Merlix lernt

Ich kenne mich mit Kindern nicht sehr gut aus, natürlich mittlerweile abgesehen von vier Wochen alten männlichen Babys. Ein ganz klein wenig kenne ich mich auch mit dreieinhalbjährigen Mädchen aus. Das eine haben wir zu Hause, das andere hat die schöne Nachbarin, weiter reicht mein Horizont da noch nicht – aber man ist ja auch vollkommen ausreichend beschäftigt, wenn man an zwei Exemplaren studiert.

Letzten Sonntag haben wir den ganzen Tag auf die Tochter der schönen Nachbarin aufgepaßt, wieder eine hervorragende Gelegenheit, mein Wissen zu erweitern, ich sehe so etwas ja durchaus ambitioniert. Man stößt da alle paar Minuten auf vollkommen ungeahnte Komplikationen.

Zum Beispiel steht die Kleine vor mir, in der einen Hand ihr nagelneues Laufrad, in der anderen einen Fahrradhelm. Intuitiv wie ich bin erkenne ich sofort: Der Helm muß auf den Kinderkopf. Ich hocke mich vor sie, setze ihr den Helm auf und untersuche eingehend das Gestrippe, das darunter hängt und mutmaßlich unter dem Kinderkinn befestigt werden soll. Ich mache probeweise etwas zu, was so aussieht, als könne man es zumachen. Es klickt, der Helm sitzt, ich richte mich sehr zufrieden wieder auf. Das Kind sagt: „Paßt nicht“.

„Ja wie, paßt nicht?“ frage ich, „das ist doch dein Helm?“. „Ja“, sagt die Kleine sehr empört, „natürlich! Meiner!“. Dann muß der auch passen, denke ich und drücke oben vorsichtig etwas drauf. Das Kind protestiert energisch und weist in bedenklich hoher Stimmlage darauf hin, daß der Helm jetzt sogar wehtun würde. Doll. Ich nehme den Helm ab und mache die kleinen Gurte daran so weit, wir sie nur sein können. Das Kind setzt den Helm wieder auf, die Kinngurte schlabbern jetzt auf Brusthöhe herum, das Kind sagt: „Zu eng! Tut weh!“ Es verschränkt die Arme vor dem Körper und guckt finster.

Ich nehme ihr den Helm ab. Ich sehe mir den Helm sehr genau an. Vielleicht kann man ja innen auch etwas verstellen. Ich sehe mir sicherheitshalber auch den Kopf des Kindes genau an. Ich ahne etwas. Das Kind beugt den Kopf nach unten, scharrt mit den Füßen und murmelt vorwurfsvoll: „Bei Mama tut das nicht weh“.

Ich folge meiner Ahnung und entferne einen Haarreif und gefühlte hundert Haarspangen aus der Frisur des Kindes: Der Helm paßt.

Wenn ich wieder auf die Kleine aufpasse, werde ich wohl besser ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Hier wird ausgebildet“ tragen.