Und dann ist das passiert, wovor ich mich viele, viele Jahre gedrückt habe. Ich stand doch wieder am Strand der Ostsee, ganz wie damals in Travemünde, erinnerungsschwer, seltsam berührt und aufgewühlt – und dem Meer und mir, uns beiden war seltsam zumute. Diesmal winkte ich nicht nur im Vorbeifahren aus der Ferne, diesmal stand ich im Sand, mit nackten Füßen und Sonne auf den Schultern und ich ging langsam, Schritt für Schritt, ein paar Meter in das erstaunlich klare Wasser. „Na du“, sagte ich leise und es ging ein Schauer über die Oberfläche, die Ostsee schmiegte sich an meine Waden und machte sich ganz warm, denn sie wußte sicher noch gut, wie übel ich ihr die sommerliche Kälte oft genommen hatte, damals, als ich noch jeden Sommermorgen vor der Schule in ihr gebadet habe. Aber jetzt – die sengende Junisonne funkelte auf den kleinen Wellen, goldene Kreise gingen von meinen Schritten aus und zerfielen in weite Bögen, die Ostsee lächelte mich an. Und obwohl mir als Hanseat natürlich jeder Gefühlsüberschwang fremd ist rührte es mich doch sehr, diese Wiedersehensfreude. Ich war auch sehr angetan von dem altvertrauten Geruch des Salzwassers, von dem Anblick der bunt leuchtenden Kieseln im flachen Wasser und von dem Gefühl des weichen Meeresbodens unter meinen Füßen – und in einem Moment fortgeschrittener Rührung beugte ich mich hinunter, tätschelte die Oberfläche einer langgezogenen Welle und murmelte leise: „Na, mein gutes altes Gewässer“.

Die winzigen Brandungswellen seufzten zerfließend auf dem Muschelbett der sanften ersten Steigung des Strandes und die Ostsee und ich, wir wußten es, ganz ohne es weiter aussprechen zu müssen: Wir wollen uns jetzt doch wieder öfter sehen.

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