Wunder für den Hausgebrauch

Der Sohn wurde am Wochenende getauft und hat den Gottesdienst in geradezu vorbildlicher Ruhe überstanden. Die Orgelmusik fand er zwar sehr seltsam und nicht so richtig schön, beließ es aber tolerant bei gerunzelter Stirn und skeptischen Blicken. Das die Gemeinde dauernd aufstand, um sich dann nach etwas Gemurmel gleich wieder hinzusetzen, schien ihn zu amüsieren und die eingehende Betrachtung der bunten Glasfenster der Kirche war schon genug Programm für eine ganze halbe Stunde. Die Taufe selbst machte ihm als echten Hamburger nichts aus, schließlich sind wir es hier alle gewohnt, jeden Tag von oben mit reichlich Wasser begossen zu werden, da kommt es auf ein paar Tropfen mehr oder weniger auch nicht an. Und Männer in Matrosenanzügen zeigen eh keine Angst vor Wasser, versteht sich, egal, wie klein sie sind. Das Geburtshaus von Hans Albers steht ein paar Meter weiter, so eine Nachbarschaft verpflichtet.

Wir haben dem Kleinen mit Lyssa und der schönen Nachbarin zwei wundervolle Patinnen zur Seite gestellt – und mit der Tochter der Nachbarin hat er auch noch eine große Schwester ehrenhalber, die seit gestern vehement darauf besteht, nur noch förmlich mit „große Schwester“ angeredet zu werden – und nicht etwa mit kleine Maus, Schatz, Prinzeßchen oder anderen Albernheiten, mit denen man Dreijährige normalerweise begrüßt. Ordnung muß sein und Ämter verpflichten.

Der frisch getaufte Sohn hat nach vollzogenem Taufakt spontan beschlossen, den Vorgang des Stillens fortan nicht mehr mit Nahkampfaspekten zu vermischen – er trinkt jetzt plötzlich ganz ohne Boxen und Treten, dafür mit andächtigem Blick und, man mag es gar nicht glauben, artig gefalteten Händen. So ein religiöser Akt kann in der Tat sehr angenehme Folgen haben. Noch ein paar Gottesdienste und er leuchtet wahrscheinlich im Dunkeln.