Das Muster der Saison

Freunde von uns haben gerade in Frankreich geheiratet. Da die Dame aus Frankreich kommt und er aus Deutschland, war es natürlich eine größere Aktion der Völkerverständigung, die beiden Familien zusammenzuführen und gemeinsam eine rauschende Party zu geben. Wir konnten uns das Schauspiel wegen der fortgeschrittenen Schwangerschaft der Herzdame nicht ansehen, haben uns aber ausführlich berichten lassen. Es lief alles problemlos, die älteren Franzosen waren nur etwas entnervt über die jungen deutschen Männer, die mit ihrer beträchtlichen Durchschnittsgröße ganz ohne jede Absicht dafür sorgten, daß auf sämtlichen Gruppenbildern der französische Anteil im wahrsten Sinne des Wortes etwas zu kurz kam.

Man darf wohl annehmen, daß der deutsche Bräutigam gründlich von der neuen Familie inspiziert wurde – und tatsächlich fand sich zu später Stunde eine Merkwürdigkeit an ihm. Eine, über die man ihn dem kleinen gallischen Dorf da unten noch lange, lange reden wird.

Zur Erklärung dieser Merkwürdigkeit muß man wissen, daß der Herr Bräutigam sich für die Hochzeit natürlich einen neuen Anzug feinster Machart gekauft hat, bei einem Herrenausstatter, der in Hamburg einen exzellenten Ruf hat und bei dem auch Schwule, die bekanntlich oft einen erlesenen Kleidungsgeschmack haben, sehr gerne kaufen. Dunkel, Nadelstreif, schwerer Stoff, der Anzug saß bei der Probe vortrefflich, die Weste wirkte gerade eben förmlich genug und doch irgendwie lässig, das Innenfutter des Anzugs und die Rückseite waren mit einem kleinen Dekomuster in dezentem Rosa versehen, irgendein ein Ornamentli, man sah beim Kauf gar nicht genau hin, was es eigentlich war, das da die Weste zierte, so ein kleinteiliges Muster eben.

Als der Bräutigam zu später Stunde auf der Hochzeitsfeier aber das Jackett auszog, gab es aber doch Menschen, die genau hinsahen – dann noch genauer hinsahen – und die dann höchst verblüfft und amüsiert die anderen Gäste informierten.

Vielleicht wird man denken, es ist in Deutschland so üblich, vielleicht wird man auch nur den jungen Mann als leicht irre in Erinnerung behalten, es ist schwer zu sagen. Jedenfalls wird man sicher noch jahrelang davon reden, daß der Anzug des Bräutigams innen mit sehr deutlich erkennbaren Abbildungen bedruckt war, die normalerweise nicht eben mit feinen Anzügen assoziiert werden. Denn was da zu sehen war, waren ganz unmißverständlich Abbildungen von Spermien. Sehr, sehr viele, fröhlich wimmelnde Spermien.

Das Paar hat schon ein Kind, aber man möchte nach diesem Vorfall irgendwie darauf wetten, daß es bald ein zweites geben wird.