Ein Polizeiauto fährt mitten in der Nacht an unserem Haus vorbei, es biegt an der Ecke nach rechts ab, fährt um den Block, ein kurzes Stück an der Alster entlang und kommt dann gleich noch einmal die Straße hoch, immer wieder und wieder. Die Reifen quietschen in den Kurven und es hat eine seltsam kaputte Sirene, sie klingt nicht so kräftig wie sonst, sie ist schwächer, dünner, elender – fast klingt sie wie ein weinendes Baby. Fast klingt sie sogar wie unser Baby. Ich wache auf.

Es ist drei Uhr sechsundzwanzig, Regen und heftiger Wind am Dachfenster, das Baby weint, die Herzdame schnarcht. Ganz friedlich und ungerührt liegt sie da, gleichmäßig und tief geht ihr etwas lauter Atem, von Regentropfen zersplittertes Mondlicht spielt um ihre Nase. Das Baby weint, ich überlege wer ich bin, wo ich wohne und wieviel Arme und Beine ich wohl habe, es ist drei Uhr siebenundzwanzig. Die rechte Hand der Herzdame hebt sich wie von einem Faden hochgezogen vom Laken, geisterhaft schwebt sie über der Bettdecke, der Zeigefinger klappt aus wie bei einer beweglichen Puppe und zeigt auf das Kind. Sie schnarcht dabei leise weiter und sieht aus, als würde sie seit Wochen im Koma liegen. Ihre Hand bewegt sich sachte vor und zurück, der Zeigefinger stupst immer wieder in die Luft, dahin, wo das weinende Baby liegt. Der Mund der Herzdame bewegt sich jetzt sacht, ganz leicht kräuseln sich die Lippen und ich höre einen ganz leisen, nur hingehauchten, kaum wahrnehmbaren, aber doch gut erkennbaren, gekonnt nachgemachten Babyfurz. Die Lippen der Herzdame entspannen sich wieder, der Finger klappt ein, die Hand sinkt sanft zurück auf die Bettdecke, sie schnarcht leise weiter, wie sie es seit Stunden tut, das Mondlicht verweilt auf ihrer schlafglatten und von keinem störenden Gedanken getrübten Stirn.

Es ist drei Uhr achtundzwanzig. Ich gehe das Baby windeln.

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