Wir saßen auf dem Steg und langweilten uns, Sarah, Stefan, Bente und ich. Unter normalen Umständen wäre es uns nie eingefallen uns zu langweilen, aber wenn Erwachsene Sätze wie „Geht spielen“ benutzten, wurden wir immer sehr einfallslos. „Geht spielen“ hatten sie zu Sarah, Stefan und mir gesagt, „und nehmt Bente mit“. Bente war etwas jünger als wir und guckte unentwegt so, als hätte man sie gerade ganz furchtbar erschreckt, auch wenn gar nichts war. Sie war die Tochter einer neuen Freundin meiner Mutter und immer, wenn die zu Besuch kam, zogen wir mit der Tochter, die eigentlich doch zu klein für uns war, zum Strand. Es war so eine Sache, mit der Gastfreundschaft. Bente sprach nicht, nie, kein einziges Wort. Als ihr betrunkener Vater einmal in einem Wutanfall alle ihre Stofftiere im Kamin vor ihren Augen verbrannte, hatte sie einfach aufgehört zu sprechen. Das war schon über ein Jahr her, aber seitdem sah sie mit einem dauerhaften Ausdruck ungläubigen Staunens in die Welt und sagte lieber nichts mehr. Die Mutter von Bente war nach diesem Vorfall in ein Frauenhaus gezogen, was die Erwachsenen immer ganz besonders leise aussprachen und besonders betonten, wir wußten gar nicht recht warum. Was war an einem Haus, in dem nur Frauen und Kinder lebten, so schlimm? Gelegentlich besuchte sie meine Mutter und dann hörten wir Kinder unweigerlich bald: „Geht spielen – und nehmt Bente mit“, denn Bentes Mutter und die anderen Freundinnen führten immer sehr ernste Gespräche, bei denen sie uns ausdrücklich nicht dabei haben wollten. Wir gingen hinunter zum Strand.

Wir saßen auf dem Steg. Mit den Zehen konnten wir, wenn wir uns ein wenig lang machten und auf dem Po ganz nach vorne rutschten, die Kämme der Wellen erreichen, gerade eben. Das Wasser war noch eiskalt, es war erst Anfang Mai. Wir hatten ein kleines Schiff dabei, das mit Batterieantrieb fuhr, allerdings immer nur im Kreis. Wir ließen es fahren und sahen zu, wie es rundherum fuhr, immer wieder. Wir konnten es mit den Füßen anstupsen und seine Richtung dadurch etwas verändern, wir ließen es kleine Kreise um unsere Füße fahren und Bente lächelte vergnügt, während sie zusah. Ihre Füße reichten nicht bis zum Wasser, aber wenn eine etwas größere Welle kam, streifte sie leicht ihre Fußsohle. „Möchtest du ein Eis?“ fragte Sarah Bente, denn natürlich hatten wir die Hoffnung, sie irgendwann zum Reden zu kriegen. Sie hatte mit dem Reden einfach aufgehört, dann konnte sie ja wohl auch einfach wieder anfangen. Bente nickte nur. „Welches?“ fragte Sarah trickreich, aber Bente zuckte die Schultern und machte mit den Händen eine Geste, die ganz danach aussah, als wäre ihr jedes, wirklich jedes Eis recht. „Kommst du mit?“ fragte Sarah und Bente nickte wieder, stand auf und ging neben Sarah her, zum Kiosk an der Promenade. Stefan und ich fragten uns, ob Bente nicht vielleicht etwas sagen würde, wenn wir sie einfach vom Steg ins Wasser werfen würden, eigentlich erschien es uns sogar ziemlich wahrscheinlich, daß so etwas den Bann brechen könnte. Im Nachhinein würde es sich dann als gute Tat erweisen, nur leider nicht auf den ersten Blick, das war uns schon klar. Allerdings würde es Sarah sicher überhaupt nicht gut finden, wenn wir die Kleine hinein werfen würden, vielleicht sogar in einem solchen Ausmaß, daß sie dann auch uns nicht mehr gut finden würde – und man konnte ja einiges riskieren, um so ein gestörtes Kind zu heilen, aber doch eben nicht alles. Sarah kam zurück, mit Bente an der Hand. Seltsam, mit der Kleinen an der Hand sah sie gleich viel älter aus. Bente leckte an ihrem Eis und setzte sich wieder neben uns, wir ließen das Schiff noch einmal fahren und legten es dann auf die ausgebleichten Holzplanken des Stegs zum Trocknen. Bente und Sarah warfen ihre Eisstiele ins Wasser und wir sahen zu, wie sie von den Wellen langsam an Land getrieben wurden. „Soll ich dir mal die Haare flechten?“ fragte Sarah Bente und die nickte wieder begeistert. „Einen Schwanz hinten? Zwei Zöpfe? Oder nur einer? Links oder rechts?“ Bente antworte nicht, sie hielt nur ihre langen Haare an beiden Seiten des Kopfes hoch und strahlte. Sarah flocht ihr Zöpfe und wieder sah es so aus, als würde sie dabei älter werden. Bente rutschte auf ihren Schoß. „Schön?“ fragte Sarah und Bente nickte, immer nur dieses lächelnde Nicken. „Sollen wir dir mal eine Qualle fangen?“ fragte ich, denn man mußte sich ja mit irgendwas beschäftigen. Aber diesmal schüttelte sie heftig den Kopf. „Also keine Qualle“, sagte ich, „verstehe“.

Die Zöpfe waren fertig, aber da Sarah keine Gummis oder Spangen dabeihatte, lösten sie sich gleich wieder etwas auf. Bente faßte die Zöpfe an, schüttelte wild den Kopf und faßte wieder an. Die Zöpfe lösten sich mehr und mehr und Bente schüttelte die Haare, bis sie ganz weg waren, sie sah jetzt aus wie ein ganz normales, vergnügtes kleines Mädchen mit sehr strubbeligen Haaren. Sarah sah ihr amüsiert zu und streichelte ihr dann eine Strähne aus dem Gesicht, in ihrer Haltung war jetzt etwas eindeutig Mütterliches auszumachen, was Stefan und mich ganz seltsam berührte. Wir legten uns auf den Rücken und sahen in die weißen Wolkenberge am Himmel. Einfach aufzuzählen, was man da sah, konnte ja auch vielleicht helfen, die Stunden herumzubringen und wir fingen an, die vorbeiziehenden Bilder zu benennen, ein Leuchtturm, ein Schaf, der Teufel, ein wirklich riesiger Busen. Zwischendurch hob ich den Kopf und sah zu Bente hinüber. Sie lag auch auf dem Rücken, aber sie hatte die Augen geschlossen, hörte uns zu und malte dabei mit den Fingern Gebilde in die Luft, wahrscheinlich immer das, was wir gerade ansagten. Ihre Beine waren mit denen von Sarah verhakt.

Touristen ragten plötzlich riesengroß über unseren Köpfen auf, zwei ältere Herren, die an uns vorbeigingen zum Ende des Steges. Sie zeigten auf das Fährschiff, das gerade am Horizont auftauchte und unterhielten sich, wir konnten nicht verstehen, worum es ging. Der eine hatte ein Fernglas dabei und sah durch, der andere drehte sich um, sah uns an und sagte „Na, liegt ihr hier rum?“, was wirklich eine selten blöde Touristenfrage war. Wir sahen angestrengt weg und der Mann kicherte hinter uns: „Hoho, bitte nicht stören, was?“ Die beiden gingen wieder, wir sahen nicht hin, aber wir hörten die Schritte, das leichte Klappen der Sandalen. „Na, liegen wir hier rum“ machte ich den Tonfall des Mannes nach und Sarah sagte betont kindlich „ja, Onkel, ja“. Bente lachte lautlos, es sah etwas seltsam aus.

„Sag was“, flüsterte ihr Sarah zu, während sie ihr zwei neue Zöpfe drehte, „sag doch mal was“. Ich konnte es gerade eben verstehen, sie flüsterte die Aufforderung sozusagen in Bentes Haar hinein, das sie zwischen ihren Fingern drehte. Bente hatte die Augen genießerisch geschlossen und schüttelte nur ganz leicht den Kopf. Das Holz war warm unter uns, fast schon heiß, es war schön, darauf zu liegen. Ein Tretboot fuhr an dem Steg vorbei, mit einem jungen Paar darin, er trat und sie ließ sich fahren. Die beiden winkten uns zu und wir winkten höflich zurück, wobei wir uns bemühten, etwas herablassend zu wirken, es waren ja bestimmt Touristen in dem Boot. Bente winkte mit beiden Händen, sie stand sogar auf, um das Boot besser im Blick zu haben und die beiden an Bord lachten über die eifrige Kleine auf dem Steg. Bente hüpft auf und ab und wir setzten uns lieber auf, das Hopsen dröhnte auf den Planken und in unseren Ohren. „Passen sie auf die Netze auf“, rief Stefan zu dem Boot hinüber. „Netze? Wo?“ rief der Mann zurück und Stefan erklärte ausführlich den komplizierten Verlauf der sehr langgezogenen Fischernetze in Küstennähe, die es in Wahrheit natürlich nicht gab. Touristen konnte man alles erzählen. Der Mann hörte aufmerksam zu und versuchte sich Stefans etwas wirre Erklärungen zu merken, dann wendete er das Boot. Er wirkte jetzt etwas angestrengt. Die Frau beugte sich über Bord und sah konzentriert in das Wasser, auf der Suche nach den Seilen, die das vermeintliche Netz hielten.

Wir gingen vom Steg und die Promenade entlang, unentschlossen, was wir tun sollten. Die Liegewiese vor dem Strand war in der Vorsaison noch menschenleer, es roch frühsommerlich frisch gemäht, die Flaggen der Reedereien an den Fahnenmasten regten sich nur leicht in der Brise. Bente nahm meine Hände und zog mich auf die stoppelige Wiese, sie wollte, was immer irgendwann dran war, wenn sie zu Besuch kam, das Karussellspiel. Dazu mußte man sie an beiden Händen fassen und sich dann schnell im Kreis drehen, so daß sie, die nicht sehr schwer war, sich wirbelnd herumdrehte, die Beine in der Luft. Das machten wir alle drei abwechselnd mit ihr, denn etwas anstrengend war es schon. Einer nach dem anderen wirbelte sie herum und sie strahlte. Das vergnügte Kreischen, das ein normales kleines Mädchen sicherlich von sich gegeben hätte, hörte man allerdings nicht, sie riß zwar den Mund auf, aber es kam nichts heraus, keine Silbe. Stefan war größer und stärker als Sarah und ich, er konnte sie am besten herumwirbeln und er stand wie ein gutmütiger großer Bruder auf der Liegewiese und drehte sich im Kreis, bis ihm schwindelig wurde. Kaum war sie wieder auf den Beinen, kam sie zu mir gelaufen, riß an meinen Händen und sah mich auffordernd an, die Haare wild im Gesicht. Ich faßte zu und fing an, mich zu drehen, schneller und schneller, ihre Beine hoben ab und gingen in die Höhe, ich versuchte, meine Arme ganz lang zu machen, damit sie noch weiter ausschwingen konnte und dann rutschte sie mir weg.

Es war wohl einfach zuviel Schwung, plötzlich flog sie mir aus den Händen und, wie mir damals schien, meterweit über die Wiese. Sie landete hart auf dem Bauch und ich hatte Angst, daß sie sich etwas getan haben könnte, denn man konnte ja schlecht ein mißhandeltes Kind mißhandeln, das war nun wirklich gegen alle nur denkbaren Spielregeln, wie es mir schien. Wir liefen zu ihr und drehten sie um, Sarah fauchte Stefan und mich an, gefälligst Abstand zu halten, sie nahm Bentes Kopf in den Schoß, fragte, wo es wehtat und streichelte über ihr Haar. Bente hatte Tränen in den Augen, ihre Knie waren beide blutig, wenn auch nicht sehr schlimm. Ich sagte ihr natürlich, daß es keine Absicht gewesen sei, sie schüttelte den Kopf, nein, natürlich nicht, keine Absicht, sie verstand schon, zumindest sah es für mich so aus. Es schien aber doch sehr weh zu tun, denn sie krümmte sich jetzt über ihre Knie und dann hörten wir ein ganz, ganz leises, langgezogenes „Au“, mehr ein reflexhafter Laut als ein gesprochenes Wort. Sarah nahm sie in den Arm und die Kleine weinte und weinte. Gesagt hat sie dann aber doch nichts mehr, nach dem „Au“, alle Fragen von uns blieben unbeantwortet, alle Trostversuche von Sarah, ihre streichelnden Hände, ihre gemurmelten Liebkosungen bewirkten nur ein allmähliches Nachlassen ihres Schluchzens. Es war uns daher gar nicht recht klar, ob wir diese eine Silbe als spektakulären Erfolg feiern sollten oder lieber nicht.

Stefan, Sarah und ich, wir haben uns noch wochenlang darüber gestritten.

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