Ich habe vor längerer Zeit schon einmal eine Text über das „Jo“ geschrieben (siehe hier), damals ging es um Abschiedsrituale im Heimatdorf der Herzdame. Mir fiel in letzter Zeit auf, daß es mit diesem Wort auch eine besondere Bewandtnis hat, wenn es um Fragen der Gesundheit oder des körperlichen Zustandes geht. Wenn ich mich zum Beispiel bei der schwangeren Herzdame mit Blick auf ihren Bauch danach erkundige, wie es ihr gerade geht, antwortet sie darauf zuverlässig mit einem schlichten „jo“. Das gibt für mich, man wird es vielleicht verstehen, inhaltlich nicht viel her. Mein Naturell ist so beschaffen, daß ich auch ausschweifendere, vielleicht sogar gefühlsbetonte, gar romantikumwehte Ausführungen zu diesem Thema durchaus vertragen würde. Ich frage also nach, ich frage explizit nach Gefühl, Herzensfülle und Seelenlage – die Herzdame sieht mich fragend an, lauscht angestrengt in sich hinein, guckt sinnend zur Decke und sagt dann: „Jo“.

Man muß es akzeptieren. Es gibt Besonderheiten im Wesen der Nordostwestfalen, die man einfach nicht ändern kann. Es hat vielleicht auch Vorteile, so zu sein. Zum Beispiel bei der medizinischen Versorgung. Für diese gelten im Heimatdorf der Herzdame nämlich nur zwei einfache Regeln. Die erste besagt, daß ein Mensch, der auf die Frage nach seinem Zustand noch mit „jo“ antworten kann, im Prinzip gesund und arbeitsfähig ist. Die zweite besagt, daß ein Mensch, der auf die Frage nach dem Zustand nicht mehr mit „jo“ antwortet, wahrscheinlich bald streng riecht und besser schnell vergraben wird. Dafür braucht man keine zwanzig Fachärzte, das ist billig und effizient, das ist fern aller unnötigen Komplikationen. In den Dörfern dieser Region wurde der Pragmatismus erfunden.

Und seit ich das verstanden habe, freue ich mich immer sehr über ein klares „jo“, wenn ich meine Hand auf den Bauch der Herzdame lege und sie fragend ansehe. Manche Dinge sind viel einfacher, als man denkt.

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