von dort vielmehr allein von dannen, während der Rest des Publikums in die zahlreichen, wartenden Reisebusse steigt und zurück in die Seniorenheime nach Mölln, Kiel, Rendsburg oder in andere traurige Städte fährt.

Gesamtwertung
11 : 5 für Kaffee.Satz.Lesen. Das wäre dann wohl geklärt.

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