Ein Ferienhaus in einer menschenleeren Gegend zu mieten ist eine ganz hervorragende Idee, wenn man mit einem ziemlich großen Bücherstapel anreist und wild entschlossen ist, sehr viel durchzulesen. Dann findet man auch wieder Perlen der Literaturgeschichte, wie das folgende Zitat, das ich hier zur Freude aller abschreibe, die wie auch die schöne Nachbarin oder ich einmal im Buchhandel gearbeitet haben:

„Eines Morgens trat ein junger, knabenhafter Mann bei einem Buchhändler ein und bat, daß man ihm den Prinzipal vorstellen möge. Man tat, was er wünschte. Der Buchhändler, ein alter Mann von sehr ehrwürdigem Aussehen, sah den etwas schüchtern vor ihm Stehenden scharf an und forderte ihn auf, zu sprechen. „Ich will Buchhändler werden“, sagte der jugendliche Anfänger, „ich habe Sehnsucht danach und ich weiß nicht, was mich davon abhalten könnte, mein Vorhaben ins Werk zu setzen. Unter dem Buchhandel stelle ich mir von jeher etwas Entzückendes vor und ich verstehe nicht, warum ich immer noch außerhalb dieses Lieblichen und Schönen schmachten muß. Sehen Sie, mein Herr, ich komme mir, so wie ich jetzt vor Ihnen dastehe, außerordentlich dazu geeignet vor, Bücher aus Ihrem Laden zu verkaufen, so viele, als Sie nur wünschen können zu verkaufen. Ich bin der geborene Verkäufer: galant, hurtig, höflich, schnell, kurzangebunden, raschentschlossen, rechnerisch, aufmerksam, ehrlich und doch nicht so dumm, wie ich vielleicht aussehe. Ich kann den Preis herabsetzen, wenn ich einen armen Teufel von Studenten vor mir habe, und kann Preise hochschrauben, um den reichen Leuten ein Wohlgefallen zu erweisen, von denen ich annehmen muß, daß sie manches Mal nicht wissen, was sie mit dem Geld anfangen sollen. Ich glaube, so jung ich noch bin, einige Menschenkenntnis zu besitzen, außerdem liebe ich die Menschen, so verschiedenartig sie auch sein mögen; ich werde also meine Kenntnis der Menschen nie in den Dienst der Übervorteilung stellen, aber auch ebensowenig daran denken, durch allzu übertriebene Rücksichtnahme auf gewisse arme Teufel ihr Geschäft zu schädigen. Mit einem Wort: meine Liebe zu den Menschen wird angenehm balancieren auf der Waage des Verkaufens mit der Geschäftsvernunft, die ebenso gewichtig ist und mir ebenso notwendig erscheint für das Leben wie eine Seele voll Liebe: Ich werde schönes Maß halten, dessen seien sie zum voraus versichert.“

(Robert Walser: Die Geschwister Tanner. Frankfurt a.M., Suhrkamp, 1997. Der Roman erschien erstmals 1907)

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