Ein alter Mann betritt ein Café. Er bleibt einen Augenblick in der Tür stehen, die Hand noch auf der Klinke, ganz als würde er in Erwägung ziehen, sofort wieder zu gehen. Sein Gesichtsausdruck sieht mißbilligend und herablassend aus, als er sich umsieht. Obwohl das Café nicht speziell für jüngere Menschen eingerichtet ist, sind keine anderen Gäste in seinem Alter da, er ist mit weitem Abstand der älteste. Er geht einmal durch den Raum, er guckt von Tisch zu Tisch, stellt sich kurz vor die Vitrine mit dem Kuchen, beugt sich vor um die Auswahl besser sehen zu können, setzt dabei eine Lesebrille auf, schüttelt schließlich den Kopf und setzt sich dann an einen freien Tisch.

Es ist ein großgewachsener Mann mit weißen Haaren. Er geht aufrecht, er trägt keine Brille, er wirkt ganz so, als würde er noch Sport treiben, obwohl er sicher weit über siebzig ist. Ein Golfer vielleicht. Er trägt einen hellen Wildlederblouson, den er auch sitzend nicht auszieht. Würde man seinen Beruf raten wollen, vielleicht würde man nach genauer Prüfung seiner Erscheinung auf Notar tippen. Er sieht ganz aus, als hätte er einen Beruf gehabt, der ein wenig Standesdünkel zuläßt. Apotheker oder Architekt, wer weiß. Unter dem Blouson erkennt man ein blaues Oberhemd und eine Krawatte, er könnte so auch gleich in ein Büro gehen, aber er ist doch sicher schon seit Jahren im Ruhestand. Er faßt die Speisekarte nicht an, er sieht nach der Kellnerin, die an der Espressomaschine beschäftigt ist und leise vor sich hinsummt. Sie hat eine Melodie vergessen, sie kommt nicht mehr ganz darauf, immer wieder versucht sie drei, vier Töne, trällert, summt, überlegt und findet doch den Übergang zum erlösenden Refrain nicht. Sie läßt die Maschine etwas Krach machen und singt gutgelaunt dagegen an. Der Apparat zischt und faucht einen Moment, daß kein Gespräch im Café mehr möglich ist.

„Fräulein!“, sagt der alte Mann etwas übertrieben laut, „Fräulein!“ Einige Gäste sehen sich nach ihm um, das Wort klingt ungewohnt und seltsam, eine junge Frau stößt ihren Freund an und wiederholt staunend und amüsiert, die Tonlage des alten Mannes verächtlich nachmachend: „Fräulein!“ Der Freund sieht sich um und schüttelt den Kopf. Der alte Mann sieht in die Richtung der Kellnerin, Falten der Ungeduld auf der Stirn, er trommelt mit einem Zuckerstreuer energisch und schnell auf den Tisch, Glas auf Marmor, ein nicht eben dezenter, klackernder Trommelwirbel. Die Kellnerin stapelt Tassen neben die Espressomaschine und merkt jetzt eher zufällig, daß da ein neuer Gast sitzt, der in ihre Richtung guckt und den Mund bewegt, sie kann aber gerade nicht hören, was er sagt, die Maschine ist immer noch zu laut. Sie nimmt einen Block und geht zu ihm hin. „Eine Portion Pfefferminztee, Fräulein!“ sagt der alte Mann und es klingt wie ein Befehl, nicht wie eine Bitte. Die Kellnerin sagt ja und wundert sich über diese eigenartige Formulierung, eine Portion Pfefferminztee, wer sagt denn so etwas. Sie ist von der Wortwahl so verblüfft, daß sie gar nicht dazu kommt, sich über den unfreundlichen Kauz mit dem durchdringenden Blick aufzuregen. Eine Portion Pommes klänge ja normal, aber Tee? Pfefferminztee? In Portionen? Vor lauter Staunen hat sie auf ihren Block wörtlich „Eine Portion Pfefferminztee“ geschrieben und sie lacht ein wenig vor sich hin, als sie das merkt. Der alte Mann sieht sie an und fügt seiner Bestellung ein scharfes „Wenn es denn wohl möglich ist!“ hinzu. Seine Stimme klingt dabei so, als wäre das Versagen der Kellnerin schon sehr klar vorherzusehen. „Ja“, sagt die Kellnerin, die gar nicht zugehört hat und schon wieder in Gedanken ist, sie geht zu der kleinen Küche und murmelt dabei vor sich hin, ohne daß es jemand hören könnte: „Eine Portion Pfefferminztee“. Sie beschließt, ihren Freund am Abend spaßeshalber zu fragen, ob er eine Portion Bier wolle und ihre Laune wird immer besser, sie kichert leise. Der alte Mann sieht ihr hinterher, er fühlt sich nicht ernst genommen und ärgert sich.

Es ist seit langer Zeit sein größter Spaß, junge Frauen dadurch zu ärgern, daß er sie „Fräulein“ nennt. Er macht das mit großem Genuß, überlegter Technik und einiger Übung. Man kann sich ja nicht einfach auf die Straße stellen und irgendwelchen Mädchen „Fräulein“ hinterher rufen, nein, das verlangt schon ein wenig taktisches Geschick. Er hatte vor einiger Zeit gemerkt, daß sich die Wirkung des Wortes „Fräulein“ deutlich verstärkte, wenn er es recht laut benutzte, denn je mehr andere Menschen es hören konnten, desto besser war offensichtlich die Wirkung auf die angesprochene Zielperson. Er hatte zunächst an Bushaltestellen damit begonnen, junge Frauen so zu nennen, wenn er ihnen vermeintlich höflich beim Einsteigen Platz machte zum Beispiel: “ Bitte sehr, Fräulein“. Sie guckten oft irritiert, aber obwohl er genau wußte, daß die Anrede „Fräulein“ vollkommen unmöglich geworden war und keine, wirklich keine Frau mehr gerne so genannt wurde, schienen sie sich nur dann richtig darüber zu ärgern, wenn andere Fahrgäste es auch hörten, daß sie so tituliert wurden. Da hatte er nach einer Weile sein kleines Hobby in Cafés und Gaststätten verlegt, wo man die jungen Kellnerinnen lautstark und vor Publikum mit dieser Bezeichnung heranrufen konnte.

Die jungen Frauen haßten es, so genannt zu werden, aber sie mußten ihn natürlich dennoch bedienen. Nie kam es vor, daß eine nicht auf diesen Ruf hörte, es war ja schließlich ihr Job, sich um die Gäste zu kümmern. Auch um seltsame Gäste. Er liebt es, wenn sie wenigstens die Herausforderung annahmen und sich ihm gegenüber belehrend in Rage redeten, wenn sie ihm in erzieherischem, scharfen Tonfall erklärten, daß man sie nicht Fräulein zu nennen habe, auf keinen Fall, nie. Er liebte es, wenn sie ihm, nachdem er schließlich sarkastisch betont hatte, wie sehr er dem jungen Fräulein für die vielen klugen Hinweise zu danken habe, den Tee wortlos auf den Tisch knallten, daß die Tasse schepperte und die grünliche Flüssigkeit überschwappte. Er zahlte dann in kleinen Münzen, ohne Trinkgeld, und er freute sich unbändig an dem Farbenspiel auf den Wangen der Kellnerinnen, die vor Wut rot oder blaß wurden, je nach Typ. Einige stemmten sogar die Hände in die Hüften, legten auf angriffslustige Art das schöne Köpfchen schief und fingen an, sich plötzlich viel lebendiger und energischer zu bewegen, gerade so, als hätte man sie eben erst eingeschaltet oder mittels einer Fernbedienung lauter gestellt. Es gibt so viele Frauen, die wunderschön sind, wenn sie richtig wütend werden, dachte er. Natürlich war es nicht denkbar, aber eigentlich hätte er bei diesen Szenen immer gerne ein Foto dieser zornfunkelnden Fräuleinaugen gemacht, mit den hinreißenden Ärgerfalten auf der Stirn und den gefährlichen Raubtierblitzen in der Pupille. Zu und zu schön, diese kleinen Biester.

Die Frauen mit „Fräulein“ anzureden, ähnelte ein wenig dem Ärgern von großen Hunden, die nicht über den Zaun des Hauses springen können, das sie bewachen. Es hatte ihm früher als Kind immer viel Freude gemacht, diese Hunde mit Stöckchen oder geworfenen Steinen zu reizen, nachdem er sich gründlich vergewissert hatte, daß keine Gefahr durch ein offenes Tor oder einen schadhaften Zaun bestand. Natürlich war die Reaktion der Tiere damals etwas dramatischer und eindrucksvoller als die der Kellnerinnen heute- aber, dachte er, man wird ja auch älter und kann es daher auch etwas ruhiger angehen lassen.

Aber so eine Kellnerin wie diese hier, die ihn gar nicht recht zur Kenntnis nimmt und der es vollkommen gleichgültig zu sein scheint, wie sie genannt wird – das ist doch wirklich unverschämt, eine Frechheit geradezu Ohne es recht im Griff zu haben ist er jetzt selbst sehr wütend geworden, es brodelt förmlich in ihm und da steht auch schon wieder die lachende Kellnerin vor ihm, mit einer Tasse Tee auf einem Tablett in der Hand. Sie sieht ihn an und fragt dann, ob ihm nicht gut wäre, er wäre ja ganz rot geworden, plötzlich. Sie guckt ihn freundlich besorgt an. Sie hat einen Blick wie eine Mutter, die ein krankes Kind ansieht, denkt er. Sie ist und bleibt in bester Stimmung, da kann er jetzt machen, was er will. Das ist gerade so, als würde ein Hund, den man eben mit einem Stein beworfen hat, sich freundlich wedelnd an den Zaun stellen. Der alte Mann sieht die junge Frau irritiert an und sagt dann, sich zusammenreißend, daß nichts wäre, gar nichts. Alles in Ordnung, alles bestens. Es wäre, fügt er hinzu, nur einfach nicht sein Tag.

Wedelnde Hunde und freundliche Frauen, denkt er bedauernd. Beides so schrecklich unvorteilhaft.

„Danke, Fräulein“, sagt er, nachdem sie die Tasse vor ihm abgestellt hatte. Er hebt aber kaum die Stimme dabei, es ist eher leise dahergemurmelt, ein sinnloses Nachsetzen, das weiß er wohl. Die Kellnerin ist auch schon wieder drei, vier Schritte weiter und hat daher auch dieses Mal vermutlich nichts gehört. Sie hat sich beim Absetzen des Tabletts vorgebeugt und ein Hauch ihres Parfüms hängt über dem Tisch, lieblich und jung.

Der alte Mann fuchtelt mit der Hand in der Luft herum.

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