Auf der Paloma

In Travemünde war es ganz normal, zum Kaffeetrinken eine Butterfahrt auf der Ostsee zu machen. Die Menschen aus dem Binnenland gingen am Nachmittag vielleicht in einen schattigen Park, in ein Gartencafé oder an einen idyllischen See, in Travemünde fuhr man eben Schiff. Das schien mir als Kind ganz gewöhnlich und gar nicht spektakulär, obwohl ich doch jeden Tag erlebte, wie hingerissen die Touristen waren, die solche Fahrten zum ersten Mal mitmachten. Denn auch wenn so ein kleines Butterschiff nicht gerade sehr imposant aussah, es fuhr doch ziemlich weit hinaus – und wenn man aus Recklinghausen oder Gütersloh kam, dann war es wohl schon die christliche Seefahrt, dieses abgezirkelte Herumschaukeln vor der Küstenlinie. Die Touristen jubelten aufgeregt, wenn der Inhalt ihrer Kaffeetassen etwas Schräglage bekam, weil wir gerade die Bugwellen eines großen Fährschiffes kreuzten. Sie freuten sich, wenn sie an der Reling standen und etwas Gischt nach oben flog, so daß sie ein paar Tropfen abbekamen, sie hielten ihre Hände nach unten, griffen begeistert nach den Wellen, bis die Finger und Ärmel naß wurden und rochen dann an den Spritzern auf der Haut: “Salzig, es riecht wirklich salzig!”. Sie warfen den Möwen, die über dem Schiff kreisten, Brot zu und winkten den Menschen an Land, wenn das Schiff ablegte. Die Touristen sagten auf den Treppen, die zu dem Restaurant unter Deck führten, laut und besserwisserisch “immer eine Hand fürs Schiff”, weil sie das irgendwo gelesen hatten, und dabei klammerten sie sich krampfhaft mit beiden Händen an das abgegriffene Messinggeländer. Touristen waren oft etwas seltsam. Die kleinen Butterschiffe waren etwa anderthalb Stunden unterwegs, gerade genug Zeit, um etwas zu reden, ein oder zwei Stücke Torte zu essen, etwas auf das Meer zu sehen, ein paar Tassen Kaffee zu trinken und eine Stange Zigaretten zu kaufen. Wenn wir Hilde dabei hatten, reichte die Zeit natürlich auch für ein ordentliches Besäufnis.

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