Reisenotizen (3)

Ich bin weder ein großer Freund des Reisens, noch bin ich ein ausgeprägter Naturfreund. Ich lebe bewußt und mit Absicht in der Mitte einer Millionenstadt und ich bin immer ein wenig überfordert, wenn es mich in eine ländliche Idylle verschlägt, in der man alles, alles was einen umgibt und was nur irgend mit Sinnen wahrzunehmen ist, schön zu finden hat, weil man sich sonst wie ein besonders ignoranter Stadtmensch fühlen muß. Wer wäre ich denn, ein Ignorant zu sein!

Schön ist hier der Ruf der Lerche am frühen Morgen, schön das taunasse Gras unter den Füßen, besonders schön der üppige, dunkelrote Mohn am Wegesrand, am Ackerrand, wo es in den nachtkühlen Schattenspalten zwischen den gründgoldenen, endlosen Reihen der Roggenhalme so überaus schön duftet. Schön das einsame weiße Segel am Horizont, schön der in kräftigem Lila blühende Klee, schön sogar die sanft schaukelnde Qualle im flachen Wasser der Ostsee. Schön auch der Duft der Herzdame, wenn sie am Meer steht und die Sonne auf ihren besonnencremten Hals scheint. Schön, wie ihre Sommersprossen sprießen, schön, wie unsere Freundin J. auf den Holzbrettern der Terrasse auf dem Rücken liegt und in den Himmel sieht, schön die Linie ihrer Beine, schön, wie warm das Holz ist und wie es sich anfaßt, erst recht schön, wie sich die Beine von J. anfassen und schön, daß wir ein Schwalbennest vor dem Schlafzimmerfenster haben, wo schöne Schwalben schön tote Mücken an die gierende Brut verfüttern. Schön, schön, schön.

Und nun ist aber auch gut. Wie schön, daß ich Bücher mithabe.

Reisenotizen (2)

Und dann ist das passiert, wovor ich mich viele, viele Jahre gedrückt habe. Ich stand doch wieder am Strand der Ostsee, ganz wie damals in Travemünde, erinnerungsschwer, seltsam berührt und aufgewühlt – und dem Meer und mir, uns beiden war seltsam zumute. Diesmal winkte ich nicht nur im Vorbeifahren aus der Ferne, diesmal stand ich im Sand, mit nackten Füßen und Sonne auf den Schultern und ich ging langsam, Schritt für Schritt, ein paar Meter in das erstaunlich klare Wasser. „Na du“, sagte ich leise und es ging ein Schauer über die Oberfläche, die Ostsee schmiegte sich an meine Waden und machte sich ganz warm, denn sie wußte sicher noch gut, wie übel ich ihr die sommerliche Kälte oft genommen hatte, damals, als ich noch jeden Sommermorgen vor der Schule in ihr gebadet habe. Aber jetzt – die sengende Junisonne funkelte auf den kleinen Wellen, goldene Kreise gingen von meinen Schritten aus und zerfielen in weite Bögen, die Ostsee lächelte mich an. Und obwohl mir als Hanseat natürlich jeder Gefühlsüberschwang fremd ist rührte es mich doch sehr, diese Wiedersehensfreude. Ich war auch sehr angetan von dem altvertrauten Geruch des Salzwassers, von dem Anblick der bunt leuchtenden Kieseln im flachen Wasser und von dem Gefühl des weichen Meeresbodens unter meinen Füßen – und in einem Moment fortgeschrittener Rührung beugte ich mich hinunter, tätschelte die Oberfläche einer langgezogenen Welle und murmelte leise: „Na, mein gutes altes Gewässer“.

Die winzigen Brandungswellen seufzten zerfließend auf dem Muschelbett der sanften ersten Steigung des Strandes und die Ostsee und ich, wir wußten es, ganz ohne es weiter aussprechen zu müssen: Wir wollen uns jetzt doch wieder öfter sehen.