„Die Romantik des Stillens wird ja maßlos überschätzt“, sagte die Herzdame und klappte das Buch auf ihrem Schoß zu.

In den Ratgeberbüchern sind immer sehr lieb lächelnde Kinder abgebildet, die in einem rosa umflorten Zimmer an einer mütterlichen Brust friedlich nuckeln, während die huldvoll Nährende sinnend zu ihrem Heiligenschein aufblickt und leicht den Hinterkopf des wonniglichen Babys streichelt, wobei vor dem Fenster eine milde Sonne hinter den gepflegten Hecken der Vorstadt versinkt. Ein Idyll erster Klasse. Die Wirklichkeit, liebe Freunde der Fortpflanzung, die Wirklichkeit sieht anders aus, zumindest bei uns.

Unser Sohn hält es für sinnvoll, im Falle einer Hungerattacke den Busen der Mutter minutenlang mit wutverzerrtem Gesicht anzubrüllen um dann, wenn man ihm nicht die Händchen rechtzeitig ein wenig festhält, ein paarmal kräftig dagegen zu boxen. Nach diesen seiner Meinung nach vermutlich milchbildenden Maßnahmen verschwindet ein unfaßbar großer Anteil des Busens in seinem bedrohlich weit aufgesperrten Schnabel, er saugt gierig und hektisch, wobei er die Augen angestrengt zukneift und hochkonzentriert nach Arbeit oder Leistungssport aussieht. Nach einer ziemlich langen Weile, wenn sein Bäuchlein schon kugelig hervorzutreten scheint und man zu fürchten beginnt, das Kind könnte in wenigen Minuten platzen, wird das Saugen allmählich langsamer und langsamer, bis sein Kopf schließlich mit einem zufriedenen Rülpsen nach hinten kippt, es atmet einmal tief durch und fängt dann übergangslos an zu schnarchen. Dabei bewegen sich weiter unten die unverwertbaren Reste der vorletzten Mahlzeit geräuschvoll windelwärts.

Wirklich sehr romantisch.

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