Die Stillwurst

Wenn man ein Baby erwartet, ist es erfreulicherweise so, daß man von befreundeten oder verwandten Paaren, die bereits Kinder haben, zahlreiche abgelegte Ausrüstungsgegenstände umsonst oder sehr günstig bekommen kann. Hat man erst einmal Bedarf bekundet, fragt man sich nach einer Weile, ob man überhaupt jemals etwas Neues brauchen wird, außer dem Kind selbst natürlich. Ökonomisch denkende Menschen werden übrigens jetzt schwanger, um im nächsten Jahr von den Konsumresten des Babybooms in diesem Jahr zu profitieren.

Zu den Dingen, die wir auf diese Art jetzt schon erhalten haben, gehört ein Stillkissen, ein Gegenstand, von dem ich bis vor kurzer Zeit noch gar nicht gewußt hätte, daß es so etwas überhaupt gibt. Es handelt sich um ein sehr langes, biegsames, röhrenförmiges Kissen, welches man zu einem Nest zusammendrehen kann. Der genaue Verwendungszweck erschließt sich wahrscheinlich schlagartig, wenn man einmal Kind und Kissen nebeneinander legt und ein wenig nachdenkt, nehme ich jedenfalls an. Wenn unsere steinzeitlichen Vorfahren so etwas auch gebraucht haben, mußten sie eine gewaltige Menge Moos zusammendrehen, um ein solches Kissen herzustellen. Wer weiß, vielleicht waren die Männer dieser Zeit in Wahrheit gar nicht Mammutjäger, sondern schlicht emsige Moospflücker, die später ihr Tagewerk erzählerisch etwas ausgeschmückt haben.

Dieses Kissen wird bei uns, seiner Form gemäß, Stillwurst genannt. Die Herzdame hat festgestellt, daß es unabhängig von seinem uns noch etwas rätselhaften erscheinenden eigentlichen Verwendungszweck ein ganz phantastisches Kopfkissen für den eigenen Gebrauch ist. Sie nimmt es also nachts mit ins Bett und bettet sich selbst in das zusammengerollte Plüschnest, was den kleinen Nachteil hat, das für mich kaum noch Platz neben ihr ist. Es fühlt sich in etwa so an, als würde ich neben einem aufgeblasenen Schlauchboot schlafen. Ich habe die Herzdame natürlich aufgefordert, sich zwischen der Stillwurst und mir zu entscheiden, denn schwanger hin oder her, man muß sich als Partner auch nicht alles gefallen lassen. Ihre Antwort lautete nach eher kurzer Überlegung. „Das Kissen ist viel knautschbarer als du. Es hat keine störenden Knochen und es widerspricht nicht. Außerdem hat es keine hysterischen Wahnvorstellungen vom Erstickungstod, wenn ich mich darauf lege. Du kannst gerne gehen.“

Mein Verteidigungshinweis, daß ich wenigstens nicht mit einem albernen, kindgemäßen Muster bedruckt sei, hat leider nicht weiter interessiert.

Die Herzdame als Vorbild

Die schöne Nachbarin und ich haben in den letzten Wochen sehr oft gemeinsam auf dem Spielplatz in idealer Lage gesessen, wobei wir ja, wie berichtet, erfolgreich zwei Wohnungen herbeigewünscht haben. Gestern war die Herzdame auch einmal mit, um das Lebensgefühl auf diesem lauschigen Platz zu testen, denn sie wird dort bald etwas mehr Zeit verbringen. Die dreijährige Tochter der Nachbarin nutzte die Gelegenheit, sich die Herzdame einmal etwas genauer anzusehen und befand nach gründlicher Inspektion und einiger Überlegung sehr entschieden: „Wenn ich groß bin, kriege ich auch ein Piercing!“

Es mag einen vielleicht wundern, daß ein dreijähriges Kind schon so ein Wort kennt. Als ich nach dem letzten Kaffee.Satz.Lesen mit Alexander und Mek zur Station Hasselbrook ging, lief uns ein ebenfalls etwa drei- oder vierjähriges Kind über den Weg, das auf eine Frau vor sich zeigte und fröhlich krähend „Da, Arschgeweih!“ rief.

Moderne Zeiten, moderne Vokabeln.